Sonntag, 28. Dezember 2014

Was bringt 2015?

Im Jahr 1918 erschien Oswald Spenglers umstrittenes Buch vom "Untergang des Abendlandes". Demnächst scheint es wieder einmal soweit zu sein: Die Nachrichtenlage zum Jahresende 2014 ist irgendwie ominös.
Ein Krieg der Worte, der zunehmend nervt. Propaganda statt Aufklärung.
Putin erklärt die NATO zum ärgsten Feind Russlands. An den Grenzen zur NATO wird wie im tiefsten Kalten Krieg gefährlich manövriert. In Nordkorea rasselt ein von allen guten Geistern verlassenes Regime permanent mit atomaren Säbeln und vergleicht Obama mit einem "Affen aus dem Urwald". Ein Kalifat namens "Islamischer Staat" verbreitet Enthauptungsvideos und droht uns mit dem Untergang des Abendlandes. Den wiederum fürchtet jetzt eine Bewegung namens Pegida, die demonstrativ schweigt und Weihnachtslieder singt, während die Medien gleich unsere ganze Demokratie gefährdet sehen.
Was ist bloß los in der Welt? Dass Angela Merkel von der britischen "Times" zur "Person of the Year" in einer "Welt voller gefährlicher Männer" gekürt wurde, ist nicht wirklich beruhigend.  Uns Deutschen geht es so gut wie in keinem anderen Land der Welt, und trotzdem fühlen wir uns nicht sicher. Oder vielleicht gerade deshalb? Wer viel hat, hat auch viel zu verlieren.
Wovor fürchten sich die Deutschen?
Angst vor Zuwanderung? Seit 1991 sind laut "Statista" jedes Jahr zwischen 750.000 und 1,5 Mio zugewandert, 2013 waren es etwa 1,25 Millionen. Der Ausländeranteil liegt im gleichen Zeitraum ziemlich konstant bei etwa 8 bis 9 Prozent. Nicht wirklich erschreckend, oder?
Angst vor Straftaten? Die Gesamtzahl der Straftaten hat seit 2008 von 6,1 Mio auf 5,96 Millionen stetig pro Jahr abgenommen. Die Brutalität einzelner Straftaten lässt die Kriminalität gefühlt wachsen, aber eben nur gefühlt.
Die Islamisten? Von 2005 bis 2013 hat die Zahl der Anhänger islamistische Organisationen von 32.000 auf 43.000 zugenommen. Prozentual ein starker Zuwachs, muss man sicherlich im Auge behalten, aber zahlenmäßig ist das nicht wirklich viel, gerade mal 0,5 Prozent der Bevölkerung. Und die werden vom Verfassungsschutz noch nicht mal als radikal eingestuft. Und auch nicht viel bezogen auf etwa 7 Millionen Muslime in Deutschland.
Die Schuldenkrise? Schulden setzte man früher gleich mit Inflationsgefahr, Doch die Inflation liegt nahe Null und viele Preise sinken, am auffälligsten die Ölpreise. Eine Tankfüllung kostet ein Viertel weniger als noch vor ein paar Monaten, und das bedeutet für fast jeden Haushalt mehr netto in der Kasse, ein echtes Konjunkturprogramm - obwohl wir keines brauchen. Und Griechenland ist immer noch nicht pleite. Schulden müssen daran gemessen werden, ob die Zinsen gezahlt werden können, nicht an den absoluten Zahlen. Bis auf wenige Ausnahmen zahlen alle Staaten und Unternehmen ihre Zinsen.
Die Finanzkrise? Die EZB will demnächst Staatsanleihen kaufen. Die Ökonomen sind entsetzt. Mit den Anleihekäufen werden Banken und Länder gerettet - vorerst. Es herrscht Ratlosigkeit in der Ökonomie. Wie kann es angehen, dass Spanien und Griechenland 24/25 Prozent Arbeitslosigkeit vermelden (siehe hier) und Deutschland nur 4,9 Prozent (Oktober 2014, saisonbereinigt)? Die Anleihekäufe werden helfen, Bankbilanzen zu entlasten, Aktienkurse zu befördern und die Krise zu meistern. Ich glaube Draghi macht es richtig.
Die mageren Spar-Renditen? Nun, wer Anfang dieses Jahres 100.000 Euro in Bundesanleihen investiert hat, konnte (ohne Transaktionskosten( immerhin 13.000 Euro Gewinn machen - mehr als mit DAX-Aktien (4.000 Euro). Und langfristig (10 bis 20 Jahre Anlagehorizont) sind auch Aktien mit 6 bis 8 Prozent durchschnittlicher Rendite attraktiv, also warum jammern.
Und der Datenschutz? Ja, brauchen wir, aber wir sollten uns mit den besten Technologien gegen Spione und Bösewichte wappnen statt permanent zu jammern. Die NSA ist dabei unser geringstes Problem. Und die Werbung auch. Noch kann jeder selbst bestimmen, wem er welche Daten überlässt.
Gegen Betrüger hilft nur beste Software und eine gute Internetpolizei. da sollten wit mithalten können.
Und die Armut? Es gibt viele Menschen, die von wenig Geld leben müssen, ja, das ist leider so. Aber es gibt auch kaum ein Land, in dem so viel Geld für soziale Zwecke ausgegeben wird: Wie der SPIEGEL berichtet, betrug 2012 hierzulande die Summe aller staatlichen und privaten Sozialleistungen 782,4 Milliarden Euro.
Und die Rente? 
Unser größter Schwachpunkt, aber zum Glück so weit weg, dass Merkel weiter populär bleibt. Zum Glück haben wir Zuwanderer, die einstweilen für Stabilität in der Rentenkasse sorgen.
Mein Fazit für 2015:
Leute - hört auf zu jammern, gebt das Geld mit vollen Händen aus und genießt Deutschlands Wohlstand.




Donnerstag, 11. Dezember 2014

Der SPIEGEL auf dem Weg zum Mittelmaß

Das Drama um die Entlassung des Spiegel-Chefredakteurs Wolfgang Büchner ist beendet. Das Drama um den Spiegel selbst fängt gerade erst an.

Wolfgang Büchner hatte als ehemaliger dpa-Chefredakteur einen tadellosen Ruf. Nun ist er der von Rudolf Augstein eingeführten Mitbestimmung durch die Redaktion zum Opfer gefallen. Im November 1974 hatte Augstein die Hälfte seiner Anteil an die Mitarbeiter übereignet, heute besitzen die Mitarbeiter über eine KG 50,5 Prozent der Anteile. Seitdem geht beim Spiegel nichts mehr ohne die Zustimmung der KG.

Büchner hat seinen anspruchsvollen Job als dpa-Chefredakteur aufgegeben - der Posten ist inzwischen von Sven Gösmann - besetzt, weil ihn Verlagsleiter Ove Saffe dazu überredet hat. Fatalerweise, ohne vorher alle anstehenden Fragen mit der KG ("KG Beteiligungsgesellschaft für Spiegel-Mitarbeiter mbH & Co.") abzuklären. Saffe hat Büchner sehenden Auges in ein Minenfeld geschickt und einen wirklich hochkarätigen Journalisten verbrannt. Wie es aussieht, wird das sehr bald auch seinen Kopf kosten, und zwar zu Recht.
Unvorbereitet war schon die erste Aktion, die Berufung von Nikolaus Blome zum stellvertretenden Chefredakteur, weil dieser von BILD kam. Auch Blome gehört zu ersten Garnitur von Journalisten in Deutschland, und als Büroleiter in Berlin macht er trotz der anfänglichen Stimmung gegen ihn keine schlechte Figur.
Das alles könnte man ins Reich üblicher Intrigen und Kleinkriege verweisen, ginge es nicht um viel mehr: Die Mitbestimmung wird den Spiegel immer mehr ins Mittelmaß führen. Die ständigen Streitereien werden seit vielen Jahren von einer sinkenden Auflage begleitet. Immer wenn irgendjemand etwas verändern will, stemmt sich die KG dagegen. Als Adolf Theobald 1989 die Mitarbeiter KG zu einem Pensionsmodell umwandeln wollte, musste er klein beigeben. Jede Überlegung, den Spiegel-Verlag auszubauen stieß auf geballten Widerstand, weil Investitionen zu Lasten der lukrativen Gewinnbeteiligung gegangen wären, die nicht nur die Redakteure, sondern alle Mitarbeiter  beziehen. In der WELT war 2005 zu lesen: "Den Ex-Geschäftsführer Adolf Theobald erinnert der Verlag deshalb an eine Musikkapelle, die sofort nach dem Konzert alle Einnahmen verteilt."
Mich erinnert das Hamburger Theater an ein Gespräch mit einem Wiener Philharmoniker. Ich fragte ihn, warum eigentlich eine so hochkarätige Gruppe von Musikern einen Dirigenten braucht. Er antwortete: "Weil wir sonst immer langsamer werden". Der Spiegel wird immer langsamer, und seine Titelgeschichten werden immer einfallsloser.
Einen Titel zur Dämmung von Häusern zu machen und das Titelbild zuzukleistern ist echt zweite Wahl. Das gilt übrigens auch für Spiegel Online. Die nerven mich jetzt mit einer neuen Funktion, die mich belästigt, statt mich zu unterstützen. Ich muss, um zu anderen Themen zu kommen mehrmals von rechts nach links "wischen". Bisher konnte ich auf der ersten Seite auswählen, welche Rubrik ich wollte. Und natürlich macht Spiegel Online früh Feierabend. Abends gibt es kaum was Neues außer Fußball.
Dass die Agenturen alle wichtigen Nachrichten der Printausgabe vorab verbreiten, hat mir die Lust an der Printausgabe genommen. Wenn ich den Spiegel montags aus dem Briefkasten nehme, habe ich das Gefühl, eine alte Zeitung in der Hand zu halten.


Donnerstag, 4. Dezember 2014

Paul Krugman: Deutschland exportiert Deflation

Diese kürzlich erschienene Kolumne (Hier der vollständige Text) von Paul Krugman in der New York Times ist lesenswert. Sie bestätigt meine Meinung, dass Deutschland sich derzeit auf Kosten seiner Nachbarn bereichert. Und zeigt, dass Frankreichs Wirtschafts- und Finanzpolitik schlechter gemacht wird als sie wirklich ist. Must read!
Auszug:

"In other words, to the extent that there’s anything like a competitiveness problem in Europe, it’s overwhelmingly caused by Germany’s beggar-thy-neighbor policies, which are in effect exporting deflation to its neighbors.
But what about debt? Isn’t non-German Europe paying the price for past fiscal irresponsibility? Actually, that’s a story about Greece and nobody else. And it’s especially wrong in the case of France, which isn’t facing a fiscal crisis at all; France can currently borrow long-term at a record low interest rate of less than 1 percent, only slightly above the German rate."

Montag, 1. Dezember 2014

Wer wird am meisten zitiert? Über einen irrigen Journalistenglauben

Es gibt Firmen wie den Media Tenor, die vom Zählen leben. Sie zählen, wie oft die Wirtschaftswoche, das Handelsblatt oder die BILD-Zeitung zitiert werden, und die zitierten Blätter schmücken sich dann mit den Ergebnissen: Der Spiegel freut, sich im Fünf-Jahres-Vergleich vor "BILD" zu liegen, der Tagesspiegel jubelt darüber, unter den "Top Ten der meistzitierten Medien" zu sein und die Rheinische Post genießt den "7.Platz unter den meistzitierten Tageszeitungen."
Das klingt alles recht beeindruckend, und das war es auch einmal, als das Internet noch keine große Rolle spielte.
Was Journalisten als Bestätigung ihrer Arbeit sehen, ist in Wahrheit heute schädlich für ihr Blatt. Es nimmt nämlich einen entscheidenden Kaufanreiz. Wenn ich den "Spiegel" in die Hand nehme, möchte ich überrascht werden. Stattdessen lese ich die wichtigsten Geschichten als Agenturmeldung schon vor dem Erscheinen in anderen Medien. Warum soll ich mir dann noch den Spiegel kaufen? Weil dort alles ausführlicher drin steht? Brauche ich nicht, weil alle Spiegel-Meldungen von anderen Medien aufgegriffen und oft mit eigenen Recherchen angereichert werden. Wenn der Spiegel dann erscheint, wirkt die Geschichte bereits alt.
Aber nicht nur das. Ein Verlag hat kürzlich intern geprüft ob die vielen Zitate in einer Regionalzeitung" den Verkauf seines Magazins vor Ort gefördert haben. Das Ergebnis war: Gleich Null.
Nun verbleibt noch das Argument der Reputation. Dafür haben viele Chefredaktionen ja nun "Investigativ-Teams" gebildet, die helfen sollen, meist zitiert zu werden.
Wer in aller Munde ist, sollte man ja meinen, der hat ein hohes Ansehen und ein hohes Ansehen ist gut fürs Geschäft. Aber wenn dem so wäre, müsste ich keine Zeitung drucken. Die dient dann eigentlich nur noch als Beleg dafür, dass die Agenturmeldung stimmt, lesen muss ich den Stoff von gestern nicht mehr.
Die Online-Verbreitung von Agenturmeldungen hat den Abstand zu dem Erscheinungstermin auf seltsame Weise so stark erhöht, dass alles alt wirkt, was danach noch gedruckt wird, es sei denn, das gedruckte bringt ganz neue Aspekte. Tut es aber meist nicht, stattdessen verliert sich der investigative Autor in detaillierte Erläuterungen etwa komplexer Firmenglomerate, gut fürs Archiv, aber nicht mehr interessant für den Leser.
Vielleicht ist auch das ein Grund für sinkende Auflagen?