Freitag, 19. September 2014

Journalisten

Gestern Abend war ich Gast des "Deutschen Journalistenpreises".  Dort traf ich einige Kolleginnen und Kollegen und konnte mich über die "Lage" informieren. Einer der Juroren war Dr. Nikolaus Förster, Chefredakteur des Magazins IMPULSE. Während das Publikum allen Rednern für ihre Statements Beifall zollte, blieb es stumm, als Förster den m.E. wichtigsten Satz des Abends sagte: "Wir Journalisten müssen uns fragen, ob unsere Texte für die Leser interessant genug sind, um Geld dafür zu zahlen." Mit anderen Worten: Bislang wurden die Leistungen der Journalisten überwiegend mit Werbung bezahlt. Das galt ganz besonders in der Wirtschaftspresse. Doch die Anzeigen brechen seit Jahren weg. Während viele Zeitungen den Wegfall ihres Rubrikengeschäftes mit höheren Abopreisen einigermaßen kompensieren konnten, ist das den Medien der Wirtschaftspresse nicht gelungen, zu groß ist die Angst vor dem Verlust weiterer Leser. Förster denkt da anders. Er hat den Copypreis von Impulse um ein Drittel angehoben - und keinerlei Einbrüche bei den Verkaufszahlen festgestellt. Natürlich hätte Förster auch gerne mehr Anzeigen, um Gewinne zu erwirtschaften.
Aber die Botschaft ist klar: Leser sind Kunden, die man binden muss.
Wenn Journalisten auch in Zukunft gebraucht werden sollen, müssen sie Inhalte liefern, für die ihre Leser bezahlen. Wer Leser verliert, macht sich überflüssig. News, die in allen Medien stehen, will niemand mehr bezahlen. Kompetente Meinungen und journalistische Highlights schon eher. Keine Zeitung und kein Magazin muss nur aus Highlights bestehen. Es reichen wenige "Leuchtturmgeschichten", wie ich es früher genannt habe, um dem Leser das Gefühl zu geben, sein Geld nicht zu verschwenden.
Die Gewinner des Deutschen Journalistenpreises haben so gesehen auch einen äußerst wichtigen Beitrag zur Erhaltung ihrer Leserschaft geleistet: Gute Themenidee, gute Recherche, guter Text. Die Süddeutsche Zeitung hat mit ihrer Enthüllung der Manipulationen beim ADAC einen besonderen Scoop gelandet (Obermayer und Ritzer), aber auch der Beitrag eines Autorenteams in CAPITAL ("Träum weiter"), der sich mit Innovationen und Visionen in Deutschland befasste, verdiente diesen Preis ohne investigativ sein zu müssen. Die 400 Bewerbungstexte wurden übrigens von der Jury ausgewählt, ohne Autoren und Medien zu kennen. Also einfach eine gute Sache, zumal Gruner+Jahr aus unerfindlichen Gründen den Henry-Nannen-Preis ausgesetzt hat.

Montag, 8. September 2014

Investieren statt kaputtsparen: Die Verlage müssen in die Zukunft investieren

Meinen letzten Blog zu den Fehlern bei Gruner+Jahr haben viele gelesen und einige getwittert. Manche fragten, was ich denn nun konkret ändern würde und ob ich denn auch konstruktive Ideen hätte. Nun, bekanntlich muss der Theaterkritiker keine eigene Stücke schreiben.
Aber ich kann es ja mal mit vier Punkten versuchen.

  1. Den Verlagen fehlt Zukunftswissen: Außer Marktforschung gibt es in den Verlagen keine Forschung, die mit der Industrie vergleichbar wäre. Hätten sich die Verlage in eigenen Forschungsabteilungen mit Algorithmen und moderner Verhaltensforschung auseinander gesetzt, wären sie vielleicht auch auf die Idee gekommen, Google, Facebook oder Twitter zu entwickeln, statt heute Startups zu kaufen. Aber die Verlage haben keine eigenen Forschungsabteilungen, ihre Markt"forschung" beschränkt sich bis heute im wesentlichen darauf, neue Magazine zu testen, bevor sie auf den Markt kommen. Wie die Vergangenheit zeigt, hilft das aber nicht, Flops wie die "FTD" zu vermeiden. Weil sie keine eigenen Forschungsabteilungen unterhalten, fehlt den Verlagen Zukunftswissen und deshalb jammern sie mehr über Google als in einen Forschungswettbewerb einzutreten. "Ich kenne keine Branche, die so wenig forscht wie die Medienbranche" twitterte einer meiner Leser zu meiner Gruner-+Jahr-Analyse". Absolut richtiger Punkt! Ein Unternehmen wie Bertelsmann sollte vielleicht mal überlegen, ob die Bertelsmann Stiftung (Motto: "Menschen bewegen, Zukunft gestalten") ihre vielen Millionen nicht zielgerichteter für die Zukunft der Medien einsetzen könnte. Dabei gibt es in Deutschland viele Forschungseinrichtungen die man nutzen könnte, und damit meine ich nicht die "Kommunikationswissenschaften", die für mich kein forschender Wissenschaftszweig sind. (Mal ehrlich: Hier erarbeitet sich vor allem mancher Kommunikationsexperte auf möglichst einfache Weise einen schmucken Professorentitel). Die wirklich spannenden Zukunftsfragen spielen sich z.B. in den Fraunhofer-Instituten ab, die mit der Wirtschaft kooperieren müssen, da sie nur einen Teil des Geldes vom Staat erhalten. Gerade wenn es um Digitalisierung geht, also letztlich um den IT-Bereich im weitesten Sinne, sind diese Institute Weltspitze. Mir ist nicht bekannt, dass eines dieser Institute mit einem der Großverlage eng kooperiert. Erbitte Hinweise, wenn ich das falsch sehe! Kürzlich besuchte ich das Fraunhofer-Institut IESE in Kaiserslautern, das sich mit "experimentellem Software Engineering" befasst. Ein Wissenschaftler dort sagte mir: Hier reden alle nur über die IT von Google und Facebook. Dass Deutschland aber bei industrieller Software - beispielsweise in der Autobranche - den Amerikaner weit voraus sei, weiß hier keiner. So lässt Toyota beispielsweise in Kaiserslautern erforschen, wie man Rückrufe durch ferngesteuerte Resets der Software ersetzen kann. Unter dem Motto "Safety and Security" wird hier anwendungsnah Zukunftswissen erarbeitet: Um Autos, die keine Fahrer mehr brauchen und weniger Unfälle verursachen, kümmert sich also nicht nur Google, sondern auch die deutsche Autoindustrie.
  2. Statt die Redaktionen immer weiter einzudampfen und den verbleibenden Journalisten immer mehr Informations-Kanäle und Arbeit aufzuhalsen (ein Wirtschaftsjournalist arbeitet heute im Schnitt nur noch 9 Minuten ohne Unterbrechung), sollten die Verlage ihre besten Redaktionen massiv ausbauen: Print-Titel sollten stärker zu "Autoren-Medien" werden (siehe Erfolg der Zeit"), digitale Ausgaben wie Spiegel online, stern.de oder Focus online könnten zu eigenen Social-Media-Plattformen werden, statt ihre News über Facebook zu transportieren. Im Grunde ist die Huffington Post auf diesem Weg. Junge Leute informieren sich heute politisch über Sitcoms (ja!), Facebook und WhatsApp, was haben die Verlage dagegenzusetzen? Dass man einen Spiegel-Artikel kommentieren kann, kann reicht nicht. Man müsste ihn mit Fotos und Videos ergänzen können (Prinzip "Leserreporter bei BILD). Die journalistische Digitalisierung muss radikaler, schneller und intensiver erfolgen. Der CEO von Axel Springer Matthias Döpfner marschiert hier am mutigsten voran. Die Hälfte seines Umsatzes hat inzwischen digitale Quellen. Dabei geht es nicht um eine permanente Verbreiterung des Angebots, sondern um die Vertiefung des Angebotes durch digitale Optimierung aller Prozesse. 
  3. Die Verlage waren schon immer Händler von Informationen. Der Schritt zu einem "richtigen" Händler ist nicht weit. Die Digitalisierung macht es nicht nur möglich, Bilder, Videos, Filme zu handeln. "Essen und Trinken" könnte problemlos mit Delikatessen handeln,  "Landlust" mit Gartenmöbeln, "Schöner Wohnen" mit Designer-Möbeln und "Beef" mit echten Steaks. Hört sich komisch an, und Journalisten könnte davor grauen. Aber die Kombination aus Inhalten und Produkten könnte funktionieren. Warum sollte "Chefkoch.de" nicht zum großen Delikatessenhaus mutieren - vielleicht in Kooperation mit bestehenden Unternehmen oder vielleicht sogar mit Karstadt? Denkverbote sollte es hier nicht geben.
  4. Der Vertrieb und alle damit verbundenen Prozesse müssen in Frage gestellt werden. Das Kartell des Presse-Großhandels hat zwar Vorteile, beispielsweise, dass jedes neue Magazin ein paar Versuche hat, am Kiosk präsent zu sein. Aber wenn man allein an die riesigen Mengen von Remissionen denkt, dann ist das totale Verschwendung. Und der Ehrgeiz jedes Chefredakteurs, am Kiosk seinen Titel zu sehen, ist verständlich, aber viel zu teuer. Remissionen über 60-70% sind die Regel. Man druckt viel zu viel, transportiert viel zu viel und man zahlt viel zu viel. Ein Magazin, das am Kiosk bundesweit weniger als 10.000 Exemplare verkauft, sollte entweder voll auf Abonnement umstellen oder nur noch digital erscheinen. Was man hier sparen könnte, könnte den Redaktionen zugute kommen. Nur muss damit auch eine digitale Werbestrategie verbunden sein, die Kunden bindet und das Werbegeschäft forciert. Abos müssen dann viel leichter und schneller und ohne lange Bindung abgeschlossen werden können, ebenso jede Art von Werbung. Man muss die alten ausgetretenen Pfade verlassen, um neue Wege zu entdecken.






Freitag, 5. September 2014

Feindbild Draghi: "Entpört euch"!

Der Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi hält die Geldschleusen offen und wird dafür von deutschen Wirtschaftsmedien, Wirtschaftswissenschaftlern, Banken und Versicherungen heftig gescholten. Angeblich droht durch seine Geldpolitik die nächste Finanzkrise. Mit Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart (Sein Titel zur Behandlung der Ukraine-Krise) möchte ich ausrufen: Entpört euch!
Wenn ein Mann wie Draghi die Politik der EZB in dieser Weise bestimmt, dann muss man sich seinen Werdegang ansehen, siehe HIER in Wikipedia.
Dumm kann der Mann schon mal nicht sein: Schüler auf einer Jesuitenschule, Studium in Rom und am MIT, zehn Jahre Professor in Florenz, Arbeiten für die Weltbank und Harvard, zwei Jahre Vizepräsident bei Goldman Sachs (2004-2005). Und dann von 2006 bis 2011 italienischer Notenbank-Präsident. Bei Goldman Sachs hat er die griechische Regierung beraten, In seiner-Film-Dokumentation "Der große Euro-Schwindel" wirft Autor Michael Wechs Goldman Sachs vor, beim Frisieren des griechischen Haushalts behilflich gewesen, ja sogar dafür verantwortlich gewesen zu sein. Italiener und Griechen haben sich nie durch disziplinierte Haushalts- und Geldpolitik hervorgetan, um es mal milde auszudrücken. Und klar: Das Herz eines Italieners wird immer für Italien schlagen, und so muss es auch bei Draghi sein. Soweit erst einmal alle Vorurteile auf einen kurzen Nenner gebracht.
Wenn der Mann nun nicht dumm ist, und was, wenn er mehr im Kopf hat als Griechenland und Italien zu retten: Warum senkt er dann die Zinsen bis zur Null-Linie, kauft den Banken faule Kredite ab (z.B. Asset backed Securities - durch Forderungen an Unternehmen gesicherte Kredite) und wertet den Euro ab?
Draghi hat drei Ziele:
Er will zum einen verhindern, dass die europäischen Kellerkinder, zu denen sich inzwischen auch Frankreich gesellt, durch den Anstieg von Zinsen erneut in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

  1. Zum anderen will er die schwachen europäischen Banken bilanziell stärken, um neuen Bankenkrisen vorzubeugen. Damit übernimmt er allerdings auch die Haftung beim Ausfall solcher Kredite. 
  2. Zum Dritten will er den Export in Drittländer durch Abwertung des Euro ankurbeln.

Schließlich sollen die Banken durch die nochmalige Zinssenkung und weitere Maßnahmen angehalten werden, Unternehmen durch mehr Kredite zum Investieren zu bringen, um die sich abzeichnen Wirtschaftsschwäche in Europa aufzufangen. Ich bezweifle, dass die Senkung der Zinsen von gerade mal 0,15 auf 0,05 % die Kreditvergabe an Unternehmen ankurbelt, aber das ist meines Erachtens eher ein vorgeschobenes Argument.
Dass Banken und Versicherungen in Deutschland so massiv gegen Draghis Geldpolitik schießen, liegt vor allem daran, dass niedrige Zinsen auch niedrige Zinsmargen zur Folge haben, die Banken verdienen immer wieder an Krediten und die zu 70% auf Anleihen angewiesenen Versicherungen können den garantierten Zins für die Beitragseinnahmen nicht mehr darstellen. (Man sollten den Versicherungen deshalb erlauben, den Aktienanteil bei der Geldanlage zu erhöhen).
Dennoch: Alle warnenden Stimmen, dass die durch Draghis Geldpolitik aufgeblähte Geldmenge zu einer Inflation und einem neuen Crash führen werde, haben sich bislang als haltlos erwiesen.
Eigentlich wäre die Inflation der perfekte Weg für Staaten, sich zu entschulden. Denn Inflation entwertet auch die Schulden. Nun haben wir aber das Problem, dass die Inflation immer weiter sinkt und in eine Deflation umzuschlagen droht. Wie kann man dann die Euro-Krisenländer entschulden? Natürlich nur durch anhaltend niedrige Zinsen.Allerdings darf das auch nicht zu einer Deflation führen, die dann in eine langjährige Depression münden könnte. Das ist die Gratwanderung, auf der sich die EZB bewegt.
Eine höhere Geldmenge führt nicht automatisch zu Inflation, selbst wenn es sich um Hunderte von Milliarden handelt. Zumal die EZB auch die Möglichkeit hat, Geld wieder einzuziehen. Solange die Erhöhung der Geldmenge nicht in der Realwirtschaft durch Kosten- oder Nachfrageschübe ankommt, gibt es auch keine Inflation, wie wir jeden Monat sehen.
Dass die EZB durch den Ankauf von Anleihen und Krediten ins Haftungsrisiko geht, das am Ende den Steuerzahler erreichen könnte, wiegt schwerer. Aber was wäre die Alternative? Wenn weitere Banken und Länder in Europa pleite gingen, müsste der deutsche und europäische Steuerzahler am Ende auch einspringen.
Den Börsen soll die Niedrigzinspolitik recht sein. Die weltweiten Aktienkurse werden langfristig weiter kräftig steigen, eine Blase ist nicht wirklich in Sicht. Warten wir doch mal ab, ob sich die Konsolidierung der europäischen Haushalte und die Stärke gerade der deutschen Wirtschaft nicht am Ende doch als segensreich erweist. Ich wäre da nicht so pessimistisch.

Donnerstag, 4. September 2014

Gruner+Jahr in der TV Sendung "Zapp"

Es freut mich, dass meine G+J Analyse auf so große Resonanz stößt! Herzlichen Dank allen. Wen es interessiert: HIER der Link zur gestrigen NDR-Sendung "Zapp" zum gleichen Thema.


Mittwoch, 3. September 2014

Die Fehler der Vergangenheit holen Gruner+Jahr ein



Am 3.September ab 23.20h bin ich in der Mediensendung Zapp des NDR zu sehen. Es geht um die Zukunft von Gruner+Jahr, nachdem dort ein Abbau von 400 Stellen bekanntgegeben worden war. Nach der Entlassung von 300 Mitarbeitern der FTD-Redaktion ist dies der zweite große Einschnitt des Medienhauses. Da in der Sendung sicher nur einige Zitate gebracht werden, hier meine ausführlichere Analyse. Was steckt hinter dieser doch recht dramatischen Entwicklung?

  1. Bertelsmann hat zuviel Geld aus G+J herausgezogen, allein zwischen 2001 und 2011 mehr als zwei Milliarden Euro. Mindestens die Hälfte davon hätte G+J investieren müssen.
  2. Das Gruner+Jahr Management hat zu viele Fehlinvestitionen zu verantworten und die Digitalisierung vollkommen verschlafen: Ambitioniert gestartet (Fireball, Business Channel) und dann zu früh wieder ausgestiegen. Fireball hatte einst als beliebte Suchmaschine 22 Prozent Marktanteil in Deutschland. Was wäre das wohl heute wert? Der Business Channel wollte das sein, was heute der Marktführer bei Finanzportalen "Onvista" ist. 80 Leute waren schon eingestellt, die wieder alle entlassen wurden, weil das Portal nicht mehr an den Start gehen durfte. Die Neugründung TV Today war echter Vorreiter als gleichzeitig digitale Plattform. Heute gibt es digitale Angebote für alle (viel zu viele!) Print-Medien, aber man hinkt der Entwicklung insbesondere bei der Optimierung automatisierter Prozesse hinterher. Das sture Festhalten an rein journalistischen Portalen hat dazu geführt, dass die wichtigsten Rubriken-Portale (Stellenanzeigen, Autos, Immobilien und mehr) von Firmen wie der Telekom und nicht von G+J entwickelt wurden und damit auch das technologische Know How zurückfiel. Ursache für diese Entwicklung war vor allem der Rauswurf von Thomas Middelhoff bei Bertelsmann, der den Konzern damals frühzeitig digitalisieren wollte. Der Stop großer Digitalprojekte ging letztlich von Bertelsmann aus, dessen Eigentümer "back to the roots" wollten.
  3. Kleines Beispiel: Vorgestern habe ich mehr als eine halbe Stunde gebraucht, um den Stern als Epaper zu abonnieren. Wenn man das Epaper beim Stern bestellen will muss man ein altertümliches Adressenformular ausfüllen, obwohl das Epaper bekanntlich nicht auf dem Postweg versendet wird. Na schön, die Adressen sollen wohl verkauft werden. Wenn ich mit Paypal bezahlen will, muss ich mich verpflichten, künftig alle Bestellungen automatisch von meinem Paypal-Konto abbuchen zu lassen. Ich breche ab und will jetzt auf Rechnung bezahlen. Technischer Fehler! Und schon muss ich ganz von vorne anfangen. Und dann bekomme ich doch die Bestätigung, dass mein Abo bestellt wurde. Erfreut drucke ich die Rechnung aus. Und zu meinem Erstaunen muss ich auch noch etwa 7 Seiten kleingedrucktes mit ausdrucken. Fazit: G+J beherrscht die Prozessoptimierung nicht. Und weiß es anscheinend auch noch nicht.
  4. Die Reihe der Flops lässt sich fortsetzen: Geo gescheitert in den USA, fast schon vergessen: Die "Hitler-Tagebücher" des Stern, dann die gefloppte Neugründung von "Tango", die nach 37 Ausgaben eingestellt wurde. Der Verkauf großer US-Zeitschriften wie Parents, der Verkauf von GEO Russland. Die Leidensgeschichte hochauflagiger DDR-Zeitungen, die nach und nach eingestellt ("Wochenpost") oder verramscht wurden (Berliner Zeitung). Der  Start in Ungarn mit anschließendem Rückzug. Die missglückten TV.Versuche wie "Brigitte-TV" Fast Company und Inc völlig überteuert eingekauft - die Rede ist von 575 Millionen US Dollar, verkauft wurden die Blätter dann für 35 Millionen Dollar. Und nicht zuletzt die Zusammenlegung der Wirtschaftsmedien mit der FTD, die Vermischung der Marken und letztlich der Verkauf von Impulse und Börse Online und die Schließung der FTD. Das verbliebene Wirtschaftsmagazin "Capital" verkauft heute nur noch echte 45.000 Hefte (Abos plus Einzelverkauf), der Rest sind Sonderverkäufe, Bordexemplare, Lesezirkel. In meiner Zeit als Chefredakteur erreichte das Heft 2000 - getrieben vom Börsenhype - 330.000, davon 130.000 im Einzelverkauf. Übrigens gab es damals auch schon das Internet - siehe Business Channel. 
  5. Die Erosion der Auflagen kann man natürlich nicht allein den Redaktionen anlasten. Lange verkaufte der Stern im Wettbewerb mit dem Spiegel mehr als eine Million Exemplare. Heute sind es nur noch 756.000 - immer dünnere Hefte die unter Anzeigenschwund leiden. Dass der brillante Journalist Wichmann schon nach eineinhalb Jahren jetzt entlassen und durch den Chefredakteur von "Gala" ersetzt wird, zeigt wohin die Richtung gehen soll. 
  6. Die eigentliche Kompetenz des Stern war einmal, weltweit an den wichtigsten Ereignissen dran zu sein – mit großartigen Fotoreportagen, aufregenden investigativen Recherchen vor Ort und klarer politischer Autorität. Davon ist immer weniger im Stern zu finden. Keine der letzten zehn Titelgeschichten beschäftigte sich mit Auslandsthemen, sieht man mal von dem halbausländischen Titel "Kriegsministerin von der Leyen" ab.
  7. Stern, Brigitte und GEO waren immer die Flaggschiffe am Baumwall. Aus der Henri-Nannen-Schule gingen viele der besten Journalisten hervor. Hier wurde der „Qualitätsjournalismus“ immer besonders betont. Daraus hat sich aber auch eine gewisse „Hamburger Arroganz“ gegenüber dem Leser entwickelt, die interaktiven Austausch eher als lästig ansieht. Die Redakteure glauben teilweise, etwas Besseres zu sein. Henri Nannen, der legendäre frühere Stern-Herausgeber, wollte den Stern "auch für Lieschen Müller“ machen. 
  8. Die große Stärke von G+J war früher das Anzeigengeschäft, insbesondere Imageanzeigen, das mutiert heute zur größten Schwäche, denn gerade Imagekampagnen gehen immer stärker in die Welt digitaler Medien wie Facebook, Youtube etc. 
  9. Wenn man sich auf der G+J-Seite die zahlreichen Titel ansieht, kann man dem Unternehmen nicht vorwerfen, einfallslos vor sich hinzuwirtschaften. Aber die "Landlust" mit einer Million Auflage wurde nicht am Baumwall, sondern in einem Agrarverlag des Münsterlandes gegründet. Und die Anzahl der Titel, teilweise entstanden durch extensive Spin-Off-Politik, ist eindeutig zu groß: Muss ja alles bezahlt werden: Redaktionen, Kiosk-Präsenz, Druckkosten und nicht zu letzt die Overhead-Kosten des Verlagshauses.
  10. G+J hat zu lange gezögert, Maßnahmen zur generellen Verbesserung von Kostenstrukturen einzuleiten. Der jetzt verkündete Abbau von 400 Stellen – laut Pressemitteilung angeblich erst vor einem Jahr analysiert - war schon 2012 im Gespräch (Handelsblatt vom 6.9.2012)  und wird jetzt erst verkündet. Zwei Jahre verloren. Aber die Vorstandsvorsitzende Julia Jäkel packt das jetzt beherzt an, ihr Job ist es die Effizienz des Unternehmens zu verbessern.
  11. Ich habe 2012 vorausgesagt, dass Bertelsmann G+J vielleicht schon 2014 verkaufen wird - ganz oder in Teilen. Das dementiert Bertelsmann bis heute. Ich habe mich also geirrt. Trotzdem glaube ich, dass zumindest Teile von G+J in den nächsten Jahren zum Verkauf stehen könnte, es sei denn, Julia Jäkel nutzt die Chance, den Laden ganz neu aufzustellen und aus sich selbst heraus zukunftsfähig zu machen. Dafür braucht auch sie Geld für Investitionen. Sparen allein hilft sicher nicht.