Freitag, 30. Mai 2014

Deutschland fehlt eine Opposition

Deutschland geht es gut. Mit 6,7 Prozent ist die Arbeitslosenquote so niedrig wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Die Wirtschaft wächst, die Steuereinnahmen sprudeln, die Kassen der Sozialversicherungen sind voll. Da könnten wir uns eigentlich bequem zurücklehnen und Angela Merkel zur Kanzlerin auf Lebenszeit ernennen.
Und dennoch beschleicht mich das Gefühl, dass einige Dinge in diesem Land gründlich falsch laufen. Deutschland ist nach der Wiedervereinigung zum wirtschaftlich und politisch mächtigsten Land in Europa aufgestiegen. Die eiskalte Berliner Republik, vor der Johannes Gross einst warnte, hat den liebenswerten, rheinisch-katholisch kungelnden, frankophilen Adenauerstaat vollständig abgelöst. Frankreich, einst Mitglied der "Vier Mächte", die Deutschlands Wiedervereinigung freigaben, ist auf eine abschüssige Bahn geraten und - lässt man die Atommacht beiseite - keine einflussreiche Macht mehr. Großbritannien gebärdet sich wie ein zeternder Außenseiter in Europa und hat dadurch immer mehr Einfluss preisgegeben. Ganz Südeuropa hat sich mit seinen Einkäufen in Deutschland massiv verschuldet und leidet jetzt unter harten Sparprogrammen und gigantischer Jugendarbeitslosigkeit. Die USA stehen mit dem Rückzug aus dem Irak und aus Afghanistan vor einem Scheiterhaufen ihrer Außenpolitik. Sie sind zwar nach wie vor die größte militärische Supermacht,  aber ihre Diplomatie hat es nicht geschafft, den Gedanken von Frieden,  Freiheit und Demokratie in Länder mit anderen Wertsystemen zu exportieren. Der geradezu pubertäre Auftritt Russlands in der Ukraine-Krise ist die Antwort auf das Auslaufmodell westliche Werte.
Es ist ein Fanal, dass die Bürger in Europa bei den Wahlen im Glauben gelassen wurden, den Präsidenten der EU-Kommission bestimmen zu können. Die Spitzenkandidaten erweisen sich jetzt als reine Eventualkandidaten, während am Ende wahrscheinlich die Regierungsschefs bestimmen, wer diesen Posten bekommen soll. Das ist schon ein Hammer. Europäische Demokratie stellt man sich anders vor. Und Deutschland spielt dabei die Schlüsselrolle,
Die Große Koalition wird als "Groko" verniedlicht. In Wirklichkeit ist sie ein politisches Kartell, das Deutschland in den Ruin führen kann, wohlgemerkt kann, nicht zwangsläufig in den Ruin führen muss. Das Durchpeitschen der abschlagsfreien Rente mit 63 mit Kosten von 160 Milliarden Euro gegen allen wirtschaftswissenschaftlichen Sachverstand hat die Macht dieses Kartells offengelegt. Es gibt in Deutschland keine echte und kompetente Opposition mehr, zumal der Bundesrat ebenfalls von dem CDU-SPD-Kartell dominiert wird. Von den Grünen ist nicht mehr viel zu lesen, außer dass ihr Vorstand "vergessen hat" Steuern für seine Zweitwohnung zu zahlen. Die Linke zieht mit Sarah Wagenknecht von einer Talkshow zur anderen und langweilt mit der immer gleichen Bankenkritik. Die FDP hat sich selbst schon aufgegeben. Die Piraten haben sich selbst geentert und sind nach kurzem Hoch in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Ja, und da ist dann noch die AfD als noch nicht klar erkennbares Sammelbecken von Unzufriedenen. Man muss abwarten, wie sich diese Partei auf politischem Parkett verhält.
Das politische Kartell der großen Koalition braucht diese Parteien genauso wenig zu fürchten wie die Medien. Unsere Medienlandschaft ist durch das Internet völlig fragmentiert worden. Weder BILD noch FAZ, Handelsblatt, Wirtschaftswoche oder Spiegel haben mit kritischen Berichten etwa zur Energiewende, zu Rettungsfonds der Finanzkrise oder zur Renten-"Reform" wirklich etwas bewirken können. Mit dem Halali zur Jagd auf Steuerhinterzieher haben sie vielmehr wesentlich dazu beigetragen, dass Finanzpolitiker in der Steuerpolitik  jegliches Maß verloren haben. Das war früher anders. Die Medien sind politisch machtlos geworden, und je mehr die Groko das bemerkt, desto mehr saugt sie den Bürger mit Nachahmern in Ländern und Gemeinden aus: Mit immer höheren Steuern und Sozialabgaben und Gebühren.
Die Mitte der Wähler sind Facharbeiter, Handwerker, Freiberufler und mittelständische Unternehmer. Diese bürgerliche Gruppe ist der wichtigste Garant für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unseres Landes, nicht allein die Konzerne. Konzerne sind wichtig als industrielle Basis für unser Land. Aber während Siemens und Telekom gerade wieder Tausende entlassen, schaffen vor allem Handwerker und Unternehmer neue Arbeits- und Ausbildungsplätze. So war es immer, und so sollte es auch bleiben. Wer diese Gruppe permanent aussaugt, untergräbt Deutschlands Zukunft. Bestes Beispiel ist die kalte Progression, mit der sich der Steuerstaat permanent bereichert. Überflüssige Behörden werden nicht abgeschafft. Ausgabenskandale wie der Berliner Flughafen, die Elbharmonie oder der Nürburgring bleiben konsequenzlos. Rechtsbrüche wie der Ankauf von Steuer CDs aus der Schweiz bleiben ohne Folgen. Das alles funktioniert nur, weil es keine vernehmbare Opposition mehr in Deutschland gibt.
Dieses politische Kartell von SPD und CDU hat nun auch freie Hand in Europa. Das kann unseren Nachbarn auf Dauer nicht gleichgültig sein. Schon hören wir dort zunehmend nationalistische Töne. Das sollte uns zu denken geben. Wir sind zwar noch weit weg davon "Schlafwandler" im Sinne von Christopher Clark zu sein. Aber wir müssen jetzt in Deutschland und in Europa mehr Demokratie wagen, wenn wir ein solides Fundament für die Zukunft der nächsten Generationen erhalten wollen.


Mittwoch, 21. Mai 2014

Europa: Wir wählen das Füllhorn für Politiker und Beamte.

Wenn wir am kommenden Sonntag das Europaparlament wählen, entscheiden wir, wer abkassieren darf und wer nicht. Früher hieß es: Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa. Seit sich herum gesprochen hat, dass man in Brüssel und Straßburg unglaublich viel Geld verdienen kann, und davon auch noch einen erheblichen Teil steuerfrei, sieht man kaum noch ältere Semester dort aufkreuzen. Es ist alles nicht ganz neu, aber zur Europawahl sollte man nochmal darauf hinweisen, wie unverschämt in Brüssel und Straßburg abkassiert wird.
Der Anti-Bürokratie-Papst Professor Hans Herbert von Arnim hat jetzt gegenüber Focus Online (Hier der Link) dankenswerterweise vorgerechnet, was Schulz schon jetzt verdient und was er bei einem Wahlsieg zusätzlich kassiert. Schon jetzt hat er danach zusätzlich zu seinem zu versteuernden Gehalt von 8252 Euro 4.299 Euro steuerfreie Kostenpauschale. Die kann er für für Büro und Auto einsetzen, muss es aber nicht. Er hat zwei Dienstwagen inklusive Fahrer. Weiterhin kassiert er pro Monat 9.120 Euro Sitzungsgeld, also 110.960 Euro pro Jahr. Hinzu bekommt er als Präsident des Parlaments eine Residenzzulage von 3663 Euro pro Monat und eine Repräsentationszulage von monatlich  1418 Euro. Mit insgesamt 322.544 Euro verdient er im Jahr mehr als die Bundeskanzlerin. 223.000 Euro davon sind steuerfrei. Wird er Präsident der EU-Kommission, kommen er auf Gesamtbezüge von 366.000 Euro.
Es gibt inzwischen etwa 45.000 EU-Beamte. (Hier gibts bei Focus noch mehr infos). Jeder Vierte verdient mehr als 10.000 Euro monatlich. Grundregel ist, dass man netto etwa das Doppelte von dem verdient, was man für die gleiche Tätigkeit in Deutschland erhalten würde. Das Grundgehalt wird um zahlreiche Zulagen ergänzt. Zum Beispiel um eine Auslandszulage von 16 Prozent. EU-Beamte reisen immer erster Klasse. Wenn sie ein Kind adoptieren, bekommen sie 20 Wochen dienstfrei. Müssen sie weiter als 5oo km fliegen, dürfen sie Business Class benutzen. Für dienstlich veranlasste Reisen über eine Entfernung von 251 bis 500 km gibt es 6 -  in Worten sechs - freie Tage als Ausgleich. Für jede geleistete Überstunde werden einhalb Stunden Freizeit gewährt. Für Familien gibt es eine Haushaltszulage. Für Kinder auf Privatschulen gibt es einen Zuschuss von 221,50€.
Tausende von Beamten der EU - es sind wohl weit über 5000 - verdienen laut FAZ mehr als Bundeskanzlerin Angela Merkel: Schon Beamte der mittleren Führungsebene (Besoldungsstufe AD 13) kassieren unter bestimmten Umständen netto mehr als die Bundeskanzlerin Merkel. Die FAZ: Merkel müsse  "bei einem Grundgehalt von 16.800 Euro im Monat rund 5600 Euro Steuern zahlen, erhält also 11.200 Euro im Monat. Hinzu kommt eine Aufwandsentschädigung von 1000 Euro. Ein Beamter der Gehaltsstufe AD 13 in Kommission, Rat oder Parlament erhält nach vier Dienstjahren 12.500 Euro netto - unter der Annahme, dass er zwei Kinder hat und nicht in seinem Heimatland arbeitet."
Ein alleinstehender Topverdiener unter den Brüsseler Beamten zahlt übrigens nur 25 Prozent Steuern. Und an Sozialabgaben werden auch nur 13 Prozent abgeführt. Die durchschnittliche Pension eines EU Beamten liegt bei 4.300 Euro, fast doppelt soviel wie bei deutschen Beamten. Wie gesagt, Durchschnitt. 
Ach ja, für ausscheidende EU-Kommissare gibt es in den ersten drei Jahren danach auch noch 180.000 Euro pro Jahr, damit sie den schwierigen Übergang meistern. 
Zum Wahlkampf: Das Füllhorn ist jetzt für alle da. EU-Parlamentarier zahlen nur 12 Prozent Einkommesteuer (siehe hier ).
Ein bulgarischer Abgeordneter verdiente vor dem EU Beitritt in seinem nationalen Parlament 990 Euro monatlich. Als EU-Parlamentarier kommt er jetzt auf 17.800 Euro monatlich. Da ja nun die deutsche 3-Prozent-Hürde vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde, können jetzt auch die radikalen Parteien und Europakritiker auf einen Schluck aus dem Füllhorn hoffen.

Donnerstag, 15. Mai 2014

Brunowsky´s Business Monitor: Was Top-Ökonomen zu Piketty in der FAZ sagen

Brunowsky´s Business Monitor: Was Top-Ökonomen zu Piketty in der FAZ sagen: Inzwischen äußern sich immer mehr Ökonomen. Die FAZ von heute bringt dazu kritische Meinungen der Zunft: So hält Prof. Stefan Homburg (Unive...

Was Top-Ökonomen zu Piketty in der FAZ sagen

Inzwischen äußern sich immer mehr Ökonomen. Die FAZ von heute bringt dazu kritische Meinungen der Zunft: So hält Prof. Stefan Homburg (Universität Hannover) Piketty eine Statistik entgegen, wonach in den letzten 200 Jahren Vermögen in den wichtigsten Industrieländern mit derselben Rate zugenommen haben wie das Einkommen der Bevölkerung. Außerdem funktioniere Pikettys Formel nur, wenn Vermögensbesitzer ihre Erträge vollständig reinvestieren und nichts ausgeben würden. Ifo-Präsident Prof. Hans-Werner Sinn wiederum findet, dass Piketty "den gleichen Fehler wie Karl Marx macht", dass sich nämlich Vermögens- und Einkommenswachstum nicht auseinander einander entwickeln. Auch der Wirtschaftsweise Prof. Peter Bofinger wirft Piketty falsche Statistiken vor: Er zitiert eine statistische Grafik aus Pikettys eigenem Buch, wonach dessen Formel zwar "vom Jahr Null bis 1913" gegolten habe, aber nicht von 1913 bis 2012. Prof. Lars Feld, ebenfalls Mitglied des Sachverständigenrats wiederum sagt: Der Anteil der Arbeitnehmerentgelte sei zwar nach der Wiedervereinigung von 72 auf 66 Prozent im Jahre 2013 zurückgegangen, die "schwierige Zuordnung verschiedener Einkommensarten, etwa bei den Selbständigen"werde dabei aber nicht berücksichtigt. Durch die Umverteilung des Staates sei die personelle Einkommensverteilung "nur moderat ungleicher geworden".
Etienne Wasmer, VWL-Professor in Paris bringt einen anderen, von ihm untersuchten Aspekt ein: Rechne man die Häuserpreise heraus, sei der Kapital-Einkommensquotient immer noch genau so hoch wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Pikettys These stütze sich zentral auf den Immobilienbesitz. Die Häuserpreise seien über viele Jahre schneller gestiegen als Mieten und Einkommen. Zwar müsse man durchaus den Immobilienbesitz einbeziehen, dürfe das aber nicht wie Piketty zu aktuellen Marktpreisen tun, weil letztlich Mieten und nicht schwankende Häuserpreise entscheidend seien: "Sollten wir denn einen Einbruch der Immobilienpreise in Spanien und Irland als gute Nachricht ansehen, weil dadurch die Vermögensungleichheit abnimmt?"
Philipp Bagus schließlich, VWL Professor in Madrid, gibt Piketty recht, wenn man die "Schere zwischen Superreichen und dem Rest"betrachte. Ansonsten sei die Formel r > g falsch, weil Zinseinkünfte konsumiert werden könnten. Bagus - gemeinsam mit Andreas Marquart Autor des Buches "Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden" - sieht nicht den Kapitalismus, sondern das staatliche Papiergeldsystem als Verursacher einer wachsenden Ungleichheit. Die praktisch kostenlose Geldschöpfung durch Banken führe zur Umverteilung zugunsten der Reichen.
Ehrlich gesagt, letzteres habe ich nicht verstanden. Da muss ich wohl noch ein Buch lesen.

Dienstag, 13. Mai 2014

Thomas Piketty: Alle schreiben, keiner liest ihn.

Ich habe mir soeben bei Amazon das Buch von Thomas Piketty bestellt. Das dicke Buch "Capital in the Twenty-First Century" - eine Übersetzung aus dem Französischen - ist nur in englischer Sprache erhältlich und bei Amazon erst ab 20.Mai lieferbar, aber offenbar hat es schon jeder Wirtschaftsjournalist gelesen außer mir. Und verstanden, außer mir.
Was ich bisher in Deutschland dazu gelesen habe, hat mir weder geholfen, das Werk zu verstehen noch die Aufregung rund um das Buch. Vielleicht hilft mir ein Gedankengang.
Ich kenne jetzt lediglich aus deutschen Zeitungen die Formel r > g. Soll heißen: Wenn in einem Land die durchschnittliche Rendite auf das Kapital - sprich das Vermögen - (r) größer als das volkswirtschaftliche Wachstum (g) ist, dann wird die Schere zwischen arm und reich immer größer. Denn Wachstum bedeutet Einkommen aus Beschäftigung, und Rendite bedeutet Einkommen aus der Geldanlage.
Ist eigentlich auch gar nicht so neu: Wir kennen diese ökonomische Formel auch als Volksweisheit: "Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen". Diese Erkenntnis belegt Piketty angeblich mit einer gigantischen Datensammlung. Die Frage ist: Wer ist der Teufel?
Mit der Formel wird eine Kausalität behauptet, die erst einmal zu beweisen wäre. (Darauf verweist Heiner Flassbeck in diesem Artikel). Wenn die Formel kausal richtig wäre, dann müsste entweder r gesenkt oder g gesteigert werden, um die angebliche Schere wieder zu schließen Also entweder Rendite runter oder Wachstum rauf, richtig?
In Deutschland liegt die durchschnittliche Rendite festverzinslicher Bundesanleihen derzeit bei 1,23 Prozent. Die Wirtschaftsweisen erwarten für Deutschland in diesem Jahr ein Wachstum von 1,9 Prozent. Also ist g > r in Deutschland. Wenn das Wachstum größer als die Rendite auf Vermögen ist, müsste sich jetzt hierzulande die Schere zwischen arm und reich wieder schließen. Eine gute Nachricht! Ach ja, und was ist mit der Geldanlage in Aktien? Ich würde sagen, das ist Eigenkapital, mit denen Unternehmen Investitionen finanzieren und damit Wachstum, richtig? Also die Rendite von Aktien dürfte eigentlich nicht mitgerechnet werden, ich weiß aber nicht, ob Piketty das tut.
Es scheint mir aber, dass auf der Renditeseite inzwischen alles in Butter ist.  Und weil die EZB immer weiter Geld schöpft, wird die Rendite auch niedrig bleiben. Vielleicht hat Draghi ja sein Geldschöpfungsprogramm aus Pikettys Gedankengut abgeleitet? Weiß man´s?
Mehr Wachstum wäre natürlich auch eine gute Idee. Laut denen, die Piketty gelesen haben, sieht er durch die demografische Entwicklung keine Chance für mehr Wachstum. Eine schrumpfende Bevölkerung ist nicht gut fürs Wachstum. Diese These hatte Kurt Biedenkopf schon mal vertreten, und vorher gab es ja das Buch "Grenzen des Wachstums". Hinterher stellte sich aber heraus, das dem Wachstum keineswegs Grenzen gesetzt sind. Nach der Wiedervereinigung gab es enorme Wachstumsraten in Deutschland. 2010 lag das Wachstum in Deutschland bei 3,6 Prozent.
Eine kräftige Steuersenkung könnte sicherlich helfen, das Wachstum zu beschleunigen. Entscheidend ist jedoch: Wenn ich als Reicher mehr Geld durch Geldanlage in unternehmerische Investitionen verdiene als durch den Kauf von Schuldscheinen und Anleihen, dann fördere ich lieber Investitionen als Staaten Geld zu leihen. Zumal auch die Anleihen durchaus nicht sicher sind, wie wir gelernt haben.
Die Frage ist, warum Linksliberale in den USA so begeistert Pikettys Buch aufgenommen haben, während sein Erfolg in Frankreich eher mäßig ist. Wahrscheinlich, weil sich viele als Konsequenz höchstmögliche Steuern für die Reichen wünschen. Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass Thomas Piketty laut Heiner Flassbeck (der wenigstens einen Aufsatz von ihm gelesen hat) ein lupenreiner Neoklassik-Ökonom ist und kein Keynesianer.
Ach ja, und dann finde ich vielleicht noch heraus, wer der Teufel ist...
So und jetzt warte ich auf die Amazon-Lieferung. Mal sehen, ob ich den dicken Schinken schaffe.
Bis dahin empfehle ich ein anderes Buch: "Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat"..

Donnerstag, 8. Mai 2014

Tichy verlässt Wirtschaftswoche

Führungswechsel bei der Wirtschaftswoche: Miriam Meckel , 46, löst Roland Tichy, 58, ab.
Miriam Meckel ist derzeit Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen. Tichy soll bei der Holtzbrinck Gruppe als Geschäftsführer der neugegründeten DvH Ventures die digitalen Geschäfte voranbringen. Verleger Dieter von Holtzbrinck:  "Roland Tichy hat sich in rund zwei Jahrzehnten in leitenden Funktionen innerhalb der Verlagsgruppe Handelsblatt große publizistische Verdienste erworben. Er hat seit 2007 die Marktführerschaft der 'WirtschaftsWoche' weiter ausgebaut. Mit seinen publizistischen Kommentaren zur Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik hat er Debatten angestoßen, welche die Bedeutung marktwirtschaftlichen Handelns immer wieder hervorgehoben haben. Ich danke Roland Tichy, dass er sich bereit erklärt hat, beim Ausbau unserer digitalen Aktivitäten eine führende unternehmerische Rolle zu übernehmen."

Das ist eine sehr interessante Personalie und ich bin gespannt, wie sich Miriam Meckel ab 1.Oktober journalistisch einbringt. Sie ist die erste weibliche Chefredakteurin bei der Wirtschaftswoche. Gabor Steingart erhofft sich von ihr "Kreativität und intellektuellen Tiefgang".
Tichys neuer, unternehmerischer Job ist strategisch wichtig. Denn Dieter von Holtzbrinck hat im digitalen Bereich seines Hauses noch wenig zu bieten, während sein Halbbruder Stefan von Holtzbrinck bereits viel investiert (und auch viel Geld verloren) hat.Man erinnert sich an den überteuerten Einkauf von Studi-VZ, dessen unaufhaltsamer Abstieg nicht nur dem Aufstieg von Facebook zu verdanken ist.
Die Wirtschaftspresse weiter im Umbruch...

Dienstag, 6. Mai 2014

Das neue Layout des Spiegel: Keine Verbesserung

Von einem Nachrichtenjournalisten wie Wolfgang Büchner kann man nicht erwarten, dass er ein Gefühl für erstklassiges Layout hat. Bei dpa, wo er zuvor als Chefredakteur arbeitete,  spielte das Layout keine Rolle. Im Ergebnis muss der Chefredakteur auf seinen Art Director vertrauen, in diesem Fall Uwe C. Beyer. Dass man nach über17 Jahren auch mal wieder ans Layout ran muss, erscheint vernünftig. Doch die Regel ist, dass viele Chefredakteure in einem Relaunch ihr Heil suchen, wenn ihnen sonst nichts einfällt. Das scheint mir auch hier der Fall zu sein. Büchners Berufung stieß in der Redaktion auf viel Widerstand, im Editorial beruft er sich dann auch intensiv auf die Zustimmung seiner engsten Vertrauten. Tatsächlich ist der Relaunch misslungen. Es wird nichts verbessert, nichts verschönert, nichts dramatischer.  Einfach bloß etwas anders. Das Inhaltsverzeichnis jetzt auf einer statt auf zwei Seiten? Naja. Kann man machen, wenn man mehr Platz aufgrund rückläufiger Anzeigen braucht. Kleinere Überschriften zeigen, worum es geht: Man will mehr Platz für eine Redaktion, die trotz massiver Anlagen- und Auflagenverluste nicht reduziert wird. Es gibt einfach weniger Platz zum Schreiben, und das muss irgendwie gelöst werden. Besonders, weil es jetzt zwei zusätzliche Kolumnenplätze gibt. Eine davon geht an Jakob Augstein. Jakob Augstein ist nach eigenem Bekenntnis der Sohn von Martin Walser, auch nicht eben eine unangenehme Herkunft. Er betreibt das erfolglose Blatt "Freitag" und lebt vom Namen seines grandiosen Nicht-Vaters. Seine Kolumnen sind links, aber das ist auch schon alles. Die Inhalte sind dumm und naiv. Augstein ist eben nicht gleich Augstein. Und der Spiegel ist eben nicht mehr der Spiegel Augsteins.

Montag, 5. Mai 2014

Was einem Facharbeiter nach Steuern und Sozialabgaben übrig bleibt. Der Wahnsinn hat Methode.

Vielen ist nicht klar, wie viel von einem Bruttogehalt übrig bleibt: Ein Facharbeiter verdient als Single 3000 Euro brutto. Er muss das Einkommen entsprechend Steuerklasse I versteuern. Die Lohnsteuer beträgt rund 457 Euro. Der Soli 25 Euro. Die Kirchensteuer rund 40 Euro. Verbleiben 2478 Euro. An Sozialversicherungsbeiträgen (Kranken-, Renten-, Pflege-, Arbeitslosenversicherung) werden ihm 613 Euro abgezogen. Den gleichen Betrag zahlt dann auch nochmal der Arbeitgeber. Der Arbeitgeber zahlt also statt 3000 etwa 3613 Euro. Beim Arbeitnehmer kommen nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben nur etwa 1860 Euro an, also ziemlich genau die Hälfte von dem, was der Arbeitgeber zahlt.
Nehmen wir an, der Facharbeiter zahlt 860 Euro Miete. Von den verbleibenden 1000 Euro gibt er 700 Euro für Konsum aus. Darin enthalten ist Mehrwertsteuer, Alkoholsteuer, Zigarettensteuer,  - schätzen wir mal das mal auf 150 Euro. 200 Euro legt er monatlich zur Seite, um zu sparen. Auf den spärlichen Zinsertrag zahlt er noch mal 25% Quellensteuer. Für seine Versicherungen zahlt er Versicherungssteuer, für sein Auto KFZ-Steuer.
Das ist doch Wahnsinn!
Die Sozialabgaben, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen zahlen, liegen jetzt bei 39,7 Prozent des Gehaltes eines kinderlosen Facharbeiters. Wie soll selbst ein gutverdienender Facharbeiter noch die Miete zahlen?

Wie Roland Tichy von der Wirtschaftswoche kürzlich bemerkte, sind die jährlichen (!) Steuereinnahmen des deutschen Staates seit 2005 von 450 auf 670 Milliarden gestiegen.
Das ist doch Wahnsinn. Sie steigen allein durch die kalte Progression von Jahr zu Jahr weiter. Irgendwann wird sich das rächen.



Freitag, 2. Mai 2014

Gelungener Start mit 3 mal B: Bilanz, Balzer, Boldt

Heute erschien erstmals "Bilanz Deutschland". Siehe hier: http://www.bilanz-magazin.de.
Es wird Springers "Welt" beigelegt und HIER kann man es als ePaper direkt bestellen und lesen.So kann sich jeder ein Urteil bilden.
Herausgeber ist Dr. Arno Balzer, der frühere Chefredakteur des Manager Magazins, Chefredakteur ist Klaus Boldt, es berät der legendäre Winfried Wilhelm,  auch er ein altgedientes mm-Gewächs.
Klaus Boldt ist für mich der beste Schreiber im Wirtschaftsjournalismus und einer der ganz wenigen, die mit eigenständiger Sprache echten Unterhaltungswert und Insiderwissen vermitteln.
Und das merkt man dem ganzen Heft an.
Der Kress Report hackt auf dem Layout herum, das zugegebenermaßen nicht so auffällig schön leuchtet wie Buttlars Capital: "Bilanz" ist da – und enttäuscht auf den ersten Blick. So trocken wie der Name des neuen Wirtschaftsmagazins von Axel Springer wirken leider auch Cover und Innenteil."  Und später, nach einigen Nettigkeiten zur Themenmischung: 
"Es ist am Ende das desolate optische Erscheinungsbild, das leider die Inhalte derart schlecht verpackt, dass jegliche Lust aufs Lesen vergeht." Man könnte sagen, hier kommen schöne Anzeigen erst richtig zur Geltung. Aber offen gesagt: Kress-Autor Jens Twiehaus, der diesen Verriss heute geschrieben hat, spinnt. Sehr oberflächlich, was er da schreibt.
Ich habe Bilanz Deutschland heute mit viel Genuss gelesen. Relevante Themen und spannende Themenmischung: Karstadt, Aldi, Lufthansa, BASF. Reitzle, Roland Berger. Die Erfolgsgeschichte  des 1.FC Köln als Management-Thema. Startups, News, kein Geldteil (!!). Eigenständige, unterhaltsame Sprache, kompetenter Journalismus. Übrigens ohne Autorenangaben.
Endlich mal ein neuer Ansatz in der deutschen Wirtschaftspresse. Als Beilage der "Welt" hat Bilanz auf Anhieb die größte Reichweite unter allen Wirtschaftsmagazinen und damit gute Chancen auf Wahrnehmung und - Anzeigen(!). Die Druckkosten, die Döpfner hier in Kauf nimmt, zeigen die Investitionsbereitschaft in ein Langzeit-Projekt. Verrechnet mit den Erlösen der eigenen Druckerei sind sie sicherlich tragbar.  Der Verkauf als ePaper (4,99€ je Ausgabe, Jahresabo 44,99€) wird Hinweise darauf geben, ob sich eines Tages auch der Gang an den Kiosk lohnt oder gar die Druckkosten ganz gespart werden können. Das Team steht für echte Wirtschaftskompetenz. Ein ernstzunehmender Gegner für das Manager Magazin.
Boldt zum Online-Medienmagazin "Meedia": "Die Wirtschaftspresse ist kein Teil des Hochschulwesens, sondern der Informations- und wahrscheinlich mehr noch der Unterhaltungsindustrie." 
Recht hat er. Layout ist für ihn wichtig, sagt er, aber nicht entscheidend. Auch das ist richtig.  Die Bedeutung des Layouts wird in der ganzen Branche generell überschätzt. Die mit Optik überfluteten Leser freuen sich, wenn der Inhalt wieder wichtiger wird. 
Ich bin gespannt auf die nächsten Ausgaben.