Donnerstag, 27. November 2014

Deutschland hat sich bereichert

Heute wurde eine weitere Senkung der Arbeitslosenquote vermeldet. In Deutschland sind nur noch 2,7 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. 2005 waren es über 5 Millionen.
Erstmals seit über 25 Jahren muss sich der Bund nicht neu verschulden.Auch das eine Besonderheit.
Warum ist das kein Grund zur Freude?
Uns geht es gut, aber wie geht es den anderen? Während die deutsche Arbeitslosenquote bei 5% angekommen ist, liegt sie in Griechenland bei 26,4%, in Spanien bei 24%, in Italien bei 12,6% und in Frankeich bei 10,5%.
Die Wahrheit ist, dass wir uns auf Kosten anderer europäische Länder bereichert haben. Unsere Wirtschaft hat diesen Ländern Produkte verkauft, die diese mit Krediten finanziert haben und so in die Krise kamen. Wir sind der wichtigste Verschuldungsfaktor dieser Länder. Deutschland hat sich zu Lasten seiner Freunde in Europa bereichert. Die Finanzierung unserer Exporte ist am Ende bei den dortigen Zentralbanken gelandet. So kann das nicht weitergehen.

Freitag, 21. November 2014

Negative Zinsen: Thomas von Aquin und die Bankenwelt

Auf der Suche nach Argumenten und Gegenargumenten für den negativen Zins fand ich heute eine aktuell lesenswerte Seminararbeit zum Thema Zinsen an der Universität Münster (Institut von Prof. Ulrich von Suntum), auf die ich hier hinweisen möchte: Autor Peter Meiners untersucht darin das Zinsverbot von Thomas von Aquin.

Hier einige erhellende Zitate aus seiner Arbeit ""Das Zinsverbot und extrinsische Zinstitel bei Thomas von Aquin" aus dem Jahr 2010:
"In der Summa Theologica, II-II qu.78, setzt sich Thomas insbesondere mit dem 
Problem des Zinsnehmens, bzw. der Sünde des Zinsnehmens (de peccato usurae), 
auseinander....
Für seine Ausführungen verwendet Thomas den lateinischen Terminus usura. Dieser kann sowohl mit dem Begriff „Zins“ als auch mit dem heute negativ besetzten Begriff „Wucher“ übersetzt werden, denn diese Begriffe waren im Sprachgebrauch der Kirche in Antike und 
Mittelalter kongruent....
Ausgangspunkt und Grundlage der Argumentation bei Thomas ist das im 
Rückgriff auf Aristoteles angeführte Prinzip der Tausch- und 
Vertragsgerechtigkeit (iustia commutativa). Dem Prinzip der kommunitativen 
Gerechtigkeit zufolge soll bei jedem Tauschakt Äquivalenz, also eine arithmetische Verhältnismäßigkeit zwischen dem Wert einer Leistung und einer 
Gegenleistung, herrschen (aequalitas dati et accepti). ..
Jeglicher Mehrgewinn bei Darlehen wird aufgrund des Äquivalenzprinzips ausgeschlossen."
Meiners zitiert dann Aristoteles: "Und deshalb ist es an sich unerlaubt, für den Gebrauch des geliehenen Geldes eine Belohnung zu nehmen, die man Zins nennt."
Kurz gesagt war der Zins aus theologisch-philosophischer Sicht damals unanständig.
Deswegen konnte sich die Wirtschaft auch viele Jahrhunderte lang nicht entwickeln. Geld verleihen war verpönt und unchristlich, zumal es im Ergebnis weniger der Wirtschaftsentwicklung, sondern eher der Finanzierung von Kriegen und Hungersnöten diente. Erst als die Venezianer den Wechsel einführten und geniale Finanziers wie die Rothschilds Wirtschaftswachstum finanzierten, konnte die Industrialisierung beginnen. So wurde Geld verleihen und Zinsen nehmen selbstverständlicher Teil der Wirtschaft und auch von den christlichen Kirchen akzeptiert. In den letzten Jahren hat sich jedoch die monetäre Welt immer mehr von der Realwirtschaft entfernt, weswegen auch die Kritik an der Vermögensverteilung immer lauter wird. Irgendwie steckt dahinter die Frage, ob Geld, von dem die Realwirtschaft nicht profitiert, eigentlich ehrlich verdient wird. Die EZB will, dass die Banken wieder Geld an die Wirtschaft verleihen, statt mit Hochfrequenzhandel große Räder an den Finanzmärkten zu drehen. Deswegen verpönt die EZB den Zins, weil die Banken Geldeinlagen bei ihr parken statt es Unternehmen zu leihen. Die Banken müssen Strafzinsen dafür zahlen, statt Zinsen zu bekommen. Und jetzt veranstalten sie dasselbe mit ihren Kunden. Freilich: Wenn die Unternehmen und Konsumenten dafür kein Geld zahlen wollen, dann werden sie neue Wege suchen. Die Unternehmen können sich direkt finanzieren, die Kunden geben das Geld lieber aus oder horten es selbst.
Hier stellt sich tatsächlich wieder die Frage nach Leistung und Gegenleistung, die im Mittelpunkt der Kritik von Aristoteles und Thomas steht. Was leistet eine Bank für das ihr gegebene Geld, wenn sie Zinsen dafür verlangt, beispielsweise den teuren Dispo? Und umgekehrt, was leistet sie, wenn sie das Geld bei der EZB parkt? Sie arbeitet nicht mit dem Geld, sondern hortet es. Dieses Verhalten widerspricht ihrer ursprünglichen Funktion quasi  Zahnrad im Getriebe der Wirtschaft zu sein. Man muss Bill Gates dazu nicht wiederholen ("Banking wird man immer brauchen, Banken nicht"), aber hat er damit absolut Recht. Die Banken müssen ihr Geschäftsmodell überdenken, zumal ihnen die unglaubliche Dynamik der Digitalisierung den Boden unter den Füßen wegzieht, wenn sie überleben wollen. Mit Vertrauen heischenden Werbesprüchen ist es nicht getan. Vielmehr müssen die Banken grundlegend über ihre Legitimation nachdenken. Das ist die wichtigste Botschaft von negativen Zinsen.

Freitag, 14. November 2014

Middelhoff: Ein unfassbar hartes Urteil

Das Landgericht Essen hat Dr. Thomas Middelhoff zu drei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt und seine sofortige Verhaftung wegen Fluchtgefahr angeordnet. Ob letzteres umgesetzt wird, scheint noch offen. Aber was für ein Desaster!
Man muss sich vor Augen halten, dass sämtliche Vorwürfe gegen Middelhoff in den letzten Jahren in sich zusammenfielen - bis auf die Reisekosten und eine Festschrift für den Ex-Bertelsmann-Chef Mark Wössner, die Arcandor bezahlt hat. Einen Manager deswegen zu einer Haftstrafe ohne Bewährung zu verurteilen, sprengt dennoch jede Verhältnismäßigkeit, auch wenn der Betrag von 500.000 Euro hoch erscheint.  Man hätte  den früheren Chef von Bertelsmann zur Rückzahlung verurteilen können oder die Strafe wenigstens zur Bewährung aussetzen müssen. Man denke an die privaten Flüge, die immer wieder bei Politikern aufgedeckt wurden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Urteil vor dem Bundesgerichtshof stand hält. Es sind schon Menschen mit viel größerer Schuld weitaus geringer bestraft worden. In Essen sollte ein Exempel statuiert werden, denn dort sitzt die Zentrale des früheren Karstadt-Konzerns, der in Arcandor umgewandelt wurde.

Häme ist jetzt nicht angebracht. Middelhoff ist kein Verbrecher, er hat sich in der Vielseitigkeit seiner Aktivitäten verstrickt. Die permanenten Schuldvorwürfe in vielen Medien rund um die Esch-Fonds und die nicht von ihm, sondern von seinen Vorgängern verschuldete Pleite des Arcandor-Konzerns haben ein verzerrtes Bild von ihm geschaffen, dem offensichtlich auch die Richter zum Opfer gefallen sind. So hatte Middelhoff kurz vor dem Urteil nur noch Feinde um sich herum, wobei der Insolvenzverwalter von Arcandor die Hauptrolle spielte. Und viele Feinde sind des Hasen Tod. Letztendlich ist Middelhoff an Arcandor gescheitert. Er hatte 2005 auf Bitten von Madeleine Schickedanz den Posten des Vorstandsvorsitzenden übernommen, weil das Unternehmen in eine existenzielle Schieflage geraten war. Er ist quasi in die Bresche gesprungen, nachdem seine Vorgänger Urban und andere den wahrscheinlich unrettbaren Laden in den Abgrund geführt hatten.

Ich kenne Thomas Middelhoff seit vielen Jahren, seine Stärken und seine Schwächen.  Ich habe ihn als knallharten und nicht immer angenehmen Investor kennen gelernt. Zu seinen Stärken gehört vor allem sein Finanzwissen und seine internationale Vernetzung. Middelhoff ist eigentlich ein internationaler Deal-Maker. Unternehmen kaufen und verkaufen, das hat ihm immer am meisten Spaß gemacht.
Als Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann hat er dem Konzern mit mehreren Deals Milliarden zusätzlich in die Kasse gespült, bevor er im Streit mit den Mohns gehen musste, weil die Mohns keinen Börsengang wollten. Bei Bertelsmann begeisterte er die Führungskräfte als charismatischer Redner mit digitalen Visionen. Als er damals zum Beispiel den Musiktauschdienst Napster kaufte, schwebte ihm das vor, was Apple später mit Itunes umgesetzt hat: Den Verkauf von Musik für 99 Cent. Hätte die Mohnfamilie das und viele andere Ansätze verstanden, stünde Bertelsmann heute als digitaler Medienkonzern weit besser da.
Zu seinen Schwächen gehören die Lust am Luxus und ein ausgeprägter Mangel an Bescheidenheit und Demut, den er jetzt wohl im Gefängnis aufarbeiten muss. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Lebte er in den USA, würde sich niemand an seiner Lebensweise stören, dort machen das alles Reichen so. Mitten im strukturschwachen Ruhrgebiet kommt sowas überhaupt nicht gut an.
Klar ist aber auch: Dass Arcandor eine Festschrift für Mark Wössner bezahlen musste, ist natürlich skandalös. Es zeigt, dass Middelhoff seine eigenen Interessen irgendwann wichtiger nahm als die von Arcandor. Das ist ihm wirklich übel zu nehmen, und dafür muss er nun wohl büßen.

Donnerstag, 13. November 2014

Zur Lage der Wirtschaftspresse


Im "Kontakter" (hier kann man drei Ausgaben bestellen) gibt es derzeit eine dreiteilige Serie zur Lage der Wirtschaftspresse. Der erste Teil erschien heute. Unter anderem werde ich wie folgt korrekt zitiert:

Ralf-Dieter Brunowsky, langjähriger Capital-Chefredakteur und heutiger Kommunikationsberater, geht mit seinen Forderungen sogar noch weiter. Er will, dass die Wirtschaftsmedien ihr Alleinstellungsmerkmal überprüfen. „Weiß die Wirtschaftswoche, was ihr USP ist und warum sie gekauft oder nicht gekauft wird? Ich bin mir nicht sicher. Capital hat seinen USP gewechselt: Von Capital zum Lifestyle. Handelsblatt: Ich sehe keinen USP, nurdiverse gute Geschichten. Warum einen USP ermitteln? Weil der Unique Selling Point die Kunden identifiziert.“ Zudem plädiert Brunowsky dafür, dass die Titel ihre Geldressorts „durchschütteln“ und auf ein „erheblich höheres Niveau“ schrauben. „Die modernen Anleger sind die 400 000 Trader in Deutschland. Sie beziehen ihre Informationen zu über 90 Prozent aus dem Internet, weil das, was sie in den Geldressorts lesen, meist banal und verbraucherübergeschützt ist“, beklagt Brunowsky. Aber auch mehr Unterhaltungswert fordert der Wirtschaftsexperte von den Blattmachern. „Wo darf man in der Wirtschaftspresse mal schmunzeln wie im Economist?“ Der Einzige, der zur Zeit diese Kompetenz habe, sei Klaus Boldt, der Chefredakteur von Bilanz.

Mittwoch, 12. November 2014

Das Kleinanlegerschutzgesetz, ein neues Ungetüm

Heute verabschiedet das Bundeskabinett in Berlin das Kleinanlegerschutzgesetz. Wer sich den 75seitigen Entwurf ansieht, versteht nur Bahnhof. Denn es werden in diversen Gesetzen Anpassungen vorgenommen, die man Wort für Wort unter Bezug auf Paragrafen nachvollziehen muss. Und mich beschleicht das Gefühl, dass hier wieder einmal die Verbraucher zu Tode geschützt werden. In der Einleitung heisst es:

"In jüngster Zeit haben Anleger durch Investitionen in Vermögensanlagen erhebliche Vermögenseinbußen erlitten, indem sie in Produkte investierten, die nur einer eingeschränkten Aufsicht durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht unterlagen. Die eingetretenen Vermögensschäden beruhten auch auf der fehlerhaften Annahme der Anleger, hohe Renditen könnten ohne Risiko erreicht werden. Als Folge dieser irrigen Annahme wurde nicht nur das Vertrauen der betroffenen Privatanleger, sondern auch das Vertrauen nicht unmittelbar betroffener Anleger in den Finanzmarkt getroffen."

Also, weil die Anleger irrigerweise annehmen, hohe Renditen könne man ohne Risiko erreichen, müssen sie jetzt besser geschützt werden. Oder auch: Die deutschen Anleger müssen vor ihrer eigenen Dämlichkeit geschützt werden. Das ist doch ein Wahnsinn. Was hier produziert wird, sind vor allem zusätzliche Kosten für Anwälte, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater.

Gut gemeint ist noch lang nicht gut gemacht. Die Bürokratie des Anlegerschutzes hat bis heute nichts, aber auch gar nichts verbessert. Wer sich beispielsweise heute bei Banken beraten lässt, muss einen Schwall von Papieren über sich ergehen lassen. Trotzdem lesen wir alle paar Wochen, dass ein Unternehmen in die Insolvenz geht und zahlreiche Anleger ihr Geld verlieren. 
Das neue Gesetz verspricht mehr Transparenz für den Geldanleger, tatsächlich verschafft es den sogenannten Anlegerschutzanwälten zusätzliches Geschäft - wenn Kleinanleger beim nächstes Mal in die Röhre schauen. Und das wird nicht lange dauern. Denn Gier und Dummheit lassen sich schwer verbieten. 

Donnerstag, 6. November 2014

Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will

Die Löhne von Lokführern liegen unter dem allgemeinen durchschnittlichen Verdienst der deutschen Arbeitnehmer von 3449 Euro brutto im Monat. Sie verdienen bei der Deutschen Bahn ohne Zulagen zwischen 2500 und 3400 Euro brutto im Monat, je nach Dienstjahren. Für diesen Job genügt ein Hauptschulabschluss. Ist das zu wenig? Ich finde nicht.

Im Grunde braucht man die Lokführer nicht mehr, und mit ihrem Streik schaufelt die Gewerkschaft GDL diesem Berufsstand und sich selbst das Grab. Eher braucht man die Schaffner und die Kellner im Zug-Bistro (kein Wunder, dass die GDL, das Service-Personal mit vertreten möchte).
Schon heute fahren U-Bahnen ohne Lokführer, und es ist technisch ohne Schwierigkeiten möglich, auch alle Züge ohne Lokführer zu betreiben. Die Züge sind ohnehin alle computergesteuert. Dann fahren die Lokführer wie die überflüssigen Heizer noch eine Weile mit, und dann ist der Berufswunsch "ich möchte Lokführer werden" nur noch in Verbindung mit Märklin-Eisenbahnen wichtig.
Jakob Augstein hat einen flammenden Kommentar für das "Grundrecht" der Lokführer auf Streik veröffentlicht. Als ob es darum ginge, das Streikrecht abzuschaffen. Das ist doch großer Quatsch. Deutschland braucht funktionierende Gewerkschaften, aber nicht berufliche Interessengruppen, die sich Gewerkschaft nennen, und ihre Nadelöhr-Eigenschaft zu Lasten anderer Berufsgruppen und der ganzen Gesellschaft missbrauchen. Flächentarifverträge, zum Teil in harten Auseinandersetzungen durchgesetzt, haben Deutschlands Wirtschaft immer auch Stabilität gegeben. Statt für einzelne Berufsgruppen verhandeln die Gewerkschaften bis heute für einen ganzen Industriezweig wie Chemie, Handel oder Metall. Das gibt den Branchen Planungssicherheit, sichert Arbeitsplätze und ist auch im Arbeitgeberinteresse. Was wir jetzt erleben, macht Unternehmen und die ganze Wirtschaft auf Dauer kaputt: In immer kürzeren  Abständen, streiken einzelne Berufsgruppen. Und zwar immer dort, wo es besonders wehtut.
Das Sicherheitspersonal hat kürzlich den Flughafen Frankfurt lahmgelegt. Die Piloten haben mit ihren immer neuen Streiks die Lufthansa schon über 150 Mio Euro gekostet und Chaos im deutschen Flugverkehr ausgelöst. Die Lokführer sind nun der nächste Höhepunkt. Ältere erinnern sich noch an den dramatischen Streik der Fluglotsen. Was kann da alles noch passieren? Stellen wir uns mal bei der Lufthansa vor: Es streiken heute die Piloten, morgen die Flugbegleiter, dann der Catering-Bereich, dann die Software-Programmierer, die Ingenieure, die Techniker. Dann streikt das Sicherheitspersonal des Flughafens und alle verpassen ihre Flüge. Wie lange kann die Lufthansa so etwas ohne schwere Blessuren aushalten?
Dass die Bundesregierung jetzt ein Gesetz vorbereitet, das auf die jeweilige Mehrheitsgewerkschaft eines Betriebes setzt, ist ein richtiger Schritt. 
"Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will". Dieser 1863 von Georg Herwegh anlässlich der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (SPD-Vorläufer) gedichtete Text endet, was viele nicht wissen, mit den Worten: "Brecht die Sklaverei der Not! Brot ist Freiheit, Freiheit Brot".
Herr Weselsky, ist es wirklich so schlimm in unserem Land, dass Sie alle Räder still stehen lassen müssen?