Montag, 27. Oktober 2014

Readly kommt - was für eine Super-Idee!

Wieder einmal kommt aus dem Nichts eine sensationelle Internet-Idee: Readly. Nachzulesen hier in Handelsblatt Online: 
Während die deutschen Verlage ratlos durch die Gegend geistern und sich auf die Beschimpfung von Google konzentrieren, kommt mit dem 2012 gegründeten schwedischen Startup Readly eine geniale Antwort auf die Frage nach der Zukunft von journalistischen Inhalten: Mit einer Flatrate kann man hier für 9,99 Euro monatlich zahlreiche Magazine lesen. Das ist wirklich ausbaufähig. In Schweden, USA und Großbritannien kann man Readly schon abonnieren, in Deutschland werden mit dem heutigen Start 20 Prozent "der für uns geeigneten" (CEO Hellberg) Zeitschriften abgedeckt, der Bauer-Verlag und die Funke-Gruppe machen schon mal mit. Wahrscheinlich sind die Verlage nicht selbst darauf gekommen, weil sie sich scheuen, andere mit ins Boot zu nehmen, ich kann mir nicht vorstellen, dass Readly von ihnen noch nicht bemerkt wurde. Es wäre ja auch ein Geschäftsmodell für den Pressevertrieb.
So hat Apple ja auch mit Itunes die Erstarrung der Musikindustrie aufgelöst, wenn auch nicht als Flatrate, so doch als Grundidee. Ich wünsche Readly eine echte Erfolgsgeschichte.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Crash Propheten: Geld verdienen mit Weltuntergang

Den folgenden Kommentar habe ich heute in Wolfram Weimers "Wirtschaftskurier" veröffentlicht:

In den Bestsellerlisten für Wirtschaftsbücher stehen seit Jahren Bücher ganz oben, die einen Crash der Weltwirtschaft für unausweichlich halten. „Der Crash ist die Lösung“, „Der Crash kommt“ oder „Europa vor dem Crash“. Und so weiter. Jüngstes Beispiel ist das Buch des Journalisten Michael Maier „Die Plünderung der Welt“. Dunkle Verschwörungstheorien sollen laut Maier belegen, dass ein winziger Zirkel der Reichsten 80% die Welt beherrscht und sich immer weiter auf Kosten der Armen bereichert – bis zum großen Knall. Da werden sämtliche Skandale der Wirtschaft in einen großen Topf geschmissen, mehrmals umgerührt und dann gnadenlos komplett auf eine Verschwörung der Reichsten zurück geführt. Man kann mit solchen Büchern viel Geld verdienen. Dass diese Bücher gekauft werden, spricht für ein kaltblütiges Buchmarketing, das die Ängste vieler Anleger bedient. Es spricht aber nicht für die Richtigkeit dieser finsteren Prophetien. 
Hinter all diesen Crash-Prognosen steht fast immer die gleiche These: Der Euro ist unser Untergang und die Geldpolitik der EZB kann nicht gut gehen: niedrige Zinsen zur Entlastung hochverschuldeter EU-Länder und Entlastung der Bankbilanzen durch Ankauf zweifelhafter Wertpapiere in einem riesigen Volumen. Sparer werden durch niedrige Zinsen und Inflation enteignet, Staaten entledigen sich dadurch ihrer Verschuldung. Banken verdienen kein Geld mehr an den Zinsen und für die Übernahme von Banken- und Staatenrisiken durch die EZB haftet am Ende der europäische und vor allem der deutsche Steuerzahler. Schließlich können die immer weiter steigenden Schulden nicht mehr zurückbezahlt werden und ganze Staaten gehen pleite. Und an all dem verdient eine kleine Clique von Superreichen, die „Plünderer“, so Maier.
Ich halte das alles für großen Unsinn. Es erinnert eher an den Maya-Kalender, der für  den 21. Dezember 2012 den Weltuntergang vorausgesagt hat,  denn an unsere Realität.
Der allgemeine Aberglaube lautet: Steigt die im Umlauf befindliche Geldmenge bei gegebener Realwirtschaft, übersteigt also das Angebot an Geld die Nachfrage, muss Inflation die Folge sein. Das klingt logisch, ist aber offensichtlich nicht richtig. Seit der Lehman-Pleite im September 2008 fluten die Notenbanken zwar die Finanzmärkte mit billigem Geld. Sie haben damit Zeit für die Umstrukturierung gekauft. Nirgends ist auch nur im Ansatz Inflation in Sicht. Eher befürchtet EZB-Präsident Draghi sogar eine Deflation.
Von einer Weltwirtschaftskrise sind wir himmelweit entfernt. Deutschland wird 2015 wohl erstmals seit vielen Jahren keine Neuschulden mehr machen. Entscheidend ist, dass die EZB nicht nur Geld drucken kann (das Maier „Falschgeld“ nennt), sondern durch ihre Zinspolitik auch Geld aus dem Markt – also jederzeit den Druck vom Kessel – nehmen kann. Die bisherigen Rettungsaktionen mögen manchem einen Schauer über den Rücken jagen, erfolglos waren sie nicht. Irland, Portugal und sogar Griechenland sind wieder auf Kurs. Frankreich geht Wirtschaftsreformen an. In den USA wurde kürzlich die niedrigste Arbeitslosenrate seit über 20 Jahren gemeldet. Auch wenn in den USA und in Europa Banken und Versicherungen mit Milliardenbeträgen gerettet wurden, haben sie diese Rettungskredite zum Großteil zurückbezahlt und machen wieder Gewinne. Lassen Sie sich deshalb nicht von den großen Summen irritieren. So schnell geht die Welt nicht unter.



Donnerstag, 16. Oktober 2014

Die David-gegen-Goliath-Strategie von Greenpeace

Die Fragen stellte mir Mike Dawson, internationaler Korrespondent der Lebensmittelzeitung. Da er nicht alle Zitate in der aktuellen Ausgabe der Lebensmittelzeitung und seinem Blog bringen konnte, hier meine vollständigen Antworten:

1) Ist es fair von Greenpeace gewesen, Lego über eine globale Kampagne, z.B. bei YouTube so zu attackieren?

Antwort: Greenpeace betreibt professionelle, hochwirksame Kommunikation. Was man als unfair empfindet, soll ja medialen Druck ausüben, Unfairness gehört also zum Konzept. Greenpeace-Anhänger sehen solche Attacken nicht als unfair an, vielmehr steckt eine „David gegen Goliath-Strategie“ dahinter, und wem gehören die Sympathien: Immer dem David. Greenpeace ist zwar mächtig, aber im Vergleich zu Konzernen immer noch der David.

2) War es klug von Lego dem Druck von Greenpeace nachzugeben, oder unratsam, weil es wie eine Schuldbekenntnis aussieht?

Ja, es war klug, denn anders kommt Lego nicht mehr aus dieser Nummer heraus. Denn die Lego-Figuren werden aus Plastik hergestellt, und Plastik fabriziert man bekanntlich aus Öl. Auf der Lego-Website liest man allerdings  nur, dass Legosteine "aus Granulat“ geformt werden. Was da nicht steht: Das Granulat wird aus Rohöl hergestellt:
(siehe www.schulmediathek.tv): Rohöl wird zu einer Raffinerie gepumpt, wo eine klare Flüssigkeit namens Naphtha extrahiert und daraus Kunststoff-Granulat hergestellt wird. Das Granulat wird dann eingeschmolzen und zu verschiedenen Produkten geformt
Daher also die Verbindung. Bei den Attacken von Greenpeace gegen Shell geht es ja nicht ums Öl generell, sondern darum, wie und wo die Ölgewinnung die Natur gefährdet. Wenn die Ölgewinnung Natur gefährdet oder zerstört, kann das einem Spielzeughersteller wie Lego als Verwender von Rohöl nicht gleichgültig sein.  Auch beim Bezug von Rohstoffen und Vorstufenprodukten sollten Unternehmen sicher sein, dass diese Stoffe ohne Zerstörung der Natur erzeugt werden. Heute macht man ja umgekehrt Öl aus Plastikmüll und entlastet dadurch die Natur.  Wenn Lego auf diese Weise seine Figuren produziert, gibt es keine Probleme mehr.

3) Wie reagiert man in solchen Fällen am besten?

Ehrlich zu sich selbst sein, Wege finden, die Produktion umweltfreundlich zu gestalten und das dann kommunizieren. Die Aufkündigung der Shell-Kooperation kann nur der erste Schritt sein.

4) Auch wenn Millionen von Menschen die Greenpeace-Attacken in YouTube etc. angesehen haben, sind das überhaupt die Kunden von Shell bzw. Lego?

Eltern sind außerordentlich sensibel, wenn es darum geht, womit ihre Kinder spielen. Nachhaltigkeit gilt zumindest in gebildeten Kreisen als Selbstverständlichkeit. Es ist egal, wer diese You-Tube-Attacken gesehen hat, es spricht sich schnell herum, und darunter sind sicher auch viele Lehrer, die Sympathien für Greenpeace haben.

5) Könnten Sie es sich vorstellen, dass Greenpeace bzw. andere Aktivisten ihre Proteste auch auf die Industriepartner der Shell-Tankstellenshops (Coke, Nestlé, Pepsi, Danone etc.) ausweiten?

Ja, das kann ich mir vorstellen, aber Greenpeace verzettelt sich nicht. Die suchen sich ganz gezielt einen Gegner aus und versuchen ihn weichzuklopfen. Das wirkt dann langfristig auch bei den anderen Industriepartnern. Man muss den Flaschenhals finden, um den größten Druck auszuüben.

6)  Last but not least, welche Lehren ziehen Sie persönlich aus der Geschichte?

Von Schumpeter stammt der Satz: Der Unternehmer haftet mit seinem Einkommen an den Entwicklungswerten der Zukunft. Das scheint manchen immer noch nicht klar zu sein

Lego gegen Greenpeace - ein Lehrbeispiel

Lesen Sie dazu den folgenden hochinteressanten Artikel im "German Retail Blog" von Mika Dawson, der mich mehrfach zitiert:

"Greenpeace hits Lego to hurt Shell"

Mehr dazu auch morgen in der "Lebensmittelzeitung"!

Dienstag, 14. Oktober 2014

Jetzt sollte man in die FDP eintreten

Ich bin seit den siebziger Jahren CDU-Mitglied, obwohl ich in den verschiedenen Parteien Gesichter finde, die mir gefallen. Schon gar nicht habe ich mich als Journalist dafür vereinnahmen und in Schubladen stecken lassen. Liberale gibt es nämlich auch bei der SPD und bei den Grünen (Die AfD ist mir als Sammelsurium rechter Protestwähler sehr suspekt). Bei der CDU sehe ich heute ein großes Defizit an liberalem Gedankengut. Die Merkel-Strategie der Sozialdemokratisierung wirkt zwar im Hinblick auf die SPD perfekt, denn sie verhindert, dass die SPD wieder eine Volkspartei wird. Sozialdemokratischer als die heutige Bundes-CDU kann man eigentlich nicht sein. Das Ganze geht aber zu Lasten liberaler Grundsätze, die früher in der CDU ihren Platz hatten und ansonsten bei der FDP beheimatet waren. Niemand thematisiert mehr das Thema Steuerbelastungen. Die Piraten haben nichts geentert und ihr großes Thema "Freiheit im Internet" liegt brach. Die Grünen lecken sich immer noch die Wunden, seit sie mit Merkels Ausstieg aus der Atomenergie ihr wichtigstes Thema verloren haben. Und die FDP? Sie sucht derzeit verzweifelt nach einer neuen Strategie und neuen, unverbrauchten Gesichtern. An das Thema Steuersenkungen traut sie sich nicht mehr ran. "Sind wir da noch glaubwürdig" fragt Christian Lindner, der im Moment der einzige ist, den man öffentlich noch wahrnimmt. Ich bin der festen Überzeugung, dass die CDU eine wiederbelebte FDP an ihrer Seite braucht. Die FDP muss allerdings mit ihrer Vergangenheit aufräumen, Fehler erkennen und zugeben und sich mit neuen Themen profilieren, ganz besonders im kommunalen Bereich, aber auch auf Landesebene. Die Themen Steuerentlastung und - vereinfachung müssen auf der Tagesordnung bleiben. Das Thema Datenschutz muss wieder in den Kompetenzbereich der Liberalen. Die Wiederbelebung vieler Städte ist eine Riesenaufgabe. Im Immobilienbereich und im Mietrecht müssen Auswüchse verhindert werden. Die Share-Economy ist ein liberaler Ansatz, den die FDP besetzen könnte. Und, und, und.
Ich überlege jetzt ernsthaft, hier in die rheinland-pfälzische FDP einzutreten und sie zu unterstützen, damit sie 2016 in diesem wichtigen Bundesland als potentieller Koalitionspartner für die CDU oder auch die SPD erhalten bleibt. Die FDP ist noch nicht tot, und ihre Kernthemen sowieso nicht.

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Offener Brief an Heribert Schwan: Sie haben den Journalismus geschädigt


Offener Brief

Sehr geehrter Herr Schwan,

mit dem Buch "Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ werden Sie richtig viel Geld verdienen. Klasse PR, Vorabveröffentlichung im Spiegel, Diskussion in allen Medien. Marketing vom Feinsten. Als Buchverleger kann man dazu nur gratulieren. 
Als Journalist lehne ich die Veröffentlichung dieses Buches entschieden ab. Denn es enthält Material, das vom Urheber explizit nicht zur Veröffentlichung freigegeben wurde.
Vertrauliche Gespräche gehören ganz wesentlich zum Beruf des Journalisten. Ohne vertrauliche Gespräche erfährt man keine Hintergründe, die wichtig sind, vom Schlagzeilenjournalismus wegzukommen und vertiefende Bilder zu schaffen und Realitäten differenziert und faktisch fundiert abzubilden.
Sie haben vertrauliche Gespräche mit Helmut Kohl geführt und durch Ihre Veröffentlichung das in Sie gesetzte Vertrauen eklatant gebrochen.
Vielleicht wird Helmut Kohl nicht mehr erleben, wenn der Bundesgerichtshof irgendwann über die Rechtmäßigkeit dieser Veröffentlichung entscheiden wird. Den Schaden, den zwischenzeitlich all die ausbaden dürfen, die als ernsthaft interessierte und kompetente Journalisten auf ihre „vertraulichen“ Fragen keine Antworten mehr bekommen, wird man zwischenzeitlich nicht mehr rückgängig machen können.  


Danke Herr Schwan.

Montag, 6. Oktober 2014

Was plant Bertelsmann mit Gruner+Jahr?

Nun also doch: Bertelsmann hat der Jahr-Familie die restlichen Anteile an Gruner + Jahr abgekauft:
In Spiegel Online lese ich heute:
"Die vollständige Übernahme von Gruner + Jahr ist ein strategischer Meilenstein zur Stärkung unserer Kerngeschäfte", ließ Bertelsmann-Chef Thomas Rabe mitteilen. "Wir unterstützen die vom Gruner + Jahr-Vorstand auf den Weg gebrachte Transformation von Gruner + Jahr uneingeschränkt und werden auch in Zukunft die dafür erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen."
Eigentlich ist das eine gute Nachricht, aber die Frage muss gestellt werden: Warum wollte Bertelsmann Gruner+Jahr komplett übernehmen?
Was bedeutet "Stärkung unserer Kerngeschäfte" ?
Naja, darunter lässt sich viel verstehen. 2012 scheiterte schon mal ein solcher Versuch. Nun ist die Jahr-Familie anscheinend weichgeklopft. Und hat in bar einen nicht genannten Kaufpreis erhalten. Offensichtlich ist dem bisherigen Minderheitsgesellschafter mit Vetorecht das Verlust- und Investitionsrisiko zu teuer. Lieber den Spatzen in der Hand als die Taube auf dem Dach.
Wenn ein Mehrheitsgesellschafter die Anteile der Minderheitsgesellschafter kauft, dann will er volle Handlungsfreiheit. Anders macht der Erwerb keinen Sinn.
Das bedeutet für Gruner+Jahr: Bertelsmann kann jetzt einzelne Teile oder das ganze Haus verkaufen. Auch das würde zur "Stärkung des Kerngeschäfts" beitragen. Bei der Wirtschaftspresse hat es der Verlag vorgeführt: Die Hauptmarke Capital bleibt, FTD, wurde geschlossen, Impulse an den Chefredakteur verkauft und Börse Online an den Finanzverlag von Frank Werner.
Am Baumwall haben sich inzwischen reichlich Titel angesammelt, siehe HIER. Da würde ein McKinsey Berater ordentlich aufräumen: Was passt zur digitalen Strategie von G+J? Wer fährt die Kosten nicht ein? Wer hat Zukunft, wer nicht?
Es sollen ja ohnehin 400 Stellen abgebaut werden, und davon ist auch das Flaggschiff Stern nicht ausgenommen. Mit der Übernahme der Jahr-Anteile durch Bertelsmann kann Julia Jäkel jetzt die Taktzahl deutlich beschleunigen. 2015 dürften die G+J-Redaktionen noch einige Wechselbäder erleben.