Montag, 29. Oktober 2012

Steingart und Jakobs beim Handelsblatt

Das ist eine faustdicke positive  Überraschung: Gabor Steingart, Chefredakteur des Handelsblatts wird Chef der Verlagsgruppe Handelsblatt, meldet der Kress Report. Und  Hans-Jürgen Jakobs, Leiter des Wirtschaftsressorts  der Süddeutschen Zeitung, wird sein Nachfolger als Chefredakteur. Endlich mal wieder ein Verlag, der den Mut hat, einen Journalisten an die Verlagsspitze zu holen.
Ich kenne beide Journalisten seit vielen Jahren.
Steingart war Mitte der achtziger Jahre als Volontär von der Holtzbrinck-Journalistenschule in das Ressort Wirtschaft und Politik gekommen, als ich dieses Ressort leitete. Auch Jakobs ist ein alter Holtzbrinck-Fahrensmann, ich erinnere mich an seine Zeit bei einem - später eingestellten - Medienmagazin von Holtzbrinck, das Klaus Hattemer entworfen hatte.
Mit diesen beiden Journalisten hat sich der Verleger Dieter von Holtzbrinck stark aufgestellt. Seit 1. Juni 2009 gehören ihm (über die DvH Medien GmbH) wichtige Teile der bis dahin  von seinem Bruder Stefan von Holtzbrinck kontrollierten Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck: Alle Anteile an der Verlagsgruppe Handelsblatt, die Tagesspiegel-Gruppe sowie 50 Prozent am Verlag der Wochenzeitung Die Zeit, dessen operative Führung die DvH Medien übernommen hat. Während Stefan mutig, aber bislang wenig glücklich viel Geld in Internet-Portale investierte - der Absturz des teuer eingekauften Portals Studi-VZ ist ein einziges Drama - hat sich Dieter die Perlen des Hauses im Zeitungsbereich einverleibt und verlegerische Qualitäten bewiesen(die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck ist besonders stark im Buchbereich und international gut aufgestellt).

Zwei starke Persönlichkeiten steuern nun die Geschicke des Handelsblatts: Steingart ist rhetorisch begabt, kreativ, aufgeschlossen für Neues, undogmatisch und schnell. Er wäre der richtige Mann, um Gruner + Jahr die FTD abzukaufen, und sie als eigenständige Redaktion bei gemeinsamer Vermarktung mit dem Handelsblatt fortzuführen.
Jakobs ist bissig und investigativ.  Ein erfahrener Wirtschaftsjournalist mit besten Kontakten in die Unternehmen. Der Aufstieg Steingarts wird manchen im Handelsblatt aufatmen lassen, denn Steingart hatte seine Ecken und Kanten. Aber Jakobs ist vom gleichen Schlag. Ihn interessieren nicht die persönlichen Befindlichkeiten, er ist genauso ehrgeizig und heiß auf gute Geschichten. Man kann nur hoffen, dass sich das nicht wie früher nur in zugespitzten Überschriften niederschlägt, sondern in Substanz, wie die Handelsblatt-Werbung bekanntlich verspricht.

Sonntag, 28. Oktober 2012

Öffentlich Rechtliche und die Parteien

Warum gab es eigentlich so große Aufregung, bloss weil ein Pressesprecher der CSU (erfolglos) beim ZDF anruft, um einen Bericht über die bayerische SPD zu verhindern?  Und dann hat sich auch noch jemand beim bayerischen Fernsehen beschwert, unerhört so was.
Wenn Journalisten jedes mal so einen Aufstand machen würden, wenn sich jemand beschwert, kämen sie gar nicht mehr zu ihrer Arbeit. Jede gute Redaktion kennt solche Einflussnahmeversuche, auch aus der Wirtschaft. Wer die Medien kennt, weiß, dass es ziemlich sinnlos ist, sich zu beschweren, es sei denn man hat handfeste juristische Argumente gegen falsche Berichterstattung.
In meiner Zeit bei Capital beschwerte sich nach fast jeder Ausgabe ein Vorstand, wenn unser Unternehmensressort mal wieder was rausgefunden hatte, was ein Konzern nicht öffentlich machen wollte. Der damalige Mercedes Vorstand Werner wollte sogar ein ganzes Heft vor der Auslieferung einstellen lassen, was Schrempp persönlich verhinderte.
Die Empörung letzte Woche hatte etwas heuchlerisches. Am peinlichsten das Interview, das Claus Kleber dazu mit dem ZDF-Chefredakteur Frey führen musste. Die Körper sprachen Bände. Kleber fühlte sich sichtlich unwohl, und Frey gab eine komische Figur ab. So ist es eben wenn "Betroffene" sich selbst interviewen. Die armen Betroffenen. Sowas von betroffen.
Die öffentlich rechtlichen Sender sind politisch beeinflusst, das ist doch nichts Neues. Als ich mich in den achtziger Jahren einmal beim WDR beworben hatte, wurde ich nach meiner Parteimitgliedschaft gefragt. Als ich wahrheitsgemäß die CDU angab, gab man mir tatsächlich klar zu verstehen, dass die Position aus Proporzgründen nur an ein SPD-Mitglied vergeben werden könne.
Im Bayerischen Fernsehen redet die CSU mit, auch wenn Siegmund Gottlieb das öffentlich von sich weist. Der Posten des Chefredakteurs wird seit Jahrzehnten nicht ohne Zustimmung der CSU besetzt.
Die Parteien sitzen in den Aufsichtsgremien der öffentlich rechtlichen Sender und sie machen - etwa bei der Besetzung des Spitzenpersonals  - von ihren Einflussmöglichkeiten auch ehr oder weniger dezent Gebrauch. Müssen wir das beklagen? Einen guten Journalisten beeindruckt das nicht. Er macht seine Arbeit. Und in den Öffentlich Rechtlichen hat er noch nicht mal ein Risiko, denn er ist praktisch unkündbar und bekommt eine fette Pension. Und übrigens gibt es auch noch viele private Sender, die keine Gebühren kassieren.




Donnerstag, 25. Oktober 2012

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Romney und die deutschen Medien

Es wird viel über die Endphase des Wahlkampfes in den USA berichtet. Die deutschen  Medien hatten sich seit Monaten auf Obama als Sieger festgelegt.
Jetzt wundern sie sich, dass Mitt Romney mit Barrack Obama gleichauf liegt, und durchaus Chancen hat zu gewinnen. Nach der ersten Fernsehdebatte wachten plötzlich alle auf und wunderten sich.
Der Mechanismus ist recht einfach: Deutsche Chefredakteure lesen (wenn überhaupt amerikanische Medien)  New York Times und sehen CNN. Das sind die "liberalen" Medien der Ostküste. Genauso die Korrespondenten. Von ihnen gab es seit Monaten kaum kritische Berichte über Obama, dafür umso mehr Häme gegen Romney.
Liberal ist in den USA anders als hierzulande definiert. Gemeint sind im Zwei-Parteien-System der USA die Demokraten und die mit ihnen verbundenen Medien, die von den Republikanern pauschal als Linke bezeichnet werden. Neokonservative verbinden mit den Liberalen vor allem  staatliche Bevormundung und Geldverschwendung.
Diese konservative Grundeinstellung ist in den USA vor allem im mittleren Westen stark. In vielen  Bundesstaaten, die bei den letzten Wahlen auf Obamas Seite standen, sieht man aber auch, wie wenig Obama von seinen Versprechungen eingehalten hat. Das "Yes we can" war aufrüttelnd, aber fast alle Reformansätze blieben stecken. Und die USA kämpfen immer noch in Afghanistan.
Ob Romney ein guter Präsident wäre, wissen wir alle nicht. Uns Deutschen sind seine Positionen fremd: Ein Multimillionär, Finanzinvestor (Heuschrecke!), ein Mormone und Abtreibungsgegner, ein Befürworter der Todesstrafe und Gegner gleichgeschlechtlicher Ehen als Präsident? Das kann und will sich hier niemand vorstellen. In den USA gruselt so etwas nur die Liberalen, nicht die Mehrheit der Amerikaner.
Die eigentlichen Probleme liegen jedoch im Staatshaushalt, der hohen Arbeitslosigkeit und der Wirtschaft. Und hier trauen viele Amerikaner Romney mehr zu als Obama und seinen Demokraten.
Von 307 Millionen Amerikanern waren bei den letzten Wahlen 2008 etwa 230 Millionen wahlberechtigt (alle über 18jährigen) und davon gingen 130 Millionen zur Wahl (56,8%). Es wird erwartet, dass jüngere Wähler diesmal politikverdrossener sind und weniger wählen. Romney ist also möglich. Und wir sollten uns darauf einstellen.



Dienstag, 23. Oktober 2012

Erfahrungen mit Kabel Deutschland

Bei meinem letzten Umzug habe ich in Mainz konsequent auf neue Anbieter gesetzt: Strom, Gas, Telefon, Internet, Fernsehen. Bei Strom und Gas spare ich  erheblich, der Übergang hat reibungslos funktioniert.
Bei Internet und Fernsehen habe ich mit Kabel Deutschland offensichtlich einen ziemlich großen Fehler gemacht. Dieser Anbieter verspricht günstige Angebote und macht einen großen Zirkus rund um seinen Kundenservice. Aber die Werbung ist irreführend. Im Internet wird High Speed bis zu 100 MB versprochen. Ich habe mir einen Router in die erste Etage legen lassen, um von dort aus drei Etagen zu versorgen. Im ersten Stock kommen schon mal nur maximal 60 MB an. Und im Erdgeschoss kommen dann noch ganze 100 KB an, wie der bestellte Techniker herausfand (den ich zusätzlich bezahlen muss). Man müsste einen Verstärker im Erdgeschoss anbringen, aber das kann der Techniker von Kabel Deutschland nicht. Oder man muss einen zweiten Vertrag bestellen. Oder den Router ins Erdgeschoss legen, was dann zu schlechtem Empfang im ersten Stock führt...Auch das bestellte Fernsehpaket - Programme in HD Qualität - funktioniert nicht richtig. Es kommt beim HD-Empfang permanent zu Aussetzern. Trotz aller Messungen, Austausch von Steckdosen und Kabeln ist das Problem seit vier Wochen immer noch nicht gelöst. Beim  Kauf eines Ersatzkabels im Mediamarkt besuchte ich einen Stand von Kabel Deutschland. Dort erfuhr ich, dass ich Internet und Fernsehen als EIN Paket hätte kaufen können, das hätte 5 Euro weniger gekostet und ich hätte einen 200-Euro-Einkaufsgutschein (!) für den Mediamarkt bekommen. Ich fühle mich wie das legendäre HB-Männchen.
Emails werden ansonsten relativ schnell mit einem Schwall von Textbausteinen beantwortet. Wie man die Datenmengen steuert und so. Nach einigem hin und her dann dieses:
Sehr geehrter Herr Brunowsky,
vielen Dank für Ihre Anfrage.
Bitte entschuldigen Sie die verspätete Antwort.
Wir bitten Sie um Entschuldigung!
Es tut uns leid, dass Ihr Internetanschluss im Moment nicht in der gewohnten Qualität funktioniert. Wir haben die Leitungen gleich geprüft und festgestellt, dass Ihnen derzeit nicht die volle Bandbreite zur Verfügung steht.
Selbstverständlich arbeiten wir bereits daran, den Fehler so schnell wie möglich zu beheben. Wir möchten natürlich, dass Sie mit uns zufrieden sin
d.


Randbemerkung: Nach meinem Vertragsabschluss mit einem Call Center rief mich dann noch eine Dame aus der Qualitätssicherung an, die meine Zufriedenheit mit dem vorherigen Gespräch abfragen wollte. In diesem Gespräch fiel mir die Frage ein, ob ich eigentlich mit dem erworbenen Receiver auch in der oberen Etage in HD-Qualität fernsehen kann. Natürlich nicht, dafür müsste ich einen weiteren Vertrag bestellen. Ich bat um Rückverbindung zu der anderen Kollegin - nicht möglich. Am Schluss Rechthaberei und heftiger Streit. Die Qualitätssicherung war schlimmer als das zu überwachende Call-Center.



Samstag, 20. Oktober 2012

Bertelsmann: Rabes schwarzer Tag

Gruner+Jahr bleibt für Bertelsmann ein Problemfall. Dass die Jahr-Familie ihre Gruner+Jahr-Anteile nicht gegen Bertelsmann-Anteile und schon gar nicht gegen RTL-Anteile eintauschen wollte, ist für den mit soviel Vorschusslorbeeren gestarteten Bertelsmann-CEO Thomas Rabe ein herber Rückschlag. Im Grunde ist gleich sein erstes, von ihm öffentlich propagiertes Projekt gescheitert. Es bleibt vorerst alles beim Alten.
Dass Bertelsmann nun den Geldhahn für die Neuausrichtung der selbstbewussten Hamburger Tochter weit öffnen wird, ist eher unwahrscheinlich. Die Jahr-Familie hat zwar jetzt verhindert, dass Bertelsmann die Option eines Verkaufs von G+J  nicht ziehen kann, doch das ist ein Pyrrhussieg, der den Hamburger nur eine Atempause verschaffen wird. Langfristig wird sich der Druck kontinuierlich verstärken und das werden vor allem die Redaktionen mit weiteren Kostensenkungsrunden zu spüren bekommen.
Rabe hatte den Wunsch nach Übernahme der Jahr-Anteile in der FAZ unter anderem damit begründet, dass die RTL-Sender enger mit den G+J-Redaktionen zusammen arbeiten könnten.  Warum ginge das nicht auch ohne den vollständigen Besitz von G+J? Weil RTL und die G+J-Redaktionen völlig unterschiedliche Kulturen repräsentieren. RTL ist im Grunde Boulevard pur, die Bildzeitung unter den Fernsehsendern. Dagegen sprechen auch nicht die renommierten Nachrichtenformate und Figuren wie Peter Klöppel. Auch BILD hat hohe Nachrichtenqualität. Selbst wenn Stern-TV ein einigermaßen gelungenes Modell der Markenübertragung ist, die Redaktionen von Stern, Geo und Brigitte sind aus ihrer Sicht nicht kompatibel mit RTL. Die Journalisten in diesen Medien sind in einer anderen Welt zuhause. "Deutschland sucht den Superstar" oder "Dschungelcamp" sind für die Hanseaten unterste Schublade. Deswegen war wahrscheinlich auch Angelika Jahr gegen den Ausstieg. Man müsste die Redaktionen schon zur Kooperation zwingen, und das ginge nur ohne die Jahr-Familie.
Die dürre Pressemitteilung von gestern muss man gelesen haben. Soviel Verkleisterung habe ich selten in einer Presseinfo gesehen. In ROT habe ich deshalb erfunden, was nicht gesagt wurde:

" Bertelsmann und die Jahr Holding sind im Verlaufe ihrer Gespräche über die künftige Ausrichtung (bei denen es nicht um die Ausrichtung, sondern um die Machtverhältnisse ging) von Gruner + Jahr einvernehmlich zu der Entscheidung gelangt, dass sie Europas größtes Zeitschriftenverlagshaus (in der die Zeitung FTD das größte Problem ist) auch in Zukunft gemeinsam (genauso wenig wie in der Vergangenheit) weiterentwickeln werden. (Wir werden dabei wie bisher kein Geld geben, wenn es uns nicht sinnvoll erscheint). Die Anteilsverhältnisse an der Gruner + Jahr AG & Co KG bleiben (leider)  unverändert.

Thomas Rabe, Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann, erklärt: „Bertelsmann wird die mehr als 40 Jahre währende, erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Familie Jahr (jetzt doch)  fortsetzen. (Leider habe ich die Erfolgsaussichten für eine Anteilsübernahme völlig falsch eingeschätzt. Sonst hätte ich mich nicht öffentlich so positioniert.) Wir werden die starke Position von G+J im Mediengeschäft ausbauen, die Digitalisierung von Inhalten und Marken vorantreiben und die dafür notwendigen Mittel zur Verfügung stellen. (Mit diesem Versprechen hat die Jahr-Familie auf ganzer Linie gesiegt. Das werde ich nicht so schnell vergessen). Bertelsmann fühlt sich dem Qualitätsjournalismus als einem inhaltlichen Kern seiner Geschäfte auch in Zukunft verpflichtet.(Diese Selbstverständlichkeit musste ich auf Wunsch der Jahrfamilie nochmal ausdrücklich betonen. Sei´s drum.)

Winfried Steeger, Geschäftsführer der Jahr Holding GmbH & Co. KG, (spricht wie ein Sieger und) sagt: „In den intensiven (wir haben wirklich ganz lange miteinander gesprochen) und konstruktiven (Bertelsmann hat uns verstanden) Gesprächen mit Bertelsmann sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir die anstehenden (teuren) Herausforderungen für G+J am besten gemeinsam werden meistern können (indem Bertelsmann uns möglichst viel zahlt und möglichst wenig reinredet). Beide Gesellschafter kennen das Verlagshaus seit langem, vertrauen einander und werden (unter unserer Anleitung) G+J in eine gute Zukunft führen.“

Dienstag, 16. Oktober 2012

Plagiate

Das Internet hat viele schlechte. aber auch manche guten Seiten. Eine von letzteren ist die Fähigkeit, abgeschriebene Texte zu entlarven. Ohne das Internet hätten weder Herr von und zu Guttenberg noch Frau Sass (Stoibers Tochter), Frau Mathiopoulos oder Frau Koch-Mehrin ihren Doktortitel verloren. Und dass nun der Doktortitel der Bundesbildungsministerin im Fadenkreuz der Entlarver steht ist natürlich ein besonderer Knaller. Ich bin gespannt, ob Frau Schavan das durchsteht.
Plagiat und Urheberrecht stehen sich an vielen Stellen gegenüber. Dass auch im Journalismus viel abgeschrieben wird, ohne die Quelle zu nennen, hat fast jeder Journalist schon erlebt, wenn er seine Texte woanders wortwörtlich wieder findet. Geklagt hat dagegen noch niemand. Denn leider gibt es für abgeschriebene Geschichten und Zitate im Journalismus keinen Doktortitel, und Zitatquellen oder gar Fußnoten verlängern ja unnötig die Texte. "Copy and Paste" ist uns ja z.B. bei Microsoft Office geradezu aufgezwungen! Kopieren ist wesentlicher Bestandteil der digitalen Welt.
Wir könnten jetzt zwei Fragestellungen untersuchen: Wozu brauchen wir Doktortitel außerhalb der Wissenschaft, wo sie Voraussetzung für eine Professur sind?  Man muss kein Doktor sein, um Konzerne zu leiten. Der Chef der Telekom ist Studienabbrecher(siehe Handelsblatt von heute).
Zum anderen: Warum wird wird das Abschreiben nicht besser kontrolliert? Jeder Doktorvater könnte doch heute den Text seines Doktoranden durch ein Programm laufen lassen, das Archive nach wortgleichen Stellen durchsucht?

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Barschel und kein Ende

25 Jahre nach seinem Tod ist Uwe Barschel immer noch ein Thema. Gestern besuchte ich auf der Frankfurter Buchmesse die Pressekonferenz des ehemaligen Lübecker Ermittlungschefs Heinrich Wille. Vorgestellt wurde sein im Grunde altes Buch "Ein Mord, der keiner sein durfte"dessen Text nach seinen eigenen Aussagen von 2007 stammt und das bereits 2011 im Schweizer Rotpunktverlag erschienen ist. In dem Buch fehlen Antworten und Hinweise auf die wichtigste Fragen: Wer war der Mörder, wenn es denn ein Mord war? Wer hatte Interesse am Tod Barschels? Und wer wollte verhindern, dass Wille den Mordfall aufklärte?

Ich kannte Barschel. Als Bonner  Korrespondent der Wirtschaftswoche habe ich ihn gelegentlich interviewt. Ich kannte auch den Mann, der dem Spiegel die Geschichte verkauft hatte, dass Barschel ihn mit der Bespitzelung von Björn Engholm beauftragt hatte: Reiner Pfeiffer. Deswegen interessiert mich diese ganze Geschichte.
Pfeiffer war Redakteur eines kleinen Bremer Wochenblättchens namens Weser-Report, für das ich gelegentlich Kolumnen schrieb. Ein äußerst windiger Typ, wie ich erst später erfuhr. Er lieferte dem Spiegel eine Skandalstory liefert, die bis heute gravierende Lücken hat. Bei Wikipedia lesen wir über ihn: "Obwohl Pfeiffer immer wieder behauptet hatte, Ministerpräsident Barschel sei der Auftraggeber dieser zum Teil kriminellen Machenschaften gewesen, wurde später seitens verschiedener Ermittlungseinrichtungen die Glaubwürdigkeit Pfeiffers hierzu in Frage gestellt. Ferner gelang es nicht, die Urheberschaft Barschels zu beweisen." Nicht nur der Tod Barschels ist bis heute unaufgeklärt, auch die sehr obskure Rolle Pfeiffers, der später dann auch noch in der "Schubladenaffäre" (50.000 Euro für Pfeiffer aus einer Schublade des SPD-Landesvorsitzenden Janssen) die SPD in Schwierigkeiten brachte.

Irritiert hat mich gestern, wie locker der frühere Staatsanwalt Wille mit den Informationen aus Stasiquellen umging: Die Stasi scheidet für Wille aus, sie habe die Medien auch nicht instrumentalisiert.  Dennoch berichtete er viel über die damaligen Informationsflüsse: Der Chef-Toxikologe der Stasi sei der Hauptinformant für den Stern gewesen. Mit ihm habe er viel telefoniert, seit er sich geoutet hat. (Wieso läuft dieser Giftmischer immer noch frei herum?) Wille schwärmte von seiner Zusammenarbeit mit Spiegel und Stern, während er sich von dunklen Mächten gemobbt und in seiner Arbeit behindert sieht. Immer wieder der Hinweis auf Dinge, die er nicht hätte schreiben können. Dass  Stern-Reporter Knauer noch vor der Polizei am Tatort Fotos machte, kann kein Zufall gewesen sein. Er verschwand später im Kulturteil des Magazins.
Wie die Stasi sehr wohl Medien instrumentalisierte, bewies der angebliche Brief des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten an den damaligen Parteifreund CDU-Finanzminister Gerhard Stoltenberg, in dem Barschel ihn der Mitwisserschaft in der Affäre bezichtigte und mehr Unterstützung forderte. Dieser von "Panorama" und vom "Stern" veröffentlichte Brief von 1987 machte viel Furore und belastete Stoltenberg bis zu seinem Rücktritt 1992. Er stellte sich 1991 als lupenreine Fälschung der Abteilung X HVA des Auslandsnachrichtendienstes (Stasi) der DDR heraus, die den Brief verschiedenen Redaktionen zugespielt hatte.
Wille gibt an, die Gauckbehörde habe nicht alle Unterlagen geliefert, die sie über die Vorgänge hatte. Im Fernsehen sei ein Fax aus den Akten der Gauckbehörde gezeigt worden, das ihm nicht zugänglich gemacht worden sei. Und dann: Der BND habe versucht, die Ermittlungsbehörden zu instrumentalisieren. Dunkle Mächte waren wohl am Werk, deutet Wille mit Stichworten an: Vielleicht Israel, Iran, Südafrika, U-Boote. Die frühere HDW-Werft in Kiel baute U-Boote für den Export.
Beweise gibt für geheimdienstliche Hintergründe gibt es nicht. Vorstellbar ist vieles. Aber was ist die Wahrheit? Viel spricht für einen Mord, aber warum rollte man den Fall nicht noch einmal auf? Wille lieferte noch einmal ein paar Details, die einen Mord als plausibel erscheinen lassen: Zum Beispiel ein leeres Whisky-Fläschchen, das ausgespült worden war und in dem dennoch ein starker Giftstoff nachgewiesen werden konnte. "Welcher Selbstmörder spült eine Flasche mit vergiftetem Whisky aus?", so Wille.
Der Spiegel (hier klicken) berichtete 1990 über zahlreiche ungeklärte Mordfälle, die mit der Stasi in Verbindung gebracht wurden. Ich empfehle hierzu auch das präzise aufklärende Buch meines Freundes und Kollegen Michael Ludwig Müller, "Die DDR war immer dabei - SED, Stasi & Co und ihr Einfluss auf die Bundesrepublik". 
Das Kapitel Stasi ist noch längst nicht abgeschlossen.

Samstag, 6. Oktober 2012

Die bittere Wahrheit...

Das Magazin Focus beschäftigt sich in seiner in seiner neuen Titelgeschichte mit dem wichtigen Thema Pflegebedürftigkeit im Alter. Da es sich um ein Magazin mit Hang zum Optimismus handelt, sind auf der Titelseite verkaufsfördernd drei fröhliche Generationen zu sehen (Focus hat das Originalbild entfernt und diesen Link reingesetzt:
FOCUS-Titel: FOCUS-Titel
Das Bild vermittelt - anders als der Inhalt - leider eine in der Werbebranche weit verbreitete Oberflächlichkeit*: Wie schön ist es doch alt zu werden!
Die Wahrheit spricht Joachim Fuchsbergers in seinem Buch aus: "Alt werden ist nichts für Feiglinge".
Zufriedene Siebzigjährige in den Armen ihrer Kinder und Enkelkinder? Schön, wenn es so ist. Aber die Singularisierung unserer Gesellschaft macht das Bild zur Ausnahme.
Die bittere Wahrheit ist: Immer mehr Menschen sind am Ende ihres Lebens ganz allein. In ein paar Jahren werden über 10 Mio älter als 80 sein, davon über 3 Millionen dement.  Wir diskutieren über die private Pflege und diverse Zuschußmodelle. Doch wer kann demente Menschen wirklich privat pflegen?
Unsere Gesellschaft steuert  auf einen großen Eisberg zu, von dem wir nur die kleine Spitze sehen. Ja, ganz früher war es so, dass die demente Uroma im Wohnzimmer am Ofen ihr Plätzchen hatte, versorgt und gepflegt wurde bis sie irgendwann friedlich verstarb. Heute werden diese Menschen im Pflegeheim in gesonderten Häusern zusammen gefasst.
Sie sitzen tagsüber, ohne es noch wahrzunehmen, mit anderen zum Teil völlig stumpfsinnigen Dementen zusammen. Der Mittagstisch erinnert mehr an ein Irrenhaus als an gemütliches Altersheim. Daran muss man sich als Besucher gewöhnen. Glückliche Gesichter sehen anders aus. In guten Heimen werden die Dementen beschäftigt und mit allem versorgt, besser als man es privat könnte. Die Umgebung ist schön, die Pfleger sind freundlich. Und dennoch. Wer einmal im noch so schönen Pflegeheim landet, ist weggestellt. Und es gibt wohl keine Alternativen. Ich würde mir wünschen, mehr ehrliche Bilder zu sehen, auch wenn sie sicher nicht verkaufsfördernd sind.

*Zum Glück ist der Inhalt der Focus-Geschichte weitaus näher an der Wirklichkeit. Die Focus-Redakteure Barbara Esser und Herbert Weber sind einfühlsam und rechercheintensiv auf das Thema eingegangen. Sie liefern ein substanzielles,  umfangreiches Nutzwertpaket. Und dazu  Beispiele, wie die Generationen auch heute noch zusammen halten können.

Montag, 1. Oktober 2012

Ackermann: Gute Figur gemacht

Gestern ist es Günther Jauch gelungen, zwei Leute in seine Talkshow zu bringen, die aus zwei verschiedenen Welten kommen: Josef Ackermann, Ex-Chef der Deutschen Bank und Daniel Cohn-Bendit, den in die Jahre gekommenen "Revoluzzer", wie er vorgestellt wurde, dessen Sohn Investmentbanker werden will (!).
Glückwunsch zu diesem Coup!
Das Interesse an der Sendung war groß, alle Medien berichten darüber und viele Kommentare in den Online-Ausgaben belegen das Informationsbedürfnis der Leser.
Hier können Sie die Sendung noch einmal sehen.
Cohn-Bendit ist nun wahrlich kein Revoluzzer mehr, aber Unterhaltungswert hat der Europa-Parlamentarier der Grünen immer noch. Man könnte ihn sich gut neben den Rolling Stones vorstellen.

Mir gefiel der Mut (sich überhaupt dorthin zu begeben) und die Souveränität von Josef Ackermann, der Cohn-Bendits Klischees ("Ich habe keine Ahnung von Banken") eine Menge an Sachverstand entgegen zu setzen hatte, wenn auch immer wieder in Begriffen, die der Durchschnittsbürger nicht versteht. Dass sich die beiden immer mehr anlächelten, gefiel Spiegel Online nicht, aber was ist denn anderes von zwei freundlichen älteren Herrn mit spannender Vergangenheit zu erwarten? Das "Kamingespräch" (Spiegel Online) war informativer als manche Selbstdarstellung in Talkshows.
TV-Talkshow Moderatoren haben den großen Vorteil, dass Sie Ihre Gäste mit früheren Zitaten bildhaft vorführen können. So musste auch Ackermann seine eigenen Zitate über sich ergehen lassen. Doch hatte er immer eine plausible Antwort parat. Dass sich die einst von ihm anvisierte Eigenkapitalrendite von 25% auf das Eigenkapital und nicht auf die Bilanzsumme bezog, musste wohl noch mal gesagt werden. Und auch, dass viele Mittelständler weit höhere Renditen erzielen. Den Aussagen, man dürfe nur Produkte verkaufen, die die Kunden verstehen, wurde der 40 Mio-Verlust der Stadt Hagen durch eine Zinswette gegenüber gestellt, die die Deutsche Bank dorthin verkauft hatte. Ackermann: Mann muss sehen, dass solche Städte auch hochkarätige Finanzexperten an ihrer Seite hatten. Und keiner spricht über Kommunen, die damit Geld verdient haben. Richtig!
Die Deutsche Bank hat ihren Privatkunden laut Ackermann keine strukturierten Produkte verkauft. Auch das sollte vermerkt werden. Den Libor-Skandal durch einzelne (- auch Deutsch-) Banker kritisierte Ackermann scharf, bei den Lebensmittel-Spekulationen hat die Deutsche Bank inzwischen Konsequenzen gezogen. Die Deutsche Bank ist eben so groß, dass sie bei allen Verfehlungen der Finanzbranche immer mit auf der medialen und manchmal, wie in den USA, auf der echten Anklagebank sitzt - obwohl sie laut Ackermann die meisten Prozesse gewonnen hat, also aus ihrer Sicht streng auf die Legalität jeder Aktion achtet.
Immerhin gehörte die Deutsche Bank zu den wenigen Großbanken, die ohne Blessuren und Staatshilfe die Finanzkrise überstanden haben. Mit der Übernahme der Postbank und anderen Banken haben die Frankfurter dem Steuerzahler mit Sicherheit weiteres Geld erspart.
Ja, und dann war da noch das Steinbrück-Papier, das Jauch immer wieder hochhielt. Ackermann teilt Steinbrücks Ansicht, "dass wir auf europäischer Ebene einen Restrukturierungsfonds benötigen, um Banken auch grenzüberschreitend abzuwickeln". Das interessierte eigentlich niemanden mehr wirklich.