Sonntag, 28. Dezember 2014

Was bringt 2015?

Im Jahr 1918 erschien Oswald Spenglers umstrittenes Buch vom "Untergang des Abendlandes". Demnächst scheint es wieder einmal soweit zu sein: Die Nachrichtenlage zum Jahresende 2014 ist irgendwie ominös.
Ein Krieg der Worte, der zunehmend nervt. Propaganda statt Aufklärung.
Putin erklärt die NATO zum ärgsten Feind Russlands. An den Grenzen zur NATO wird wie im tiefsten Kalten Krieg gefährlich manövriert. In Nordkorea rasselt ein von allen guten Geistern verlassenes Regime permanent mit atomaren Säbeln und vergleicht Obama mit einem "Affen aus dem Urwald". Ein Kalifat namens "Islamischer Staat" verbreitet Enthauptungsvideos und droht uns mit dem Untergang des Abendlandes. Den wiederum fürchtet jetzt eine Bewegung namens Pegida, die demonstrativ schweigt und Weihnachtslieder singt, während die Medien gleich unsere ganze Demokratie gefährdet sehen.
Was ist bloß los in der Welt? Dass Angela Merkel von der britischen "Times" zur "Person of the Year" in einer "Welt voller gefährlicher Männer" gekürt wurde, ist nicht wirklich beruhigend.  Uns Deutschen geht es so gut wie in keinem anderen Land der Welt, und trotzdem fühlen wir uns nicht sicher. Oder vielleicht gerade deshalb? Wer viel hat, hat auch viel zu verlieren.
Wovor fürchten sich die Deutschen?
Angst vor Zuwanderung? Seit 1991 sind laut "Statista" jedes Jahr zwischen 750.000 und 1,5 Mio zugewandert, 2013 waren es etwa 1,25 Millionen. Der Ausländeranteil liegt im gleichen Zeitraum ziemlich konstant bei etwa 8 bis 9 Prozent. Nicht wirklich erschreckend, oder?
Angst vor Straftaten? Die Gesamtzahl der Straftaten hat seit 2008 von 6,1 Mio auf 5,96 Millionen stetig pro Jahr abgenommen. Die Brutalität einzelner Straftaten lässt die Kriminalität gefühlt wachsen, aber eben nur gefühlt.
Die Islamisten? Von 2005 bis 2013 hat die Zahl der Anhänger islamistische Organisationen von 32.000 auf 43.000 zugenommen. Prozentual ein starker Zuwachs, muss man sicherlich im Auge behalten, aber zahlenmäßig ist das nicht wirklich viel, gerade mal 0,5 Prozent der Bevölkerung. Und die werden vom Verfassungsschutz noch nicht mal als radikal eingestuft. Und auch nicht viel bezogen auf etwa 7 Millionen Muslime in Deutschland.
Die Schuldenkrise? Schulden setzte man früher gleich mit Inflationsgefahr, Doch die Inflation liegt nahe Null und viele Preise sinken, am auffälligsten die Ölpreise. Eine Tankfüllung kostet ein Viertel weniger als noch vor ein paar Monaten, und das bedeutet für fast jeden Haushalt mehr netto in der Kasse, ein echtes Konjunkturprogramm - obwohl wir keines brauchen. Und Griechenland ist immer noch nicht pleite. Schulden müssen daran gemessen werden, ob die Zinsen gezahlt werden können, nicht an den absoluten Zahlen. Bis auf wenige Ausnahmen zahlen alle Staaten und Unternehmen ihre Zinsen.
Die Finanzkrise? Die EZB will demnächst Staatsanleihen kaufen. Die Ökonomen sind entsetzt. Mit den Anleihekäufen werden Banken und Länder gerettet - vorerst. Es herrscht Ratlosigkeit in der Ökonomie. Wie kann es angehen, dass Spanien und Griechenland 24/25 Prozent Arbeitslosigkeit vermelden (siehe hier) und Deutschland nur 4,9 Prozent (Oktober 2014, saisonbereinigt)? Die Anleihekäufe werden helfen, Bankbilanzen zu entlasten, Aktienkurse zu befördern und die Krise zu meistern. Ich glaube Draghi macht es richtig.
Die mageren Spar-Renditen? Nun, wer Anfang dieses Jahres 100.000 Euro in Bundesanleihen investiert hat, konnte (ohne Transaktionskosten( immerhin 13.000 Euro Gewinn machen - mehr als mit DAX-Aktien (4.000 Euro). Und langfristig (10 bis 20 Jahre Anlagehorizont) sind auch Aktien mit 6 bis 8 Prozent durchschnittlicher Rendite attraktiv, also warum jammern.
Und der Datenschutz? Ja, brauchen wir, aber wir sollten uns mit den besten Technologien gegen Spione und Bösewichte wappnen statt permanent zu jammern. Die NSA ist dabei unser geringstes Problem. Und die Werbung auch. Noch kann jeder selbst bestimmen, wem er welche Daten überlässt.
Gegen Betrüger hilft nur beste Software und eine gute Internetpolizei. da sollten wit mithalten können.
Und die Armut? Es gibt viele Menschen, die von wenig Geld leben müssen, ja, das ist leider so. Aber es gibt auch kaum ein Land, in dem so viel Geld für soziale Zwecke ausgegeben wird: Wie der SPIEGEL berichtet, betrug 2012 hierzulande die Summe aller staatlichen und privaten Sozialleistungen 782,4 Milliarden Euro.
Und die Rente? 
Unser größter Schwachpunkt, aber zum Glück so weit weg, dass Merkel weiter populär bleibt. Zum Glück haben wir Zuwanderer, die einstweilen für Stabilität in der Rentenkasse sorgen.
Mein Fazit für 2015:
Leute - hört auf zu jammern, gebt das Geld mit vollen Händen aus und genießt Deutschlands Wohlstand.




Donnerstag, 11. Dezember 2014

Der SPIEGEL auf dem Weg zum Mittelmaß

Das Drama um die Entlassung des Spiegel-Chefredakteurs Wolfgang Büchner ist beendet. Das Drama um den Spiegel selbst fängt gerade erst an.

Wolfgang Büchner hatte als ehemaliger dpa-Chefredakteur einen tadellosen Ruf. Nun ist er der von Rudolf Augstein eingeführten Mitbestimmung durch die Redaktion zum Opfer gefallen. Im November 1974 hatte Augstein die Hälfte seiner Anteil an die Mitarbeiter übereignet, heute besitzen die Mitarbeiter über eine KG 50,5 Prozent der Anteile. Seitdem geht beim Spiegel nichts mehr ohne die Zustimmung der KG.

Büchner hat seinen anspruchsvollen Job als dpa-Chefredakteur aufgegeben - der Posten ist inzwischen von Sven Gösmann - besetzt, weil ihn Verlagsleiter Ove Saffe dazu überredet hat. Fatalerweise, ohne vorher alle anstehenden Fragen mit der KG ("KG Beteiligungsgesellschaft für Spiegel-Mitarbeiter mbH & Co.") abzuklären. Saffe hat Büchner sehenden Auges in ein Minenfeld geschickt und einen wirklich hochkarätigen Journalisten verbrannt. Wie es aussieht, wird das sehr bald auch seinen Kopf kosten, und zwar zu Recht.
Unvorbereitet war schon die erste Aktion, die Berufung von Nikolaus Blome zum stellvertretenden Chefredakteur, weil dieser von BILD kam. Auch Blome gehört zu ersten Garnitur von Journalisten in Deutschland, und als Büroleiter in Berlin macht er trotz der anfänglichen Stimmung gegen ihn keine schlechte Figur.
Das alles könnte man ins Reich üblicher Intrigen und Kleinkriege verweisen, ginge es nicht um viel mehr: Die Mitbestimmung wird den Spiegel immer mehr ins Mittelmaß führen. Die ständigen Streitereien werden seit vielen Jahren von einer sinkenden Auflage begleitet. Immer wenn irgendjemand etwas verändern will, stemmt sich die KG dagegen. Als Adolf Theobald 1989 die Mitarbeiter KG zu einem Pensionsmodell umwandeln wollte, musste er klein beigeben. Jede Überlegung, den Spiegel-Verlag auszubauen stieß auf geballten Widerstand, weil Investitionen zu Lasten der lukrativen Gewinnbeteiligung gegangen wären, die nicht nur die Redakteure, sondern alle Mitarbeiter  beziehen. In der WELT war 2005 zu lesen: "Den Ex-Geschäftsführer Adolf Theobald erinnert der Verlag deshalb an eine Musikkapelle, die sofort nach dem Konzert alle Einnahmen verteilt."
Mich erinnert das Hamburger Theater an ein Gespräch mit einem Wiener Philharmoniker. Ich fragte ihn, warum eigentlich eine so hochkarätige Gruppe von Musikern einen Dirigenten braucht. Er antwortete: "Weil wir sonst immer langsamer werden". Der Spiegel wird immer langsamer, und seine Titelgeschichten werden immer einfallsloser.
Einen Titel zur Dämmung von Häusern zu machen und das Titelbild zuzukleistern ist echt zweite Wahl. Das gilt übrigens auch für Spiegel Online. Die nerven mich jetzt mit einer neuen Funktion, die mich belästigt, statt mich zu unterstützen. Ich muss, um zu anderen Themen zu kommen mehrmals von rechts nach links "wischen". Bisher konnte ich auf der ersten Seite auswählen, welche Rubrik ich wollte. Und natürlich macht Spiegel Online früh Feierabend. Abends gibt es kaum was Neues außer Fußball.
Dass die Agenturen alle wichtigen Nachrichten der Printausgabe vorab verbreiten, hat mir die Lust an der Printausgabe genommen. Wenn ich den Spiegel montags aus dem Briefkasten nehme, habe ich das Gefühl, eine alte Zeitung in der Hand zu halten.


Donnerstag, 4. Dezember 2014

Paul Krugman: Deutschland exportiert Deflation

Diese kürzlich erschienene Kolumne (Hier der vollständige Text) von Paul Krugman in der New York Times ist lesenswert. Sie bestätigt meine Meinung, dass Deutschland sich derzeit auf Kosten seiner Nachbarn bereichert. Und zeigt, dass Frankreichs Wirtschafts- und Finanzpolitik schlechter gemacht wird als sie wirklich ist. Must read!
Auszug:

"In other words, to the extent that there’s anything like a competitiveness problem in Europe, it’s overwhelmingly caused by Germany’s beggar-thy-neighbor policies, which are in effect exporting deflation to its neighbors.
But what about debt? Isn’t non-German Europe paying the price for past fiscal irresponsibility? Actually, that’s a story about Greece and nobody else. And it’s especially wrong in the case of France, which isn’t facing a fiscal crisis at all; France can currently borrow long-term at a record low interest rate of less than 1 percent, only slightly above the German rate."

Montag, 1. Dezember 2014

Wer wird am meisten zitiert? Über einen irrigen Journalistenglauben

Es gibt Firmen wie den Media Tenor, die vom Zählen leben. Sie zählen, wie oft die Wirtschaftswoche, das Handelsblatt oder die BILD-Zeitung zitiert werden, und die zitierten Blätter schmücken sich dann mit den Ergebnissen: Der Spiegel freut, sich im Fünf-Jahres-Vergleich vor "BILD" zu liegen, der Tagesspiegel jubelt darüber, unter den "Top Ten der meistzitierten Medien" zu sein und die Rheinische Post genießt den "7.Platz unter den meistzitierten Tageszeitungen."
Das klingt alles recht beeindruckend, und das war es auch einmal, als das Internet noch keine große Rolle spielte.
Was Journalisten als Bestätigung ihrer Arbeit sehen, ist in Wahrheit heute schädlich für ihr Blatt. Es nimmt nämlich einen entscheidenden Kaufanreiz. Wenn ich den "Spiegel" in die Hand nehme, möchte ich überrascht werden. Stattdessen lese ich die wichtigsten Geschichten als Agenturmeldung schon vor dem Erscheinen in anderen Medien. Warum soll ich mir dann noch den Spiegel kaufen? Weil dort alles ausführlicher drin steht? Brauche ich nicht, weil alle Spiegel-Meldungen von anderen Medien aufgegriffen und oft mit eigenen Recherchen angereichert werden. Wenn der Spiegel dann erscheint, wirkt die Geschichte bereits alt.
Aber nicht nur das. Ein Verlag hat kürzlich intern geprüft ob die vielen Zitate in einer Regionalzeitung" den Verkauf seines Magazins vor Ort gefördert haben. Das Ergebnis war: Gleich Null.
Nun verbleibt noch das Argument der Reputation. Dafür haben viele Chefredaktionen ja nun "Investigativ-Teams" gebildet, die helfen sollen, meist zitiert zu werden.
Wer in aller Munde ist, sollte man ja meinen, der hat ein hohes Ansehen und ein hohes Ansehen ist gut fürs Geschäft. Aber wenn dem so wäre, müsste ich keine Zeitung drucken. Die dient dann eigentlich nur noch als Beleg dafür, dass die Agenturmeldung stimmt, lesen muss ich den Stoff von gestern nicht mehr.
Die Online-Verbreitung von Agenturmeldungen hat den Abstand zu dem Erscheinungstermin auf seltsame Weise so stark erhöht, dass alles alt wirkt, was danach noch gedruckt wird, es sei denn, das gedruckte bringt ganz neue Aspekte. Tut es aber meist nicht, stattdessen verliert sich der investigative Autor in detaillierte Erläuterungen etwa komplexer Firmenglomerate, gut fürs Archiv, aber nicht mehr interessant für den Leser.
Vielleicht ist auch das ein Grund für sinkende Auflagen?


Donnerstag, 27. November 2014

Deutschland hat sich bereichert

Heute wurde eine weitere Senkung der Arbeitslosenquote vermeldet. In Deutschland sind nur noch 2,7 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. 2005 waren es über 5 Millionen.
Erstmals seit über 25 Jahren muss sich der Bund nicht neu verschulden.Auch das eine Besonderheit.
Warum ist das kein Grund zur Freude?
Uns geht es gut, aber wie geht es den anderen? Während die deutsche Arbeitslosenquote bei 5% angekommen ist, liegt sie in Griechenland bei 26,4%, in Spanien bei 24%, in Italien bei 12,6% und in Frankeich bei 10,5%.
Die Wahrheit ist, dass wir uns auf Kosten anderer europäische Länder bereichert haben. Unsere Wirtschaft hat diesen Ländern Produkte verkauft, die diese mit Krediten finanziert haben und so in die Krise kamen. Wir sind der wichtigste Verschuldungsfaktor dieser Länder. Deutschland hat sich zu Lasten seiner Freunde in Europa bereichert. Die Finanzierung unserer Exporte ist am Ende bei den dortigen Zentralbanken gelandet. So kann das nicht weitergehen.

Freitag, 21. November 2014

Negative Zinsen: Thomas von Aquin und die Bankenwelt

Auf der Suche nach Argumenten und Gegenargumenten für den negativen Zins fand ich heute eine aktuell lesenswerte Seminararbeit zum Thema Zinsen an der Universität Münster (Institut von Prof. Ulrich von Suntum), auf die ich hier hinweisen möchte: Autor Peter Meiners untersucht darin das Zinsverbot von Thomas von Aquin.

Hier einige erhellende Zitate aus seiner Arbeit ""Das Zinsverbot und extrinsische Zinstitel bei Thomas von Aquin" aus dem Jahr 2010:
"In der Summa Theologica, II-II qu.78, setzt sich Thomas insbesondere mit dem 
Problem des Zinsnehmens, bzw. der Sünde des Zinsnehmens (de peccato usurae), 
auseinander....
Für seine Ausführungen verwendet Thomas den lateinischen Terminus usura. Dieser kann sowohl mit dem Begriff „Zins“ als auch mit dem heute negativ besetzten Begriff „Wucher“ übersetzt werden, denn diese Begriffe waren im Sprachgebrauch der Kirche in Antike und 
Mittelalter kongruent....
Ausgangspunkt und Grundlage der Argumentation bei Thomas ist das im 
Rückgriff auf Aristoteles angeführte Prinzip der Tausch- und 
Vertragsgerechtigkeit (iustia commutativa). Dem Prinzip der kommunitativen 
Gerechtigkeit zufolge soll bei jedem Tauschakt Äquivalenz, also eine arithmetische Verhältnismäßigkeit zwischen dem Wert einer Leistung und einer 
Gegenleistung, herrschen (aequalitas dati et accepti). ..
Jeglicher Mehrgewinn bei Darlehen wird aufgrund des Äquivalenzprinzips ausgeschlossen."
Meiners zitiert dann Aristoteles: "Und deshalb ist es an sich unerlaubt, für den Gebrauch des geliehenen Geldes eine Belohnung zu nehmen, die man Zins nennt."
Kurz gesagt war der Zins aus theologisch-philosophischer Sicht damals unanständig.
Deswegen konnte sich die Wirtschaft auch viele Jahrhunderte lang nicht entwickeln. Geld verleihen war verpönt und unchristlich, zumal es im Ergebnis weniger der Wirtschaftsentwicklung, sondern eher der Finanzierung von Kriegen und Hungersnöten diente. Erst als die Venezianer den Wechsel einführten und geniale Finanziers wie die Rothschilds Wirtschaftswachstum finanzierten, konnte die Industrialisierung beginnen. So wurde Geld verleihen und Zinsen nehmen selbstverständlicher Teil der Wirtschaft und auch von den christlichen Kirchen akzeptiert. In den letzten Jahren hat sich jedoch die monetäre Welt immer mehr von der Realwirtschaft entfernt, weswegen auch die Kritik an der Vermögensverteilung immer lauter wird. Irgendwie steckt dahinter die Frage, ob Geld, von dem die Realwirtschaft nicht profitiert, eigentlich ehrlich verdient wird. Die EZB will, dass die Banken wieder Geld an die Wirtschaft verleihen, statt mit Hochfrequenzhandel große Räder an den Finanzmärkten zu drehen. Deswegen verpönt die EZB den Zins, weil die Banken Geldeinlagen bei ihr parken statt es Unternehmen zu leihen. Die Banken müssen Strafzinsen dafür zahlen, statt Zinsen zu bekommen. Und jetzt veranstalten sie dasselbe mit ihren Kunden. Freilich: Wenn die Unternehmen und Konsumenten dafür kein Geld zahlen wollen, dann werden sie neue Wege suchen. Die Unternehmen können sich direkt finanzieren, die Kunden geben das Geld lieber aus oder horten es selbst.
Hier stellt sich tatsächlich wieder die Frage nach Leistung und Gegenleistung, die im Mittelpunkt der Kritik von Aristoteles und Thomas steht. Was leistet eine Bank für das ihr gegebene Geld, wenn sie Zinsen dafür verlangt, beispielsweise den teuren Dispo? Und umgekehrt, was leistet sie, wenn sie das Geld bei der EZB parkt? Sie arbeitet nicht mit dem Geld, sondern hortet es. Dieses Verhalten widerspricht ihrer ursprünglichen Funktion quasi  Zahnrad im Getriebe der Wirtschaft zu sein. Man muss Bill Gates dazu nicht wiederholen ("Banking wird man immer brauchen, Banken nicht"), aber hat er damit absolut Recht. Die Banken müssen ihr Geschäftsmodell überdenken, zumal ihnen die unglaubliche Dynamik der Digitalisierung den Boden unter den Füßen wegzieht, wenn sie überleben wollen. Mit Vertrauen heischenden Werbesprüchen ist es nicht getan. Vielmehr müssen die Banken grundlegend über ihre Legitimation nachdenken. Das ist die wichtigste Botschaft von negativen Zinsen.

Freitag, 14. November 2014

Middelhoff: Ein unfassbar hartes Urteil

Das Landgericht Essen hat Dr. Thomas Middelhoff zu drei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt und seine sofortige Verhaftung wegen Fluchtgefahr angeordnet. Ob letzteres umgesetzt wird, scheint noch offen. Aber was für ein Desaster!
Man muss sich vor Augen halten, dass sämtliche Vorwürfe gegen Middelhoff in den letzten Jahren in sich zusammenfielen - bis auf die Reisekosten und eine Festschrift für den Ex-Bertelsmann-Chef Mark Wössner, die Arcandor bezahlt hat. Einen Manager deswegen zu einer Haftstrafe ohne Bewährung zu verurteilen, sprengt dennoch jede Verhältnismäßigkeit, auch wenn der Betrag von 500.000 Euro hoch erscheint.  Man hätte  den früheren Chef von Bertelsmann zur Rückzahlung verurteilen können oder die Strafe wenigstens zur Bewährung aussetzen müssen. Man denke an die privaten Flüge, die immer wieder bei Politikern aufgedeckt wurden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Urteil vor dem Bundesgerichtshof stand hält. Es sind schon Menschen mit viel größerer Schuld weitaus geringer bestraft worden. In Essen sollte ein Exempel statuiert werden, denn dort sitzt die Zentrale des früheren Karstadt-Konzerns, der in Arcandor umgewandelt wurde.

Häme ist jetzt nicht angebracht. Middelhoff ist kein Verbrecher, er hat sich in der Vielseitigkeit seiner Aktivitäten verstrickt. Die permanenten Schuldvorwürfe in vielen Medien rund um die Esch-Fonds und die nicht von ihm, sondern von seinen Vorgängern verschuldete Pleite des Arcandor-Konzerns haben ein verzerrtes Bild von ihm geschaffen, dem offensichtlich auch die Richter zum Opfer gefallen sind. So hatte Middelhoff kurz vor dem Urteil nur noch Feinde um sich herum, wobei der Insolvenzverwalter von Arcandor die Hauptrolle spielte. Und viele Feinde sind des Hasen Tod. Letztendlich ist Middelhoff an Arcandor gescheitert. Er hatte 2005 auf Bitten von Madeleine Schickedanz den Posten des Vorstandsvorsitzenden übernommen, weil das Unternehmen in eine existenzielle Schieflage geraten war. Er ist quasi in die Bresche gesprungen, nachdem seine Vorgänger Urban und andere den wahrscheinlich unrettbaren Laden in den Abgrund geführt hatten.

Ich kenne Thomas Middelhoff seit vielen Jahren, seine Stärken und seine Schwächen.  Ich habe ihn als knallharten und nicht immer angenehmen Investor kennen gelernt. Zu seinen Stärken gehört vor allem sein Finanzwissen und seine internationale Vernetzung. Middelhoff ist eigentlich ein internationaler Deal-Maker. Unternehmen kaufen und verkaufen, das hat ihm immer am meisten Spaß gemacht.
Als Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann hat er dem Konzern mit mehreren Deals Milliarden zusätzlich in die Kasse gespült, bevor er im Streit mit den Mohns gehen musste, weil die Mohns keinen Börsengang wollten. Bei Bertelsmann begeisterte er die Führungskräfte als charismatischer Redner mit digitalen Visionen. Als er damals zum Beispiel den Musiktauschdienst Napster kaufte, schwebte ihm das vor, was Apple später mit Itunes umgesetzt hat: Den Verkauf von Musik für 99 Cent. Hätte die Mohnfamilie das und viele andere Ansätze verstanden, stünde Bertelsmann heute als digitaler Medienkonzern weit besser da.
Zu seinen Schwächen gehören die Lust am Luxus und ein ausgeprägter Mangel an Bescheidenheit und Demut, den er jetzt wohl im Gefängnis aufarbeiten muss. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Lebte er in den USA, würde sich niemand an seiner Lebensweise stören, dort machen das alles Reichen so. Mitten im strukturschwachen Ruhrgebiet kommt sowas überhaupt nicht gut an.
Klar ist aber auch: Dass Arcandor eine Festschrift für Mark Wössner bezahlen musste, ist natürlich skandalös. Es zeigt, dass Middelhoff seine eigenen Interessen irgendwann wichtiger nahm als die von Arcandor. Das ist ihm wirklich übel zu nehmen, und dafür muss er nun wohl büßen.

Donnerstag, 13. November 2014

Zur Lage der Wirtschaftspresse


Im "Kontakter" (hier kann man drei Ausgaben bestellen) gibt es derzeit eine dreiteilige Serie zur Lage der Wirtschaftspresse. Der erste Teil erschien heute. Unter anderem werde ich wie folgt korrekt zitiert:

Ralf-Dieter Brunowsky, langjähriger Capital-Chefredakteur und heutiger Kommunikationsberater, geht mit seinen Forderungen sogar noch weiter. Er will, dass die Wirtschaftsmedien ihr Alleinstellungsmerkmal überprüfen. „Weiß die Wirtschaftswoche, was ihr USP ist und warum sie gekauft oder nicht gekauft wird? Ich bin mir nicht sicher. Capital hat seinen USP gewechselt: Von Capital zum Lifestyle. Handelsblatt: Ich sehe keinen USP, nurdiverse gute Geschichten. Warum einen USP ermitteln? Weil der Unique Selling Point die Kunden identifiziert.“ Zudem plädiert Brunowsky dafür, dass die Titel ihre Geldressorts „durchschütteln“ und auf ein „erheblich höheres Niveau“ schrauben. „Die modernen Anleger sind die 400 000 Trader in Deutschland. Sie beziehen ihre Informationen zu über 90 Prozent aus dem Internet, weil das, was sie in den Geldressorts lesen, meist banal und verbraucherübergeschützt ist“, beklagt Brunowsky. Aber auch mehr Unterhaltungswert fordert der Wirtschaftsexperte von den Blattmachern. „Wo darf man in der Wirtschaftspresse mal schmunzeln wie im Economist?“ Der Einzige, der zur Zeit diese Kompetenz habe, sei Klaus Boldt, der Chefredakteur von Bilanz.

Mittwoch, 12. November 2014

Das Kleinanlegerschutzgesetz, ein neues Ungetüm

Heute verabschiedet das Bundeskabinett in Berlin das Kleinanlegerschutzgesetz. Wer sich den 75seitigen Entwurf ansieht, versteht nur Bahnhof. Denn es werden in diversen Gesetzen Anpassungen vorgenommen, die man Wort für Wort unter Bezug auf Paragrafen nachvollziehen muss. Und mich beschleicht das Gefühl, dass hier wieder einmal die Verbraucher zu Tode geschützt werden. In der Einleitung heisst es:

"In jüngster Zeit haben Anleger durch Investitionen in Vermögensanlagen erhebliche Vermögenseinbußen erlitten, indem sie in Produkte investierten, die nur einer eingeschränkten Aufsicht durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht unterlagen. Die eingetretenen Vermögensschäden beruhten auch auf der fehlerhaften Annahme der Anleger, hohe Renditen könnten ohne Risiko erreicht werden. Als Folge dieser irrigen Annahme wurde nicht nur das Vertrauen der betroffenen Privatanleger, sondern auch das Vertrauen nicht unmittelbar betroffener Anleger in den Finanzmarkt getroffen."

Also, weil die Anleger irrigerweise annehmen, hohe Renditen könne man ohne Risiko erreichen, müssen sie jetzt besser geschützt werden. Oder auch: Die deutschen Anleger müssen vor ihrer eigenen Dämlichkeit geschützt werden. Das ist doch ein Wahnsinn. Was hier produziert wird, sind vor allem zusätzliche Kosten für Anwälte, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater.

Gut gemeint ist noch lang nicht gut gemacht. Die Bürokratie des Anlegerschutzes hat bis heute nichts, aber auch gar nichts verbessert. Wer sich beispielsweise heute bei Banken beraten lässt, muss einen Schwall von Papieren über sich ergehen lassen. Trotzdem lesen wir alle paar Wochen, dass ein Unternehmen in die Insolvenz geht und zahlreiche Anleger ihr Geld verlieren. 
Das neue Gesetz verspricht mehr Transparenz für den Geldanleger, tatsächlich verschafft es den sogenannten Anlegerschutzanwälten zusätzliches Geschäft - wenn Kleinanleger beim nächstes Mal in die Röhre schauen. Und das wird nicht lange dauern. Denn Gier und Dummheit lassen sich schwer verbieten. 

Donnerstag, 6. November 2014

Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will

Die Löhne von Lokführern liegen unter dem allgemeinen durchschnittlichen Verdienst der deutschen Arbeitnehmer von 3449 Euro brutto im Monat. Sie verdienen bei der Deutschen Bahn ohne Zulagen zwischen 2500 und 3400 Euro brutto im Monat, je nach Dienstjahren. Für diesen Job genügt ein Hauptschulabschluss. Ist das zu wenig? Ich finde nicht.

Im Grunde braucht man die Lokführer nicht mehr, und mit ihrem Streik schaufelt die Gewerkschaft GDL diesem Berufsstand und sich selbst das Grab. Eher braucht man die Schaffner und die Kellner im Zug-Bistro (kein Wunder, dass die GDL, das Service-Personal mit vertreten möchte).
Schon heute fahren U-Bahnen ohne Lokführer, und es ist technisch ohne Schwierigkeiten möglich, auch alle Züge ohne Lokführer zu betreiben. Die Züge sind ohnehin alle computergesteuert. Dann fahren die Lokführer wie die überflüssigen Heizer noch eine Weile mit, und dann ist der Berufswunsch "ich möchte Lokführer werden" nur noch in Verbindung mit Märklin-Eisenbahnen wichtig.
Jakob Augstein hat einen flammenden Kommentar für das "Grundrecht" der Lokführer auf Streik veröffentlicht. Als ob es darum ginge, das Streikrecht abzuschaffen. Das ist doch großer Quatsch. Deutschland braucht funktionierende Gewerkschaften, aber nicht berufliche Interessengruppen, die sich Gewerkschaft nennen, und ihre Nadelöhr-Eigenschaft zu Lasten anderer Berufsgruppen und der ganzen Gesellschaft missbrauchen. Flächentarifverträge, zum Teil in harten Auseinandersetzungen durchgesetzt, haben Deutschlands Wirtschaft immer auch Stabilität gegeben. Statt für einzelne Berufsgruppen verhandeln die Gewerkschaften bis heute für einen ganzen Industriezweig wie Chemie, Handel oder Metall. Das gibt den Branchen Planungssicherheit, sichert Arbeitsplätze und ist auch im Arbeitgeberinteresse. Was wir jetzt erleben, macht Unternehmen und die ganze Wirtschaft auf Dauer kaputt: In immer kürzeren  Abständen, streiken einzelne Berufsgruppen. Und zwar immer dort, wo es besonders wehtut.
Das Sicherheitspersonal hat kürzlich den Flughafen Frankfurt lahmgelegt. Die Piloten haben mit ihren immer neuen Streiks die Lufthansa schon über 150 Mio Euro gekostet und Chaos im deutschen Flugverkehr ausgelöst. Die Lokführer sind nun der nächste Höhepunkt. Ältere erinnern sich noch an den dramatischen Streik der Fluglotsen. Was kann da alles noch passieren? Stellen wir uns mal bei der Lufthansa vor: Es streiken heute die Piloten, morgen die Flugbegleiter, dann der Catering-Bereich, dann die Software-Programmierer, die Ingenieure, die Techniker. Dann streikt das Sicherheitspersonal des Flughafens und alle verpassen ihre Flüge. Wie lange kann die Lufthansa so etwas ohne schwere Blessuren aushalten?
Dass die Bundesregierung jetzt ein Gesetz vorbereitet, das auf die jeweilige Mehrheitsgewerkschaft eines Betriebes setzt, ist ein richtiger Schritt. 
"Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will". Dieser 1863 von Georg Herwegh anlässlich der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (SPD-Vorläufer) gedichtete Text endet, was viele nicht wissen, mit den Worten: "Brecht die Sklaverei der Not! Brot ist Freiheit, Freiheit Brot".
Herr Weselsky, ist es wirklich so schlimm in unserem Land, dass Sie alle Räder still stehen lassen müssen?

Montag, 27. Oktober 2014

Readly kommt - was für eine Super-Idee!

Wieder einmal kommt aus dem Nichts eine sensationelle Internet-Idee: Readly. Nachzulesen hier in Handelsblatt Online: 
Während die deutschen Verlage ratlos durch die Gegend geistern und sich auf die Beschimpfung von Google konzentrieren, kommt mit dem 2012 gegründeten schwedischen Startup Readly eine geniale Antwort auf die Frage nach der Zukunft von journalistischen Inhalten: Mit einer Flatrate kann man hier für 9,99 Euro monatlich zahlreiche Magazine lesen. Das ist wirklich ausbaufähig. In Schweden, USA und Großbritannien kann man Readly schon abonnieren, in Deutschland werden mit dem heutigen Start 20 Prozent "der für uns geeigneten" (CEO Hellberg) Zeitschriften abgedeckt, der Bauer-Verlag und die Funke-Gruppe machen schon mal mit. Wahrscheinlich sind die Verlage nicht selbst darauf gekommen, weil sie sich scheuen, andere mit ins Boot zu nehmen, ich kann mir nicht vorstellen, dass Readly von ihnen noch nicht bemerkt wurde. Es wäre ja auch ein Geschäftsmodell für den Pressevertrieb.
So hat Apple ja auch mit Itunes die Erstarrung der Musikindustrie aufgelöst, wenn auch nicht als Flatrate, so doch als Grundidee. Ich wünsche Readly eine echte Erfolgsgeschichte.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Crash Propheten: Geld verdienen mit Weltuntergang

Den folgenden Kommentar habe ich heute in Wolfram Weimers "Wirtschaftskurier" veröffentlicht:

In den Bestsellerlisten für Wirtschaftsbücher stehen seit Jahren Bücher ganz oben, die einen Crash der Weltwirtschaft für unausweichlich halten. „Der Crash ist die Lösung“, „Der Crash kommt“ oder „Europa vor dem Crash“. Und so weiter. Jüngstes Beispiel ist das Buch des Journalisten Michael Maier „Die Plünderung der Welt“. Dunkle Verschwörungstheorien sollen laut Maier belegen, dass ein winziger Zirkel der Reichsten 80% die Welt beherrscht und sich immer weiter auf Kosten der Armen bereichert – bis zum großen Knall. Da werden sämtliche Skandale der Wirtschaft in einen großen Topf geschmissen, mehrmals umgerührt und dann gnadenlos komplett auf eine Verschwörung der Reichsten zurück geführt. Man kann mit solchen Büchern viel Geld verdienen. Dass diese Bücher gekauft werden, spricht für ein kaltblütiges Buchmarketing, das die Ängste vieler Anleger bedient. Es spricht aber nicht für die Richtigkeit dieser finsteren Prophetien. 
Hinter all diesen Crash-Prognosen steht fast immer die gleiche These: Der Euro ist unser Untergang und die Geldpolitik der EZB kann nicht gut gehen: niedrige Zinsen zur Entlastung hochverschuldeter EU-Länder und Entlastung der Bankbilanzen durch Ankauf zweifelhafter Wertpapiere in einem riesigen Volumen. Sparer werden durch niedrige Zinsen und Inflation enteignet, Staaten entledigen sich dadurch ihrer Verschuldung. Banken verdienen kein Geld mehr an den Zinsen und für die Übernahme von Banken- und Staatenrisiken durch die EZB haftet am Ende der europäische und vor allem der deutsche Steuerzahler. Schließlich können die immer weiter steigenden Schulden nicht mehr zurückbezahlt werden und ganze Staaten gehen pleite. Und an all dem verdient eine kleine Clique von Superreichen, die „Plünderer“, so Maier.
Ich halte das alles für großen Unsinn. Es erinnert eher an den Maya-Kalender, der für  den 21. Dezember 2012 den Weltuntergang vorausgesagt hat,  denn an unsere Realität.
Der allgemeine Aberglaube lautet: Steigt die im Umlauf befindliche Geldmenge bei gegebener Realwirtschaft, übersteigt also das Angebot an Geld die Nachfrage, muss Inflation die Folge sein. Das klingt logisch, ist aber offensichtlich nicht richtig. Seit der Lehman-Pleite im September 2008 fluten die Notenbanken zwar die Finanzmärkte mit billigem Geld. Sie haben damit Zeit für die Umstrukturierung gekauft. Nirgends ist auch nur im Ansatz Inflation in Sicht. Eher befürchtet EZB-Präsident Draghi sogar eine Deflation.
Von einer Weltwirtschaftskrise sind wir himmelweit entfernt. Deutschland wird 2015 wohl erstmals seit vielen Jahren keine Neuschulden mehr machen. Entscheidend ist, dass die EZB nicht nur Geld drucken kann (das Maier „Falschgeld“ nennt), sondern durch ihre Zinspolitik auch Geld aus dem Markt – also jederzeit den Druck vom Kessel – nehmen kann. Die bisherigen Rettungsaktionen mögen manchem einen Schauer über den Rücken jagen, erfolglos waren sie nicht. Irland, Portugal und sogar Griechenland sind wieder auf Kurs. Frankreich geht Wirtschaftsreformen an. In den USA wurde kürzlich die niedrigste Arbeitslosenrate seit über 20 Jahren gemeldet. Auch wenn in den USA und in Europa Banken und Versicherungen mit Milliardenbeträgen gerettet wurden, haben sie diese Rettungskredite zum Großteil zurückbezahlt und machen wieder Gewinne. Lassen Sie sich deshalb nicht von den großen Summen irritieren. So schnell geht die Welt nicht unter.



Donnerstag, 16. Oktober 2014

Die David-gegen-Goliath-Strategie von Greenpeace

Die Fragen stellte mir Mike Dawson, internationaler Korrespondent der Lebensmittelzeitung. Da er nicht alle Zitate in der aktuellen Ausgabe der Lebensmittelzeitung und seinem Blog bringen konnte, hier meine vollständigen Antworten:

1) Ist es fair von Greenpeace gewesen, Lego über eine globale Kampagne, z.B. bei YouTube so zu attackieren?

Antwort: Greenpeace betreibt professionelle, hochwirksame Kommunikation. Was man als unfair empfindet, soll ja medialen Druck ausüben, Unfairness gehört also zum Konzept. Greenpeace-Anhänger sehen solche Attacken nicht als unfair an, vielmehr steckt eine „David gegen Goliath-Strategie“ dahinter, und wem gehören die Sympathien: Immer dem David. Greenpeace ist zwar mächtig, aber im Vergleich zu Konzernen immer noch der David.

2) War es klug von Lego dem Druck von Greenpeace nachzugeben, oder unratsam, weil es wie eine Schuldbekenntnis aussieht?

Ja, es war klug, denn anders kommt Lego nicht mehr aus dieser Nummer heraus. Denn die Lego-Figuren werden aus Plastik hergestellt, und Plastik fabriziert man bekanntlich aus Öl. Auf der Lego-Website liest man allerdings  nur, dass Legosteine "aus Granulat“ geformt werden. Was da nicht steht: Das Granulat wird aus Rohöl hergestellt:
(siehe www.schulmediathek.tv): Rohöl wird zu einer Raffinerie gepumpt, wo eine klare Flüssigkeit namens Naphtha extrahiert und daraus Kunststoff-Granulat hergestellt wird. Das Granulat wird dann eingeschmolzen und zu verschiedenen Produkten geformt
Daher also die Verbindung. Bei den Attacken von Greenpeace gegen Shell geht es ja nicht ums Öl generell, sondern darum, wie und wo die Ölgewinnung die Natur gefährdet. Wenn die Ölgewinnung Natur gefährdet oder zerstört, kann das einem Spielzeughersteller wie Lego als Verwender von Rohöl nicht gleichgültig sein.  Auch beim Bezug von Rohstoffen und Vorstufenprodukten sollten Unternehmen sicher sein, dass diese Stoffe ohne Zerstörung der Natur erzeugt werden. Heute macht man ja umgekehrt Öl aus Plastikmüll und entlastet dadurch die Natur.  Wenn Lego auf diese Weise seine Figuren produziert, gibt es keine Probleme mehr.

3) Wie reagiert man in solchen Fällen am besten?

Ehrlich zu sich selbst sein, Wege finden, die Produktion umweltfreundlich zu gestalten und das dann kommunizieren. Die Aufkündigung der Shell-Kooperation kann nur der erste Schritt sein.

4) Auch wenn Millionen von Menschen die Greenpeace-Attacken in YouTube etc. angesehen haben, sind das überhaupt die Kunden von Shell bzw. Lego?

Eltern sind außerordentlich sensibel, wenn es darum geht, womit ihre Kinder spielen. Nachhaltigkeit gilt zumindest in gebildeten Kreisen als Selbstverständlichkeit. Es ist egal, wer diese You-Tube-Attacken gesehen hat, es spricht sich schnell herum, und darunter sind sicher auch viele Lehrer, die Sympathien für Greenpeace haben.

5) Könnten Sie es sich vorstellen, dass Greenpeace bzw. andere Aktivisten ihre Proteste auch auf die Industriepartner der Shell-Tankstellenshops (Coke, Nestlé, Pepsi, Danone etc.) ausweiten?

Ja, das kann ich mir vorstellen, aber Greenpeace verzettelt sich nicht. Die suchen sich ganz gezielt einen Gegner aus und versuchen ihn weichzuklopfen. Das wirkt dann langfristig auch bei den anderen Industriepartnern. Man muss den Flaschenhals finden, um den größten Druck auszuüben.

6)  Last but not least, welche Lehren ziehen Sie persönlich aus der Geschichte?

Von Schumpeter stammt der Satz: Der Unternehmer haftet mit seinem Einkommen an den Entwicklungswerten der Zukunft. Das scheint manchen immer noch nicht klar zu sein

Lego gegen Greenpeace - ein Lehrbeispiel

Lesen Sie dazu den folgenden hochinteressanten Artikel im "German Retail Blog" von Mika Dawson, der mich mehrfach zitiert:

"Greenpeace hits Lego to hurt Shell"

Mehr dazu auch morgen in der "Lebensmittelzeitung"!

Dienstag, 14. Oktober 2014

Jetzt sollte man in die FDP eintreten

Ich bin seit den siebziger Jahren CDU-Mitglied, obwohl ich in den verschiedenen Parteien Gesichter finde, die mir gefallen. Schon gar nicht habe ich mich als Journalist dafür vereinnahmen und in Schubladen stecken lassen. Liberale gibt es nämlich auch bei der SPD und bei den Grünen (Die AfD ist mir als Sammelsurium rechter Protestwähler sehr suspekt). Bei der CDU sehe ich heute ein großes Defizit an liberalem Gedankengut. Die Merkel-Strategie der Sozialdemokratisierung wirkt zwar im Hinblick auf die SPD perfekt, denn sie verhindert, dass die SPD wieder eine Volkspartei wird. Sozialdemokratischer als die heutige Bundes-CDU kann man eigentlich nicht sein. Das Ganze geht aber zu Lasten liberaler Grundsätze, die früher in der CDU ihren Platz hatten und ansonsten bei der FDP beheimatet waren. Niemand thematisiert mehr das Thema Steuerbelastungen. Die Piraten haben nichts geentert und ihr großes Thema "Freiheit im Internet" liegt brach. Die Grünen lecken sich immer noch die Wunden, seit sie mit Merkels Ausstieg aus der Atomenergie ihr wichtigstes Thema verloren haben. Und die FDP? Sie sucht derzeit verzweifelt nach einer neuen Strategie und neuen, unverbrauchten Gesichtern. An das Thema Steuersenkungen traut sie sich nicht mehr ran. "Sind wir da noch glaubwürdig" fragt Christian Lindner, der im Moment der einzige ist, den man öffentlich noch wahrnimmt. Ich bin der festen Überzeugung, dass die CDU eine wiederbelebte FDP an ihrer Seite braucht. Die FDP muss allerdings mit ihrer Vergangenheit aufräumen, Fehler erkennen und zugeben und sich mit neuen Themen profilieren, ganz besonders im kommunalen Bereich, aber auch auf Landesebene. Die Themen Steuerentlastung und - vereinfachung müssen auf der Tagesordnung bleiben. Das Thema Datenschutz muss wieder in den Kompetenzbereich der Liberalen. Die Wiederbelebung vieler Städte ist eine Riesenaufgabe. Im Immobilienbereich und im Mietrecht müssen Auswüchse verhindert werden. Die Share-Economy ist ein liberaler Ansatz, den die FDP besetzen könnte. Und, und, und.
Ich überlege jetzt ernsthaft, hier in die rheinland-pfälzische FDP einzutreten und sie zu unterstützen, damit sie 2016 in diesem wichtigen Bundesland als potentieller Koalitionspartner für die CDU oder auch die SPD erhalten bleibt. Die FDP ist noch nicht tot, und ihre Kernthemen sowieso nicht.

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Offener Brief an Heribert Schwan: Sie haben den Journalismus geschädigt


Offener Brief

Sehr geehrter Herr Schwan,

mit dem Buch "Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ werden Sie richtig viel Geld verdienen. Klasse PR, Vorabveröffentlichung im Spiegel, Diskussion in allen Medien. Marketing vom Feinsten. Als Buchverleger kann man dazu nur gratulieren. 
Als Journalist lehne ich die Veröffentlichung dieses Buches entschieden ab. Denn es enthält Material, das vom Urheber explizit nicht zur Veröffentlichung freigegeben wurde.
Vertrauliche Gespräche gehören ganz wesentlich zum Beruf des Journalisten. Ohne vertrauliche Gespräche erfährt man keine Hintergründe, die wichtig sind, vom Schlagzeilenjournalismus wegzukommen und vertiefende Bilder zu schaffen und Realitäten differenziert und faktisch fundiert abzubilden.
Sie haben vertrauliche Gespräche mit Helmut Kohl geführt und durch Ihre Veröffentlichung das in Sie gesetzte Vertrauen eklatant gebrochen.
Vielleicht wird Helmut Kohl nicht mehr erleben, wenn der Bundesgerichtshof irgendwann über die Rechtmäßigkeit dieser Veröffentlichung entscheiden wird. Den Schaden, den zwischenzeitlich all die ausbaden dürfen, die als ernsthaft interessierte und kompetente Journalisten auf ihre „vertraulichen“ Fragen keine Antworten mehr bekommen, wird man zwischenzeitlich nicht mehr rückgängig machen können.  


Danke Herr Schwan.

Montag, 6. Oktober 2014

Was plant Bertelsmann mit Gruner+Jahr?

Nun also doch: Bertelsmann hat der Jahr-Familie die restlichen Anteile an Gruner + Jahr abgekauft:
In Spiegel Online lese ich heute:
"Die vollständige Übernahme von Gruner + Jahr ist ein strategischer Meilenstein zur Stärkung unserer Kerngeschäfte", ließ Bertelsmann-Chef Thomas Rabe mitteilen. "Wir unterstützen die vom Gruner + Jahr-Vorstand auf den Weg gebrachte Transformation von Gruner + Jahr uneingeschränkt und werden auch in Zukunft die dafür erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen."
Eigentlich ist das eine gute Nachricht, aber die Frage muss gestellt werden: Warum wollte Bertelsmann Gruner+Jahr komplett übernehmen?
Was bedeutet "Stärkung unserer Kerngeschäfte" ?
Naja, darunter lässt sich viel verstehen. 2012 scheiterte schon mal ein solcher Versuch. Nun ist die Jahr-Familie anscheinend weichgeklopft. Und hat in bar einen nicht genannten Kaufpreis erhalten. Offensichtlich ist dem bisherigen Minderheitsgesellschafter mit Vetorecht das Verlust- und Investitionsrisiko zu teuer. Lieber den Spatzen in der Hand als die Taube auf dem Dach.
Wenn ein Mehrheitsgesellschafter die Anteile der Minderheitsgesellschafter kauft, dann will er volle Handlungsfreiheit. Anders macht der Erwerb keinen Sinn.
Das bedeutet für Gruner+Jahr: Bertelsmann kann jetzt einzelne Teile oder das ganze Haus verkaufen. Auch das würde zur "Stärkung des Kerngeschäfts" beitragen. Bei der Wirtschaftspresse hat es der Verlag vorgeführt: Die Hauptmarke Capital bleibt, FTD, wurde geschlossen, Impulse an den Chefredakteur verkauft und Börse Online an den Finanzverlag von Frank Werner.
Am Baumwall haben sich inzwischen reichlich Titel angesammelt, siehe HIER. Da würde ein McKinsey Berater ordentlich aufräumen: Was passt zur digitalen Strategie von G+J? Wer fährt die Kosten nicht ein? Wer hat Zukunft, wer nicht?
Es sollen ja ohnehin 400 Stellen abgebaut werden, und davon ist auch das Flaggschiff Stern nicht ausgenommen. Mit der Übernahme der Jahr-Anteile durch Bertelsmann kann Julia Jäkel jetzt die Taktzahl deutlich beschleunigen. 2015 dürften die G+J-Redaktionen noch einige Wechselbäder erleben.

Freitag, 19. September 2014

Journalisten

Gestern Abend war ich Gast des "Deutschen Journalistenpreises".  Dort traf ich einige Kolleginnen und Kollegen und konnte mich über die "Lage" informieren. Einer der Juroren war Dr. Nikolaus Förster, Chefredakteur des Magazins IMPULSE. Während das Publikum allen Rednern für ihre Statements Beifall zollte, blieb es stumm, als Förster den m.E. wichtigsten Satz des Abends sagte: "Wir Journalisten müssen uns fragen, ob unsere Texte für die Leser interessant genug sind, um Geld dafür zu zahlen." Mit anderen Worten: Bislang wurden die Leistungen der Journalisten überwiegend mit Werbung bezahlt. Das galt ganz besonders in der Wirtschaftspresse. Doch die Anzeigen brechen seit Jahren weg. Während viele Zeitungen den Wegfall ihres Rubrikengeschäftes mit höheren Abopreisen einigermaßen kompensieren konnten, ist das den Medien der Wirtschaftspresse nicht gelungen, zu groß ist die Angst vor dem Verlust weiterer Leser. Förster denkt da anders. Er hat den Copypreis von Impulse um ein Drittel angehoben - und keinerlei Einbrüche bei den Verkaufszahlen festgestellt. Natürlich hätte Förster auch gerne mehr Anzeigen, um Gewinne zu erwirtschaften.
Aber die Botschaft ist klar: Leser sind Kunden, die man binden muss.
Wenn Journalisten auch in Zukunft gebraucht werden sollen, müssen sie Inhalte liefern, für die ihre Leser bezahlen. Wer Leser verliert, macht sich überflüssig. News, die in allen Medien stehen, will niemand mehr bezahlen. Kompetente Meinungen und journalistische Highlights schon eher. Keine Zeitung und kein Magazin muss nur aus Highlights bestehen. Es reichen wenige "Leuchtturmgeschichten", wie ich es früher genannt habe, um dem Leser das Gefühl zu geben, sein Geld nicht zu verschwenden.
Die Gewinner des Deutschen Journalistenpreises haben so gesehen auch einen äußerst wichtigen Beitrag zur Erhaltung ihrer Leserschaft geleistet: Gute Themenidee, gute Recherche, guter Text. Die Süddeutsche Zeitung hat mit ihrer Enthüllung der Manipulationen beim ADAC einen besonderen Scoop gelandet (Obermayer und Ritzer), aber auch der Beitrag eines Autorenteams in CAPITAL ("Träum weiter"), der sich mit Innovationen und Visionen in Deutschland befasste, verdiente diesen Preis ohne investigativ sein zu müssen. Die 400 Bewerbungstexte wurden übrigens von der Jury ausgewählt, ohne Autoren und Medien zu kennen. Also einfach eine gute Sache, zumal Gruner+Jahr aus unerfindlichen Gründen den Henry-Nannen-Preis ausgesetzt hat.

Montag, 8. September 2014

Investieren statt kaputtsparen: Die Verlage müssen in die Zukunft investieren

Meinen letzten Blog zu den Fehlern bei Gruner+Jahr haben viele gelesen und einige getwittert. Manche fragten, was ich denn nun konkret ändern würde und ob ich denn auch konstruktive Ideen hätte. Nun, bekanntlich muss der Theaterkritiker keine eigene Stücke schreiben.
Aber ich kann es ja mal mit vier Punkten versuchen.

  1. Den Verlagen fehlt Zukunftswissen: Außer Marktforschung gibt es in den Verlagen keine Forschung, die mit der Industrie vergleichbar wäre. Hätten sich die Verlage in eigenen Forschungsabteilungen mit Algorithmen und moderner Verhaltensforschung auseinander gesetzt, wären sie vielleicht auch auf die Idee gekommen, Google, Facebook oder Twitter zu entwickeln, statt heute Startups zu kaufen. Aber die Verlage haben keine eigenen Forschungsabteilungen, ihre Markt"forschung" beschränkt sich bis heute im wesentlichen darauf, neue Magazine zu testen, bevor sie auf den Markt kommen. Wie die Vergangenheit zeigt, hilft das aber nicht, Flops wie die "FTD" zu vermeiden. Weil sie keine eigenen Forschungsabteilungen unterhalten, fehlt den Verlagen Zukunftswissen und deshalb jammern sie mehr über Google als in einen Forschungswettbewerb einzutreten. "Ich kenne keine Branche, die so wenig forscht wie die Medienbranche" twitterte einer meiner Leser zu meiner Gruner-+Jahr-Analyse". Absolut richtiger Punkt! Ein Unternehmen wie Bertelsmann sollte vielleicht mal überlegen, ob die Bertelsmann Stiftung (Motto: "Menschen bewegen, Zukunft gestalten") ihre vielen Millionen nicht zielgerichteter für die Zukunft der Medien einsetzen könnte. Dabei gibt es in Deutschland viele Forschungseinrichtungen die man nutzen könnte, und damit meine ich nicht die "Kommunikationswissenschaften", die für mich kein forschender Wissenschaftszweig sind. (Mal ehrlich: Hier erarbeitet sich vor allem mancher Kommunikationsexperte auf möglichst einfache Weise einen schmucken Professorentitel). Die wirklich spannenden Zukunftsfragen spielen sich z.B. in den Fraunhofer-Instituten ab, die mit der Wirtschaft kooperieren müssen, da sie nur einen Teil des Geldes vom Staat erhalten. Gerade wenn es um Digitalisierung geht, also letztlich um den IT-Bereich im weitesten Sinne, sind diese Institute Weltspitze. Mir ist nicht bekannt, dass eines dieser Institute mit einem der Großverlage eng kooperiert. Erbitte Hinweise, wenn ich das falsch sehe! Kürzlich besuchte ich das Fraunhofer-Institut IESE in Kaiserslautern, das sich mit "experimentellem Software Engineering" befasst. Ein Wissenschaftler dort sagte mir: Hier reden alle nur über die IT von Google und Facebook. Dass Deutschland aber bei industrieller Software - beispielsweise in der Autobranche - den Amerikaner weit voraus sei, weiß hier keiner. So lässt Toyota beispielsweise in Kaiserslautern erforschen, wie man Rückrufe durch ferngesteuerte Resets der Software ersetzen kann. Unter dem Motto "Safety and Security" wird hier anwendungsnah Zukunftswissen erarbeitet: Um Autos, die keine Fahrer mehr brauchen und weniger Unfälle verursachen, kümmert sich also nicht nur Google, sondern auch die deutsche Autoindustrie.
  2. Statt die Redaktionen immer weiter einzudampfen und den verbleibenden Journalisten immer mehr Informations-Kanäle und Arbeit aufzuhalsen (ein Wirtschaftsjournalist arbeitet heute im Schnitt nur noch 9 Minuten ohne Unterbrechung), sollten die Verlage ihre besten Redaktionen massiv ausbauen: Print-Titel sollten stärker zu "Autoren-Medien" werden (siehe Erfolg der Zeit"), digitale Ausgaben wie Spiegel online, stern.de oder Focus online könnten zu eigenen Social-Media-Plattformen werden, statt ihre News über Facebook zu transportieren. Im Grunde ist die Huffington Post auf diesem Weg. Junge Leute informieren sich heute politisch über Sitcoms (ja!), Facebook und WhatsApp, was haben die Verlage dagegenzusetzen? Dass man einen Spiegel-Artikel kommentieren kann, kann reicht nicht. Man müsste ihn mit Fotos und Videos ergänzen können (Prinzip "Leserreporter bei BILD). Die journalistische Digitalisierung muss radikaler, schneller und intensiver erfolgen. Der CEO von Axel Springer Matthias Döpfner marschiert hier am mutigsten voran. Die Hälfte seines Umsatzes hat inzwischen digitale Quellen. Dabei geht es nicht um eine permanente Verbreiterung des Angebots, sondern um die Vertiefung des Angebotes durch digitale Optimierung aller Prozesse. 
  3. Die Verlage waren schon immer Händler von Informationen. Der Schritt zu einem "richtigen" Händler ist nicht weit. Die Digitalisierung macht es nicht nur möglich, Bilder, Videos, Filme zu handeln. "Essen und Trinken" könnte problemlos mit Delikatessen handeln,  "Landlust" mit Gartenmöbeln, "Schöner Wohnen" mit Designer-Möbeln und "Beef" mit echten Steaks. Hört sich komisch an, und Journalisten könnte davor grauen. Aber die Kombination aus Inhalten und Produkten könnte funktionieren. Warum sollte "Chefkoch.de" nicht zum großen Delikatessenhaus mutieren - vielleicht in Kooperation mit bestehenden Unternehmen oder vielleicht sogar mit Karstadt? Denkverbote sollte es hier nicht geben.
  4. Der Vertrieb und alle damit verbundenen Prozesse müssen in Frage gestellt werden. Das Kartell des Presse-Großhandels hat zwar Vorteile, beispielsweise, dass jedes neue Magazin ein paar Versuche hat, am Kiosk präsent zu sein. Aber wenn man allein an die riesigen Mengen von Remissionen denkt, dann ist das totale Verschwendung. Und der Ehrgeiz jedes Chefredakteurs, am Kiosk seinen Titel zu sehen, ist verständlich, aber viel zu teuer. Remissionen über 60-70% sind die Regel. Man druckt viel zu viel, transportiert viel zu viel und man zahlt viel zu viel. Ein Magazin, das am Kiosk bundesweit weniger als 10.000 Exemplare verkauft, sollte entweder voll auf Abonnement umstellen oder nur noch digital erscheinen. Was man hier sparen könnte, könnte den Redaktionen zugute kommen. Nur muss damit auch eine digitale Werbestrategie verbunden sein, die Kunden bindet und das Werbegeschäft forciert. Abos müssen dann viel leichter und schneller und ohne lange Bindung abgeschlossen werden können, ebenso jede Art von Werbung. Man muss die alten ausgetretenen Pfade verlassen, um neue Wege zu entdecken.






Freitag, 5. September 2014

Feindbild Draghi: "Entpört euch"!

Der Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi hält die Geldschleusen offen und wird dafür von deutschen Wirtschaftsmedien, Wirtschaftswissenschaftlern, Banken und Versicherungen heftig gescholten. Angeblich droht durch seine Geldpolitik die nächste Finanzkrise. Mit Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart (Sein Titel zur Behandlung der Ukraine-Krise) möchte ich ausrufen: Entpört euch!
Wenn ein Mann wie Draghi die Politik der EZB in dieser Weise bestimmt, dann muss man sich seinen Werdegang ansehen, siehe HIER in Wikipedia.
Dumm kann der Mann schon mal nicht sein: Schüler auf einer Jesuitenschule, Studium in Rom und am MIT, zehn Jahre Professor in Florenz, Arbeiten für die Weltbank und Harvard, zwei Jahre Vizepräsident bei Goldman Sachs (2004-2005). Und dann von 2006 bis 2011 italienischer Notenbank-Präsident. Bei Goldman Sachs hat er die griechische Regierung beraten, In seiner-Film-Dokumentation "Der große Euro-Schwindel" wirft Autor Michael Wechs Goldman Sachs vor, beim Frisieren des griechischen Haushalts behilflich gewesen, ja sogar dafür verantwortlich gewesen zu sein. Italiener und Griechen haben sich nie durch disziplinierte Haushalts- und Geldpolitik hervorgetan, um es mal milde auszudrücken. Und klar: Das Herz eines Italieners wird immer für Italien schlagen, und so muss es auch bei Draghi sein. Soweit erst einmal alle Vorurteile auf einen kurzen Nenner gebracht.
Wenn der Mann nun nicht dumm ist, und was, wenn er mehr im Kopf hat als Griechenland und Italien zu retten: Warum senkt er dann die Zinsen bis zur Null-Linie, kauft den Banken faule Kredite ab (z.B. Asset backed Securities - durch Forderungen an Unternehmen gesicherte Kredite) und wertet den Euro ab?
Draghi hat drei Ziele:
Er will zum einen verhindern, dass die europäischen Kellerkinder, zu denen sich inzwischen auch Frankreich gesellt, durch den Anstieg von Zinsen erneut in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

  1. Zum anderen will er die schwachen europäischen Banken bilanziell stärken, um neuen Bankenkrisen vorzubeugen. Damit übernimmt er allerdings auch die Haftung beim Ausfall solcher Kredite. 
  2. Zum Dritten will er den Export in Drittländer durch Abwertung des Euro ankurbeln.

Schließlich sollen die Banken durch die nochmalige Zinssenkung und weitere Maßnahmen angehalten werden, Unternehmen durch mehr Kredite zum Investieren zu bringen, um die sich abzeichnen Wirtschaftsschwäche in Europa aufzufangen. Ich bezweifle, dass die Senkung der Zinsen von gerade mal 0,15 auf 0,05 % die Kreditvergabe an Unternehmen ankurbelt, aber das ist meines Erachtens eher ein vorgeschobenes Argument.
Dass Banken und Versicherungen in Deutschland so massiv gegen Draghis Geldpolitik schießen, liegt vor allem daran, dass niedrige Zinsen auch niedrige Zinsmargen zur Folge haben, die Banken verdienen immer wieder an Krediten und die zu 70% auf Anleihen angewiesenen Versicherungen können den garantierten Zins für die Beitragseinnahmen nicht mehr darstellen. (Man sollten den Versicherungen deshalb erlauben, den Aktienanteil bei der Geldanlage zu erhöhen).
Dennoch: Alle warnenden Stimmen, dass die durch Draghis Geldpolitik aufgeblähte Geldmenge zu einer Inflation und einem neuen Crash führen werde, haben sich bislang als haltlos erwiesen.
Eigentlich wäre die Inflation der perfekte Weg für Staaten, sich zu entschulden. Denn Inflation entwertet auch die Schulden. Nun haben wir aber das Problem, dass die Inflation immer weiter sinkt und in eine Deflation umzuschlagen droht. Wie kann man dann die Euro-Krisenländer entschulden? Natürlich nur durch anhaltend niedrige Zinsen.Allerdings darf das auch nicht zu einer Deflation führen, die dann in eine langjährige Depression münden könnte. Das ist die Gratwanderung, auf der sich die EZB bewegt.
Eine höhere Geldmenge führt nicht automatisch zu Inflation, selbst wenn es sich um Hunderte von Milliarden handelt. Zumal die EZB auch die Möglichkeit hat, Geld wieder einzuziehen. Solange die Erhöhung der Geldmenge nicht in der Realwirtschaft durch Kosten- oder Nachfrageschübe ankommt, gibt es auch keine Inflation, wie wir jeden Monat sehen.
Dass die EZB durch den Ankauf von Anleihen und Krediten ins Haftungsrisiko geht, das am Ende den Steuerzahler erreichen könnte, wiegt schwerer. Aber was wäre die Alternative? Wenn weitere Banken und Länder in Europa pleite gingen, müsste der deutsche und europäische Steuerzahler am Ende auch einspringen.
Den Börsen soll die Niedrigzinspolitik recht sein. Die weltweiten Aktienkurse werden langfristig weiter kräftig steigen, eine Blase ist nicht wirklich in Sicht. Warten wir doch mal ab, ob sich die Konsolidierung der europäischen Haushalte und die Stärke gerade der deutschen Wirtschaft nicht am Ende doch als segensreich erweist. Ich wäre da nicht so pessimistisch.

Donnerstag, 4. September 2014

Gruner+Jahr in der TV Sendung "Zapp"

Es freut mich, dass meine G+J Analyse auf so große Resonanz stößt! Herzlichen Dank allen. Wen es interessiert: HIER der Link zur gestrigen NDR-Sendung "Zapp" zum gleichen Thema.


Mittwoch, 3. September 2014

Die Fehler der Vergangenheit holen Gruner+Jahr ein



Am 3.September ab 23.20h bin ich in der Mediensendung Zapp des NDR zu sehen. Es geht um die Zukunft von Gruner+Jahr, nachdem dort ein Abbau von 400 Stellen bekanntgegeben worden war. Nach der Entlassung von 300 Mitarbeitern der FTD-Redaktion ist dies der zweite große Einschnitt des Medienhauses. Da in der Sendung sicher nur einige Zitate gebracht werden, hier meine ausführlichere Analyse. Was steckt hinter dieser doch recht dramatischen Entwicklung?

  1. Bertelsmann hat zuviel Geld aus G+J herausgezogen, allein zwischen 2001 und 2011 mehr als zwei Milliarden Euro. Mindestens die Hälfte davon hätte G+J investieren müssen.
  2. Das Gruner+Jahr Management hat zu viele Fehlinvestitionen zu verantworten und die Digitalisierung vollkommen verschlafen: Ambitioniert gestartet (Fireball, Business Channel) und dann zu früh wieder ausgestiegen. Fireball hatte einst als beliebte Suchmaschine 22 Prozent Marktanteil in Deutschland. Was wäre das wohl heute wert? Der Business Channel wollte das sein, was heute der Marktführer bei Finanzportalen "Onvista" ist. 80 Leute waren schon eingestellt, die wieder alle entlassen wurden, weil das Portal nicht mehr an den Start gehen durfte. Die Neugründung TV Today war echter Vorreiter als gleichzeitig digitale Plattform. Heute gibt es digitale Angebote für alle (viel zu viele!) Print-Medien, aber man hinkt der Entwicklung insbesondere bei der Optimierung automatisierter Prozesse hinterher. Das sture Festhalten an rein journalistischen Portalen hat dazu geführt, dass die wichtigsten Rubriken-Portale (Stellenanzeigen, Autos, Immobilien und mehr) von Firmen wie der Telekom und nicht von G+J entwickelt wurden und damit auch das technologische Know How zurückfiel. Ursache für diese Entwicklung war vor allem der Rauswurf von Thomas Middelhoff bei Bertelsmann, der den Konzern damals frühzeitig digitalisieren wollte. Der Stop großer Digitalprojekte ging letztlich von Bertelsmann aus, dessen Eigentümer "back to the roots" wollten.
  3. Kleines Beispiel: Vorgestern habe ich mehr als eine halbe Stunde gebraucht, um den Stern als Epaper zu abonnieren. Wenn man das Epaper beim Stern bestellen will muss man ein altertümliches Adressenformular ausfüllen, obwohl das Epaper bekanntlich nicht auf dem Postweg versendet wird. Na schön, die Adressen sollen wohl verkauft werden. Wenn ich mit Paypal bezahlen will, muss ich mich verpflichten, künftig alle Bestellungen automatisch von meinem Paypal-Konto abbuchen zu lassen. Ich breche ab und will jetzt auf Rechnung bezahlen. Technischer Fehler! Und schon muss ich ganz von vorne anfangen. Und dann bekomme ich doch die Bestätigung, dass mein Abo bestellt wurde. Erfreut drucke ich die Rechnung aus. Und zu meinem Erstaunen muss ich auch noch etwa 7 Seiten kleingedrucktes mit ausdrucken. Fazit: G+J beherrscht die Prozessoptimierung nicht. Und weiß es anscheinend auch noch nicht.
  4. Die Reihe der Flops lässt sich fortsetzen: Geo gescheitert in den USA, fast schon vergessen: Die "Hitler-Tagebücher" des Stern, dann die gefloppte Neugründung von "Tango", die nach 37 Ausgaben eingestellt wurde. Der Verkauf großer US-Zeitschriften wie Parents, der Verkauf von GEO Russland. Die Leidensgeschichte hochauflagiger DDR-Zeitungen, die nach und nach eingestellt ("Wochenpost") oder verramscht wurden (Berliner Zeitung). Der  Start in Ungarn mit anschließendem Rückzug. Die missglückten TV.Versuche wie "Brigitte-TV" Fast Company und Inc völlig überteuert eingekauft - die Rede ist von 575 Millionen US Dollar, verkauft wurden die Blätter dann für 35 Millionen Dollar. Und nicht zuletzt die Zusammenlegung der Wirtschaftsmedien mit der FTD, die Vermischung der Marken und letztlich der Verkauf von Impulse und Börse Online und die Schließung der FTD. Das verbliebene Wirtschaftsmagazin "Capital" verkauft heute nur noch echte 45.000 Hefte (Abos plus Einzelverkauf), der Rest sind Sonderverkäufe, Bordexemplare, Lesezirkel. In meiner Zeit als Chefredakteur erreichte das Heft 2000 - getrieben vom Börsenhype - 330.000, davon 130.000 im Einzelverkauf. Übrigens gab es damals auch schon das Internet - siehe Business Channel. 
  5. Die Erosion der Auflagen kann man natürlich nicht allein den Redaktionen anlasten. Lange verkaufte der Stern im Wettbewerb mit dem Spiegel mehr als eine Million Exemplare. Heute sind es nur noch 756.000 - immer dünnere Hefte die unter Anzeigenschwund leiden. Dass der brillante Journalist Wichmann schon nach eineinhalb Jahren jetzt entlassen und durch den Chefredakteur von "Gala" ersetzt wird, zeigt wohin die Richtung gehen soll. 
  6. Die eigentliche Kompetenz des Stern war einmal, weltweit an den wichtigsten Ereignissen dran zu sein – mit großartigen Fotoreportagen, aufregenden investigativen Recherchen vor Ort und klarer politischer Autorität. Davon ist immer weniger im Stern zu finden. Keine der letzten zehn Titelgeschichten beschäftigte sich mit Auslandsthemen, sieht man mal von dem halbausländischen Titel "Kriegsministerin von der Leyen" ab.
  7. Stern, Brigitte und GEO waren immer die Flaggschiffe am Baumwall. Aus der Henri-Nannen-Schule gingen viele der besten Journalisten hervor. Hier wurde der „Qualitätsjournalismus“ immer besonders betont. Daraus hat sich aber auch eine gewisse „Hamburger Arroganz“ gegenüber dem Leser entwickelt, die interaktiven Austausch eher als lästig ansieht. Die Redakteure glauben teilweise, etwas Besseres zu sein. Henri Nannen, der legendäre frühere Stern-Herausgeber, wollte den Stern "auch für Lieschen Müller“ machen. 
  8. Die große Stärke von G+J war früher das Anzeigengeschäft, insbesondere Imageanzeigen, das mutiert heute zur größten Schwäche, denn gerade Imagekampagnen gehen immer stärker in die Welt digitaler Medien wie Facebook, Youtube etc. 
  9. Wenn man sich auf der G+J-Seite die zahlreichen Titel ansieht, kann man dem Unternehmen nicht vorwerfen, einfallslos vor sich hinzuwirtschaften. Aber die "Landlust" mit einer Million Auflage wurde nicht am Baumwall, sondern in einem Agrarverlag des Münsterlandes gegründet. Und die Anzahl der Titel, teilweise entstanden durch extensive Spin-Off-Politik, ist eindeutig zu groß: Muss ja alles bezahlt werden: Redaktionen, Kiosk-Präsenz, Druckkosten und nicht zu letzt die Overhead-Kosten des Verlagshauses.
  10. G+J hat zu lange gezögert, Maßnahmen zur generellen Verbesserung von Kostenstrukturen einzuleiten. Der jetzt verkündete Abbau von 400 Stellen – laut Pressemitteilung angeblich erst vor einem Jahr analysiert - war schon 2012 im Gespräch (Handelsblatt vom 6.9.2012)  und wird jetzt erst verkündet. Zwei Jahre verloren. Aber die Vorstandsvorsitzende Julia Jäkel packt das jetzt beherzt an, ihr Job ist es die Effizienz des Unternehmens zu verbessern.
  11. Ich habe 2012 vorausgesagt, dass Bertelsmann G+J vielleicht schon 2014 verkaufen wird - ganz oder in Teilen. Das dementiert Bertelsmann bis heute. Ich habe mich also geirrt. Trotzdem glaube ich, dass zumindest Teile von G+J in den nächsten Jahren zum Verkauf stehen könnte, es sei denn, Julia Jäkel nutzt die Chance, den Laden ganz neu aufzustellen und aus sich selbst heraus zukunftsfähig zu machen. Dafür braucht auch sie Geld für Investitionen. Sparen allein hilft sicher nicht.