Donnerstag, 30. Januar 2014

Journalisten sind wieder gefragt

Die Meldungen der letzten Wochen aus dem Medienbereich zeigen einen interessanten Trend: Weg vom Content-Denken - hin zu einem neuen Verständnis des Journalismus. Es ist doch erstaunlich, dass es Medien wie die "Zeit" gibt, die es schaffen, sich in einem schrumpfenden Markt zu behaupten, ja sogar zu wachsen. Oder ganz neue Zeitschriften, die wie "Landlust" heute noch eine Millionenauflage schaffen. Gemeinsam ist diesen Medien ganz offensichtlich, dass sie ihre Zielgruppen zufrieden stellen statt allen möglichen angeblichen Trends hinterherzulaufen.
Endlich bekommt das viel strapazierte Wort vom "Qualitätsjournalismus" wieder einen Sinn:
Auch Wirtschaftsmedien wie das "Handelsblatt" machen wieder eine gute Figur. Herausgeber Gabor Steingart hat jetzt seinen umtriebigen und vielfach preisgekrönten Investigativ-Chef Iwersen zum Chefredakteur des mobilen Angebots "Handelsblatt Live" ernannt. Enthüllungen werden jetzt zeitnah serviert, mal sehen, ob das klappt. Jeden Tag zu enthüllen, ist sicher nicht ganz einfach. Chefredakteur Jakobs hat sich gut eingearbeitet, man sieht dem Blatt seine Handschrift an. Externe Kolumnisten wie Stefan Baron, früher Chefredakteur der Wirtschaftswoche und Ackermanns Kommunikationschef, Bernd Ziesemer als früherer Handelsblatt-Chef, um nur zwei zu nennen, das sind journalistische Bereicherungen, auch wenn das den Druck auf die Redaktions verstärkt, sich mit guten Geschichten ins Blatt zu hieven. Aber die Strategie von Steingart stimmt: Handelsblatt auf allen Kanälen in gleicher Qualität beziehen zu können. Auch die Börsenberichte auf Handelsblatt Video werden inzwischen gern als Werbeplattform genutzt. Wobei die Werbefilme dort spannender sind als die doch an die neunziger Jahre erinnernden Börsenkommentare. Da sollte sich das Handelsblatt mal mit dem Schwung von RTL befassen.
Matthias Döpfner, der die digitale Revolution ausgerufen und sich an die Spitze der Bewegung gesetzt hat, sieht jetzt die Zeit gekommen, endlich auch im Markt der Wirtschaftspresse eine Rolle zu spielen. Sein Schweizer Magazin "Bilanz" soll jetzt in Deutschland von zwei ehemaligen Manager-Magazin-Redakteuren geführt werden: Klaus Boldt als Chefredakteur und Arno Balzer als Herausgeber. Boldt ist für mich eine der besten Federn im deutschen Wirtschaftsjournalismus. Einer der wenigen, die den trockensten Stoff mit Ironie und Sprache lesbar machen. Arno Balzer kann das notwendige Netzwerk mitbringen, er kennt ja die gesamte Spitze der Industrie.
Wenig Besserung sehe ich allerdings beim "Spiegel". Dort hat der neue Chefredakteur Büchner zwar den Aufstand seiner Redaktion beruhigen und erste Personalien durchsetzen können. Allerdings ist das noch kein Rezept gegen den dramatischen Auflagenschwund des Magazins, die inhaltliche Gründe haben. Ich finde die Geschichten kaum noch spannend. Die Titelthemen überraschen kaum noch. Sie folgen eher dem Zeitgeist als eigene Akzente zu setzen. Man merkt der Redaktion die hoffentlich vorübergehende Führungsschwäche an. Mir persönlich geht es so, dass ich die Langeweile schon in der digitalen Ausgabe am Sonntag entdecke und nach der Lektüre von ein bis zwei Geschichten mich kaum noch auf den Print-Spiegel am Montag morgen freue.
Die FAZ kommt mit ihrem Online-Angebot weiter. Es hat zwar lange gedauert, aber inzwischen erreicht das Nachrichtenportal fast 30 Millionen Visits im Monat. Ein Problem für die Print-FAZ ist allerdings, dass ihr ständig die Leute weggekauft werden. Allein die Wirtschaftsredaktion soll in den letzten fünf Jahren 25 hoch qualifizierte Redakteurinnen und Redakteure (meist) an diverse Pressestellen verloren haben - zuletzt Stefan Ruhkamp, der am 1. Januar zur Pressestelle der EZB gewechselt ist. Das war früher undenkbar (ebenso wie die um sich greifenden Erziehungsurlaube männlicher Kollegen). Einmal FAZ - immer FAZ, hieß es früher. Der Verlag sollte gerade in seiner Wirtschaftsredaktion attraktivere Bedingungen und personelle Kapazitäten schaffen statt sich permanent gerade frisch ausgebildete junge Redakteure abwerben zu lassen.
Von den entlassenen FTD Redakteuren haben mehr als drei Viertel wieder gute Jobs gefunden. Mit Steffen Klusmann und Sven Clausen hat sich das Manager Magazin zwei Spitzenleute an Land gezogen, die zum perfekt zum investigativen Anspruch des Blattes passen.
Am Schluss ist freilich wieder eines entscheidend: Ist das Projekt profitabel. Dass Journalisten jetzt stärker die Medien anführen spricht für den notwendigen längeren Atem, den Verlage heute brauchen. Die permanente Kostenschraube muss jetzt aber auch mal wieder gelockert werden.
Im Umgang mit den digitalen Medien wird immer mehr Erfahrung gesammelt, besonders bei der Vermarktung von Werbung, das sollte Entlastung schaffen.
2014 könnte das Jahr des Journalismus werden, auch wenn die Verlage weiter kämpfen müssen.


Montag, 20. Januar 2014

Der Supergau des ADAC

Es herrscht Fassungslosigkeit - bei Journalisten wie bei der Autoindustrie. Wieder einmal kommt Hochmut vor dem Fall. Welche Hybris, zu glauben, dass die Manipulation der Leserwahl für das beliebteste Auto nicht heraus kommt.  Und wie peinlich das entschiedene Dementi nach der Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung!
Dass so etwas möglich ist, kann nicht allein an einem Kommunikationschef liegen, der auch noch Chefredakteur des ADAC-Magazins war. Die gesamte Spitze des ADAC muss in Frage gestellt werden. Denn der ADAC gilt als die wichtigste und auch am meisten gefürchtete Verbraucherlobby in der Politik.
In der FAZ lese ich heute, dass vor Jahren schon einmal ein ganzer Autotest (Dacia) übel manipuliert worden ist. Ich habe das Gefühl, hier ist erst die Spitze des Eisbergs sichtbar geworden. Schon berichtet BILD, dass auch frühere Leserwahlen manipuliert waren. Es reicht nicht, wenn der Kommunikationschef zurücktritt und eine "interne Untersuchung" stattfindet. Der ADAC muss externe Prüfer beauftragen, die nicht nur die Wahl zum beliebtesten Auto, sondern auch andere veröffentlichte Tests unter die Lupe nehmen, beispielsweise die Pannenstatistik.
Monopolisten neigen zur Intransparenz. Das Monopol des ADAC wurde in vielen Titelgeschichten kritisiert, doch Kritik prallte immer am ADAC ab. Die jetzige Affäre wird den ganzen Laden in Frage stellen. Es werden Dinge herauskommen, die das bisherige in den Schatten stellen. Alle Medien sind jetzt unterwegs, und sie werden von vielen munitioniert. Nicht zuletzt von der Autoindustrie. Man darf gespannt sein.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Solardach, das jeden Hagel aushält!!

Lobby unter der Lupe

Heute stieß ich auf die Website "Lobbypedia", das sich als "unabhängiges lobbykritisches Online-Lexikon versteht und auf der Software "Mediawiki" basiert. HIER der Link. Witzigerweise stieß ich darauf, als ich einen Kollegen suchte, der bei einer anderen Agentur arbeitet. Da unter dem Segel "Public Affairs" viele Agenturen im Lobbybereich unterwegs sind, vermerkt Lobbypedia offensichtlich solche Aktionen und deckt sie auf. Ein Schelm, der böses dabei denkt...

Montag, 13. Januar 2014

Stiftung Warentest verliert gegen Kreuz-Ritter

Man muss den Mut bewundern, den der Familienunternehmer Alfred T. Ritter aufbrachte, sich gegen die Stiftung Warentest zur Wehr zu setzen. Ein echter Kreuz-Ritter. Ein Unternehmer, der mit 1000 Mitarbeitern eine wunderbare Marke geschaffen hat und sich in seiner Existenz bedroht sieht.
Ein Landgericht hat jetzt sinngemäß der Stiftung die Behauptung untersagt, die Aromen der Schokolade seien entgegen den Werbeaussagen nicht "natürlich".
Das haben bisher nur wenige Unternehmen geschafft, deren Produkte getestet wurden. Die Tester werden wohl in eine weitere Instanz gehen, doch die Glaubwürdigkeit steht nun auf dem Spiel.
Die Idee war immer richtig, eine neutrale Instanz zu schaffen, die der Industrie auf die Finger schaut. Die Fakten kann man HIER nachlesen.
Interessant ist, dass die Stiftung Warentest inzwischen von Journalisten dominiert wird. Vorstandsvorsitzender ist Hubertus Primus, der frühere Chefredakteur von Test. Anita Stocker, früher auch mal bei Focus Online, ist seine Chefredakteurin von Test. Josef Tenhagen ist Chefredakteur von Finanztest und vielgefragter Verbraucher-Experte. Im sechsköpfigen Verwaltungsrat, der den Vorstand überwacht, sitzen unter anderem der frühere Chefredakteur der Wirtschaftswoche Volker Wolff (heute Publizistik-Professor in Mainz) und der Leiter des ZDF-Umweltressorts Volker Angres. Hier die Kontrolleure:
Prof. Dr. Andreas Oehler (Vorsitzender)
Universität Bamberg, Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Finanzierung
Volker Angres
Leiter der Redaktion Umwelt beim ZDF, Mainz
Prof. Dr. Manfred Hennecke
Präsident der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, Berlin
Prof. Dr. Lucia Reisch
Copenhagen Business School, Department of Intercultural Communication and Management
Isabel Rothe
Präsidentin der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Prof. Volker Wolff
Universität Mainz, Journalistisches Seminar
Der Verbraucherschutz hat viel Positives bewirkt, das Test-Logo, für das die Unternehmen eine Menge Geld zahlen müssen, ist bei manchen Produkten Hauptunterstützung für den Vertrieb. Viele Kunden kaufen insbesondere bei Haushaltswaren nur getestete Geräte. Umgekehrt ist ein schlechtes Ergebnis für jedes betroffene Unternehmen ein Albtraum.
Doch die Objektivität, die ein wissenschaftlich beaufsichtigter Gerätetest ausstrahlt, gilt nicht für die Zweitmarke, Finanztest. Dieses Medium lebt von der Mutter, obwohl die Testmethoden mit objektiver Präzision nichts zu tun haben. Es ist zwar gut, dass sich dieses einmal von Werner W. Klingberg zunächst zusammengeschusterte und später weiter entwickelte Magazin unabhängig arbeitet. Und viele Ratschläge - etwa in der aktuellen Ausgabe über schimmelnde Wände in Mietwohnungen - sind nützlich. Aber immer wenn es ans Vergleichen geht, wird es fragwürdig. Das gilt für die obskuren Tests zur Bankberatung ebenso wie für alle Versicherungsvergleiche, wo eine Debeka immer ganz oben steht, obwohl wir inzwischen wissen, dass diese Versicherung bei der Akqusition allzu eng mit der Beamtenschaft verwoben ist, wie das Handelsblatt kürzlich enthüllte.
Bei den Vergleichen kommt eben das raus, was man eingibt. Eine Lebensversicherung, die hohe Auszahlungen verspricht, kann doch erst dann wirklich beurteilt werden, wenn die Auszahlung erfolgt. Wir alle wissen, wie diese Auszahlungen in den letzten Jahren abgestürzt sind. Es würde sich lohnen, in den Archiven nachzulesen, wie solche Versicherungen vor 12 Jahren von Finanztest bewertet wurden? Und wer sind die "Experten", die Banken besuchen, um die Beratungsqualität zu testen? Die soll natürlich keiner kennen. Finanztest wurde mit Subventionen aufgebaut und konkurriert mit Magazinen der Privatwirtschaft, denen das Wasser abgegraben wurde. Und macht es wirklich Sinn, dass die Stiftung Warentest (Umsatz 2012 rund 45 Millionen Euro) inzwischen vollkommen kommerzialisiert ist ? (und trotzdem 2012 noch einen Verlust machte). Für 4,90 € kann man sich herunterladen, wo Festgeld und Tagesgeld am meisten Zinsen bringen. Wow, ganz schöner Preis. Finde ich auch leicht im Internet. Soviel zahlt man sonst für ein ganzes Magazin. Dabei ändert sich das fast täglich.
Ich schätze den Kollegen Joseph Tenhagen sehr, aber es nervt mich, dass er zum Dauergast im Frühstücksfernsehen geworden ist und scheinbar für jedes Finanzproblem eine Lösung hat. Er ist im Finanzbereich zur Speerspitze des Verbraucherdenkens geworden, und ihm verdanken wir letztlich die vollkommene Überregulierung der Banken, die nicht Anleger schützt, sondern die Banken vor der Haftung. Hier wird immer vor allem gewarnt, vor allem vor Aktien. Hier wird der Verbraucher letztlich entmündigt.













Samstag, 11. Januar 2014

Florian Homm: Hoch gestiegen, tief gefallen

Er war der Neffe von Josef Neckermann. Er hat in Harvard seinen MBA erfolgreich abgeschlossen. Er arbeitete bei Fidelity, dem Bankhaus Julius Bär, machte sich 1993 selbstständig und gründete dann einen Hedgefonds. Er rettete Borussia Dortmund mit 20 Millionen. 2007 kam sein Fonds unter Druck, er tauchte unter. Die Aktien seines Fonds ACM verloren 93 Prozent. Am 8.März 2013 verhaftete ihn die italienische Polizei. Jetzt droht ihm die Auslieferung in die USA. Und bekannt ist, dass Florian Homm schwer krank ist.
Mich machen solche Geschichten betroffen. Weil ihn die Medien lange gefeiert haben und ihn schließlich ohne eine Spur von Mitleid in den Abgrund stießen. Ja, sicher, Hochmut kommt vor dem Fall. Und viele Anleger haben ihr Geld verloren.
Ich denke  an die Risiken des Unternehmertums, an die Glückspilze und an die Pechvögel. Was manche reicht macht, macht andere arm.
Ein intelligenter, mutiger Unternehmer, der scheitert, ist nicht gleich ein Betrüger. Es ist leicht, im Nachhinein den Daumen zu senken, besonders, wenn man einen risikolosen Job hat. Erfolg und Misserfolg gehören zusammen. Wer absichtlich betrügt, gehört ins Gefängnis. Aber oft ist es eine Verkettung von Umständen, die am Ende zum Scheitern führt. Wir sollten die menschliche Seite nicht vergessen, auch für solche Leute wie Florian Homm.

Donnerstag, 9. Januar 2014

Ein brillanter Vortrag der NZZ-Mediengruppe zur Zukunft des Journalismus

Die allgemeine Ratlosig- und zugleich ziellose Emsigkeit, mit der die Verlage die Zukunft ihrer Medien diskutieren, kann heute einmal mit einem kompetenten Beitrag bedient werden, den man gelesen haben muss. Der zum Dreikönigstag gehaltene Vortrag des Vorstandsvorsitzenden der Mediengruppe Neue Zürcher Zeitung (NZZ), Veit Dengler, zum Journalismus im digitalen Zeitalter ist ein echtes Highlight:
"Twitter, Facebook und Co.: Ende der journalistischen Qualität oder Beginn einer pluralistischen Medienwelt?"
Ich teile uneingeschränkt das Lob des früheren Chefredakteurs des Handelsblatts, Bernd Ziesemer, der diesen Text heute per Facebook und Twitter als "das beste, was ich zu diesem Thema gelesen habe" gefeiert hat.

Dienstag, 7. Januar 2014

Wikifolio: Umgang mit Aktien real lernen

Wieder einmal haben die Deutschen eine Aktienhausse voll verschlafen. Die Superjahre 2012 und 2013 sind an ihnen komplett vorbeigezogen.
Deshalb muss ich heute einmal Werbung für eine wirkliche Innovation machen: Seit einigen Monaten bin ich gefesselt von der Plattform Wikifolio, an der u.a. die Handelsblattgruppe beteiligt ist.
Hier kann man wirklich lernen, wie die Börse funktioniert: Und zwar als echter Anleger, aber auch als Trader und Vermögensverwalter.
Bei Wikifolio kann man sämtliche Käufe und Verkäufe von Mitglieds-Tradern in real time verfolgen: Wer verkauft was, wer kauft was, und wie entwickelt sich sein Depot? Es herrscht totale Transparenz.
In die "investierbaren Depots" kann jeder Geld anlegen: Investierbare Depots werden vom renommierten Börsenmakler Lang & Schwarz in Zertifikate mit echter Wertpapierkennnummer umgewandelt. Jeder kann sie über die eigene Bank kaufen. Man kauft also Zertifikate, nicht das Depot selbst. Derzeit gibt es bei Wikifolio etwa 780 investierbare Depots, für die insgesamt 40.000 Werte zur Auswahl stehen.
Zwei davon habe ich aufgelegt:
Internet spekulativ
und
Bruno spekulativ
In beide Zertifikate haben bereits einige Geldanleger investiert - auch ich selbst.
Bevor ein Depot investierbar ist, muss es zwei Phasen durchlaufen:
1.) Testphase - das Depot wird nicht öffentlich angezeigt
2.) Publizierung - das Depot ist öffentlich, aber noch nicht investierbar. Das ist erst dann der Fall, wenn sich mindestens zehn Trader das Depot unverbindlich für eine Geldanlage vorgemerkt haben und mindestens 2.500 € an vorgemerktem Anlagekapital vorliegen.
Um ein eigenes Depot auflegen zu können, muss man die Strategie darlegen und den Umfang der eigenen Börsenerfahrung für jedermann nachlesbar erläutern.

Echte Geldanlage wird hier kombiniert mit Learning bei Doing und dem Spaß des Tradens. Ja, ich bekenne: Es ist Spekulation und es handelt sich nicht um eine Festgeldanlage! Aber Spekulieren - natürlich in begrenztem, verlustverkraftenden Rahmen - macht eben mehr Spaß als 28,50 Euro Zinsen zu kassieren. Tolle Sache. Insgesamt wurden übrigens schon über 103 Millionen echte Euros per Wikifolio-Zertifikat angelegt.
P.S. Uli Hoeneß, hier können Sie Ihre Lust am Traden endlich ausleben, wenn Sie versprechen, Ihre Gewinne künftig zu versteuern :-)

Montag, 6. Januar 2014

Banken im Beratungsdilemma. Wo braucht man noch Beratung?

Eine der meist verwendeten Überschriften in deutschen Wirtschaftsmagazinen lautet: "Beraten und verkauft". In der Regel sind damit die Banken gemeint. Es steht immer das gleiche drin: Die Berater informieren schlecht, den Kunden droht große Gefahr.
Geändert hat sich nichts, außer dass sich die Banken mit umfangreichen Blättern und kleingedruckten Risikohinweisen von jeglicher Haftung durch Unterschrift des Kunden freihalten. Die Verbraucherschützer haben ganze Arbeit geleistet. Um Anleger zu schützen, haben die Stiftung Warentest und die gleichgerichteten Verbraucherzentralen einen staatlichen Regulierungswust ausgelöst, der immer mehr Geldanleger auf Bankenberatung verzichten und ihr Geld für ein Prozent Zinsen auf dem Sparkonto von der Inflation auffressen lässt. War das so gemeint? Zum Schutze der Anleger ist diese Entwicklung sicher nicht. Die einen machen gar nichts mehr, die anderen suchen Geldanlage ohne Banken. Und so haben die meisten Deutschen den Aktienaufschwung des vergangenen Jahres komplett verpasst.
Aktien waren für Verbraucherschützer von jeher Teufelszeug. Und deswegen werden die Deutschen in dieser Hinsicht dumm gehalten. Angesichts der lang anhaltenden Niedrigzinsphase sehen jetzt sogar Sparkassen und Volksbanken ihr Geschäftsmodell dahinschmelzen - siehe Handelsblatt: Die Regionalbanken steuern auf eine "dicke Krise" zu, so das HB. Bislang lebten die volksnahen Institute davon, dass sie für traditionelle Spareinlagen wenig Zinsen zahlen mussten, und beim Ausleihen eine fette Spanne einstreichen konnten. Doch mit den niedrigen Zinsen wurde der Wettbewerb härter und die Spanne immer kleiner. Galten Sparkassen und Volksbanken nach der Lehmann-Pleite noch als Zufluchtsort für sichere Geldanlage, hat sich das Bild dramatisch geändert. Sparbuch-Sparer verlieren jetzt mit der Inflation echtes Geld.
Georg Meck ist stellvertretender Leiter des Wirtschaftsressorts der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Ein Mann, der jede Woche über Banken schreibt. Offenherzig beschreibt er in seinem Blatt, wie er sich um seinen 20.000-Euro-Anteil an einem Immobilienfonds in bester Lage am Brandenburger Tor sorgt - siehe HIER: "Meine Volksbank hat mir ein Haus verkauft, und nun ist es nur noch die Hälfte wert". Eine Volksbank kann eben auch nicht besser beraten als eine Deutsche Bank. Selbst wenn der Kunde ein Wirtschaftsfachmann ist. Aber wo wird denn Beratung überhaupt noch gebraucht?
Sicher nicht bei Sparbuch, Tages- und Festgeldanlagen. Das Schwätzchen, das Rentner immer noch gerne in ihrer Filiale aufwärmt, kann wohl auch nicht im Mittelpunkt des Beratungsangebots stehen.
Beratung wird gebraucht, wo das Internet keine klaren Antworten geben kann. Wo ganzheitliche, individuelle Lösungen im Vordergrund stehen, wie es etwa Family Offices ihren Mandanten anbieten.
Statt einzelne Produkte zu verkaufen, könnte die Volksbank von nebenan das "Family Office des kleinen Mannes" sein. So etwas wie ein "Ärztehaus", in dem verschiedenen Kompetenzen gemeinschaftlich agieren: Die Bank könnte mit Steuerberatern, Rechtsanwälten, Rentenberatern, Versicherungsexperten, Kredit- und Immobilienfachleuten sowie Anlagespezialisten ganzheitliche, (aber flexible) Vorsorgepakete schnüren, die den ratlosen Kunden von heute echte langfristige Orientierung bieten und der individuellen Risikoneigung Rechnung tragen. Von der Altersvorsorge mit Rentenberatung über die Steueroptimierung bis hin zur Patientenverfügung und zum Erbrecht. Weg also von Provisionen und hin zur Honorarberatung. Natürlich funktioniert dieses Modell nur, wenn es
a) bezahlbar bleibt und
b) skalierbar ist.
Die Analyse der individuellen Istsituation lässt sich mit klassischen Fragebogen erfassen und mit Software auswerten. Das kann nicht die Welt kosten. Die Software kann dann den jeweiligen Beratungsbedarf ermitteln und an die Kooperationspartner weiter geben, der seine Antworten in ein gemeinsames Netzwerk einspeist. Am Ende steht wie beim Arzt das Beratungsgespräch, in dem die Vorschläge besprochen werden. So wird aus einer Mischung von Standard-Modulen und individueller Beratung eine individuelle Vermögenssteuerung, die jährlich aktualisiert werden kann.
Auf diese Weise könnte sich das Modell durch die Menge der Beratungen rechnen. Das so geschaffene Kundenvertrauen sollte zugleich die klassischen Geschäfte fördern: Mehr Einlagen, mehr Ausleihungen (Das Honorar könnte übrigens auch mit Monatsraten abgezahlt werden).
Wenn diese Strategie erfolgreich sein soll, müssen die Banken aber auch ihr Internetverständnis völlig neu aufstellen. Onlinebanking allein reicht nicht. Es gilt, neue Communities aufzustellen, in der die Kunden sich austauschen können - untereinander wie auch mit den Experten der Bank, in der zahlreiche Funktionen rund um das Girokonto wie bei der Fidor Bank angeboten werden, die bei solchen Produkten den Gang zur Filiale überflüssig machen.
Das klassische Bankgeschäft - Geld einlegen und Geld ausleihen - erhält dann eine entscheidende Wettbewerbskomponente: Die individuelle Beratungskompetenz.