Montag, 23. September 2013

Unschön, die Häme über die FDP

Die Häme, die sich gestern in Form eines tosenden Beifalls in den Parteizentralen von SPD, Grünen und Linken für den Absturz der FDP äußerte, sollte wohl das Ventil für die eigenen Stimmenverluste sein. Aber ich frage mich, warum gönnt man das den Liberalen? Warum ist es ein Grund zum Jubeln, dass diese Partei nicht mehr im Bundestags sitzt? Wäre der Beifall genauso groß, wenn Linke oder Grüne aus dem Bundestag flögen? Wohl kaum.
Für den deutschen Bundestag ist das Ausscheiden der FDP ein Riesenverlust, erst recht für Deutschland. Dieser Verlust kann nicht durch liberale Elemente in der CDU oder gar der SPD ausgeglichen werden. Die FDP hat allerdings auch nichts Wahrnehmbares von ihren Kernthemen in der Koalition mit Angela Merkel durchsetzen können.  Mit der zu erwartenden großen Koalition droht ein politisches Kartell, das in Steuer- und Wirtschaftsfragen kein ernstzunehmendes Korrektiv mehr hat. Zu befürchten ist mehr, statt weniger Staat.
PS: Viele engagierte Politiker und ihre Mitarbeiter im Bundestag verlieren ihren Arbeitsplatz. Das sollte die Jubler nicht vergessen. HIER das Organigramm der FDP-Bundestagsfraktion.



Freitag, 20. September 2013

Wahlen, Umfragen, Erwartungen

In der Soziologie spielt der Begriff der Erwartung eine zentrale Rolle. Ich bin kein Soziologe, aber klar ist dass Erwartungen mal als Prognose wahrgenommen werden, mal als normative Haltung: Ich erwarte einen bestimmten Wahlausgang. Oder, normativ: ich erwarte, dass du dich anständig benimmst. An der Börse geht es darum, die allgemeinen Erwartungen einzuschätzen. Wenn zum Beispiel alle erwarten, dass der Ölpreis steigt, wird er fallen, weil sich alle vorher eingedeckt haben und plötzlich kein Käufer mehr zu finden ist.
Nun wird am Sonntag gewählt. Umfragen führen zu Erwartungen. Die Journalisten bei Maybritt Illner gestern erwarteten alle, dass Merkel Kanzlerin bleibt, manche erwarten ein knappes schwarz-gelb, manche eine große Koalition. Keiner glaubt, dass Steinbrück Kanzler wird.
Wenn sich alle so einig sind, obwohl die Umfragen ausdrücklich auf Fehlertoleranzen hinweisen, die bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen das Ergebnis auf den Kopf stellen können, dann kann es zu echten Überraschungen kommen, und ich habe das Gefühl, dass die Umfragen dieses Mal ganz schön schief liegen könnten. Bei 1000 Befragten kommt auf einen Ergebnisbereich  eine Fehlertoleranz von 2 bis 2,5 Prozent. Aus 11 Prozent können dann 9 Prozent werden, aus 4 Prozent 5 usw. Die Journalisten wissen das, trotzdem haben Sie alle ziemlich gleichgerichtete Erwartungen, und das ist echt umfragebedingt. So gesehen hätten wir einen langweiligen Wahlabend vor uns. Aber ich glaube das nicht. Überraschungsmoment werden die kleinen Parteien sein. 

Was wäre eine Überraschung?
  • Die FDP bekommt 7 Prozent. Oder sie bekommt weniger als 5 Prozent und fliegt raus.
  • Die Grünen fallen auf 7 Prozent. Oder sie kommen auf 12 Prozent
  • Die Linke bekommt 10 Prozent. Oder sie fällt auf unter 7 Prozent
  • Die AfD kommt in den Bundestag. Oder sie bekommt nur zwei Prozent
Jede dieser Überraschungen hätte Konsequenzen, in alle Richtungen. Deswegen freue ich mich riesig auf eine spannende Wahlnacht. Und erwarte nichts, außer einem interessanten Fernsehabend und den ganzen Analysen, warum es doch anders gekommen ist, als erwartet.

Mittwoch, 11. September 2013

Julia Jäkel marschiert

In ihrem heutigen Interview mit der FAZ hat Julia Jäkel, die energische neue Vorstandsvorsitzende des Gruner+Jahr-Verlages ihre neue Strategie vorgestellt. Eine interessante Lektüre, nachzulesen HIER. Gruner+Jahr wird zu einer Plattform von "Communities of interest"umgebaut. Es bedeutet, dass sich der Traditionsverlag auf seine Kernkompetenz konzentrieren will, nämlich journalistische Inhalte mit hoher Qualität. Die sollen dann durchweg digitalisiert werden und in allen verfügbaren Formen besser und vielfältiger vermarktet werden, Print eingeschlossen, mit einem starken Schwerpunkt auf E-Magazine und Apps. Dafür verzichten die Anteilseigner Bertelsmann und Jahr auf einige hundert Millionen an Gewinnausschüttungen. Es wird also kräftig investiert.
Was ist von diesem Konzept zu halten?
Wäre ich ein Journalist beim Stern, müsste ich mich fragen, was ich bisher falsch gemacht habe. Die Journalisten sind ja die gleichen, und einige werden den Verlag nach dem jetzt angekündigten Umzug von München nach Hamburg wohl auch verlassen.
Was schief gelaufen ist, lässt sich dem FAZ-Interview nicht entnehmen. Dass Anzeigenkunden künftig pfleglichere Artikel bekommen werden, schließt Julia Jäkel vehement aus und verweist auf den Stern: "Im „Stern“ ist gerade eine Serie gelaufen, in der von den Optikern bis zu den Fluglinien eine Branche nach der anderen auseinandergenommen wurde. Ist das vielleicht anzeigenfreundlich?" (So kann man ärgerliches schönreden). Also kein Wohlfühljournalismus, richtig so. Es scheint also beim "Qualitätsjournalismus" zu bleiben, den alle Verlage wie eine Monstranz vor sich her tragen. Nun, ich glaube das gerne, aber es wird nicht mehr ausreichen. Qualität in Form von guten Geschichten bekomme ich in vielen Medien. Aber was bekomme ich an Mehrwert, wenn ich mich für den Stern entscheide? Hier kommen jetzt die Communities ins Spiel. Das Gesundheitsressort des Stern schreibt dann nicht nur für den Stern, sondern tauscht sich intensiv mit den Erfahrungen der Community "Gesundheit" aus - so verstehe ich das jedenfalls.
Die Bildung von solchen Communities of Interest ist der absolut richtige Ansatz - wenn er konsequent umgesetzt wird. Diese Strategie bedeutet nämlich, die Leser gleichberechtigt - auch als als Autoren , Kritiker oder Produktentwickler - zu beteiligen und sie nicht als Empfänger selbst definierter hochqualitativer Kost herablassend zu erdulden. Deswegen funktioniert ja auch das G+J-Portal Chefkoch.de, mit dem Geld verdient wird. Da machen die Leser mit ihren schönsten Rezepten mit. Das Dreieck Stern-GEO-Brigitte hat den Verlag immer über die Maßen dominiert. Dort sitzen viele Journalisten, die sich gegenseitig Qualitätsjournalismus bescheinigen, während ihnen der Austausch mit Lesern eher zeitraubend und lästig ist. Julia Jäkel macht damit Schluss, wie mir scheint.
Wie man das ändern kann, hat SPIEGEL-Autor Cordt Schnibben gerade gezeigt, der online über 1000 Leser ein neues Bild einer gedruckten Tageszeitung entwerfen ließ. Communities wie beispielsweise die 190.000 aktiven User der Münchner Fidorbank funktionieren, wenn sie nicht nur ein paar Kommentare zu Artikeln ablassen können, sondern wenn sie zusätzlich aktiv über die "Interests" diskutieren, sich, ihre Geschichten und ihre Erfahrungen einbringen und nicht nur ungebildete Rezipienten oder Marketing-Zielgruppe sind.
Viele Unternehmen haben Angst davor, sich und ihre Produkte einer permanenten Bewertung und Diskussion (wie etwa im weit entwickelten Reisebereich) auszusetzen. In den Verlagen nimmt das Umdenken jetzt endlich Gestalt an. Es geht darum, endlich die Emanzipation des Lesers anzunehmen.


Donnerstag, 5. September 2013

IBAN: Wer hat sich das bloß ausgedacht?


Soeben habe ich meine Einkommensteuer-Vorauszahlung überwiesen und stieß dabei auf die neue IBAN Nummer des Finanzamtes Idar Oberstein. Sie lautet 

DE31570000000057001516.

Bis ich diese Zahl in mein Onlinebanking eingegeben habe, hatte ich mich mindestens dreimal vertippt. Die Nullen schienen fast unüberwindlich. Ich habe sie dann auf dem Papier mit Zwischenstrichen aufgeteilt, bis ich herausgefunden habe, dass es acht Nullen sind, die sich da mitten in der IBAN festgesetzt haben. Zum Glück habe ich das direkt als Vorlage gespeichert und brauche das beim nächsten Mal nicht wieder mühsam einzutippen. 
Ich stelle mir allerdings den millionenfachen Erst-Eintipp-Vorgang vor, der derzeit in allen Unternehmen stattfindet. Die ganzen Lastschriften müssen ja umgestellt, Briefbögen neu gedruckt werden. Es ist wie ein neues Konto anlegen, es allen Geschäftspartnern mitzuteilen und allen Kunden. Wer einmal Rechnungen ausgestellt und dann die Kontodaten verändert hat, weiß, wie lange es dauert, bis das neue Konto bei allen Geschäftspartnern wirklich angekommen ist. Es wird also nicht nur bei Lastschriften sondern auch bei normalen Rechnungen vieles zurückkommen wegen falscher Kontonummer.


Merken kann man sich diesen Zahlenwurm nicht mehr (allerdings wissen wir ja, dass er sich aus Bankleitzahl und bisheriger Kontonummer zusammensetzt). Aber die zwei Ziffern hinter dem DE sind dann doch unterschiedlich. Meine zwei Konten bei der gleichen Bank haben hier zwei unterschiedliche Ziffern, was ich jetzt erst herausgefunden habe. Wieso? Was für ein Arbeitsbeschaffungsprogramm, das uns die EU da untergejubelt hat. Ich wüsste zu gerne, ob diese Umstellung wirklich notwendig war.
In Wikipedia lese ich, dass die USA der entscheidende Treiber für die Standardisierung der IBAN waren, das aber selbst noch nicht umgesetzt haben. Aha! Und weiter:"Während die IBAN grundsätzlich als eine global eindeutige Bezeichnung eines Kontos definiert ist, kann diese Funktion derzeit noch nicht für alle Konten der Welt genutzt werden. Hintergrund ist die zurzeit nur für 61 Länder und Territorien erfolgte Definition der IBAN-Strukturen (Stand Juli 2012). Das ECBS erwartet, dass der Prozess der weltweiten Akzeptanz fünf bis zehn Jahre (!!) dauern kann. Mindestens bis dahin ist es notwendig, die gegenwärtige Darstellung von Bankverbindungen (BIC und Kontonummer) ISO 9362 in Ländern ohne IBAN für die sichere Abwicklung des internationalen Zahlungsverkehrs weiter zu verwenden."

Jetzt weiß ich auch, warum den Banken zu internationalen Überweisungen nichts Kostensparendes einfällt. Sie sind zu sehr mit dem alten System beschäftigt. Mit den neuen E-Wallets oder Bitcoins ist es schon jetzt möglich, mit dem Smartphone Geld sicher und ohne Einschaltung einer Bank per Email, Facebook oder SMS in alle Welt zu überweisen. Ich glaube, dass IBAN-Technologie von gestern ist, weshalb die USA sich wahrscheinlich nicht besonders anstrengen, diese Standardisierung mitzumachen. Mit Bitcoins werden schon jetzt täglich bis zu 300.000 Transaktionen weltweit getätigt, während die amerikanische Notenbank monatlich 80 Milliarden Dollar zusätzliches Geld druckt. Was ist sicherer??? Ausprobieren statt zu zweifeln! Mit Western Union kann man übrigens auch fast kostenlos Geld nach Amerika überweisen. Bei meiner Volksbank kostet so was mindestens 45 Euro. Irgendwie haben wir hier geschlafen, weil die Deutschen zutiefst behörden- und damit auch bankgläubig sind - oder keine Alternative sehen, wenn sie an ihren Bankberatern zweifeln. Innovativ ist anders...