Mittwoch, 25. Februar 2015

Die neue Wirtschaftswoche unter Miriam Meckel

Als Abonnent und ehemaliger Wiwo-Mann verfolge ich die Wirtschaftswoche schon immer mit großem Interesse. Besonders spannend ist der Übergang der Chefredaktion von Roland Tichy zu Miriam Meckel, die bislang recht zurückhaltend auftrat. Ihre Wikipedia-Beschreibung ist ziemlich beeindruckend. Mir sind Kommunikations-Professoren immer etwas suspekt, aber Miriam Meckel hat einen echten Titel als Universitäts-Professorin und wirklich praktische Erfahrung: Im Journalismus, in der Unternehmenskommunikation, in der Forschung. Soviel Erfahrung, dass sie irgendwann zusammenklappte und das Buch "Brief an mein Leben" schrieb, in dem sie ihre Burnout-Erfahrung schildert.
Nun hat sie im letzten Spiegel ein Interview gegeben, in dem Sie ankündigt, Tichy´s eurokritischen Kurs zu verlassen. Roland Tichy, inzwischen Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung hat sich damit zwar als bekannte Marke positioniert (in "Tichy´s Einblick" geht es damit munter weiter), aber Meckel hat schon Recht: Die gesamte deutsche Industrie denkt anders.  Da fällt es schwer, Tichys Kurs durchzuhalten.
Spannend ist, dass Miriam Meckel mit ihrer Erfahrung für qualifizierte Inhalte stehen möchte. Eine Herausforderung! Denn die Wirtschaftswoche ist im Vergleich zu Spiegel und Manager Magazin nie den Ruf des etwas Oberflächlichen losgeworden. Wie kann man das verbessern? Im Zeitalter der digitalen Verlagshektik ist es gut, wenn wieder die Frage nach den Inhalten gestellt wird. Vielleicht muss man nicht jeden digitalen Einfall mitmachen, vielleicht ist es wichtiger, das Medium wieder relevant zu machen?
Ein Problem ist: Miriam Meckel lebt  in Berlin und St. Gallen, da wird sie als Chefredakteurin nur eine begrenzte Präsenz zeigen können, wenn sie ein neues Burnout vermeiden will.
Mein erster Eindruck von ihrer Präsenz ist: Ihre Kolumnen sprühen bislang nicht vor Spannung. Alles sehr ernst und abgewogen geschrieben, kein Lesespass, sehr technokratisch - wie zum Beispiel Meckels aktueller Kommentar zur Bedrohung der Autoindustrie durch Apple und Google. Der übersieht übrigens, dass deutsche Autos gerade deswegen so erfolgreich sind, weil sie immer intelligenter werden. So groß ist die amerikanische Bedrohung nun wirklich nicht. Der Chef des Kaiserslauterner Fraunhofer Instituts IESE, das unter der Überschrift "Safe and secure" gemeinsam mit der Autoindustrie Softwarelösungen ermittelt, sagte mir kürzlich: "Verglichen mit der Intelligenz in deutschen Autos produzieren die Amerikaner alte Blechkisten."(Professor Peter Liggesmeyer). Da wirkt der Kasten mit einer Wiwo-Beurteilung der digitalen Präsenz unserer Autounternehmen nicht besonders kenntnisreich. Mal im Ernst: Wie will man auf einer halben Seite beurteilen, "wie gut wichtige Autokonzerne auf Apple, Google & Co vorbereitet sind?"
Richtig finde ich, dass Miriam Meckel digitale Themen stärker covern will. Das erfährt man in der aktuellen Ausgabe an vielen Stellen.  In den meisten Wirtschaftsmedien ist das Thema "Digitalisierung" bei den Spezialisten gelandet. Tatsächlich betrifft es aber alle Branchen und müsste entsprechend auch von allen Wirtschaftsjournalisten beherrscht werden.
Ganz witzig das Präsentation-Video der aktuellen Ausgabe im QR-Code: Die Chefredakteurin fragt, ob Benko der "dritte falsche Mann für Karstadt" ist und empfiehlt die Geschichte von der Bedrohung der deutschen Autoindustrie durch Apple. Aber dieses Video sieht aus, wie ein Selfie aus dem Kloster. Da kann man mehr draus machen. Die Autogeschichte, an der ein großes Team mitgearbeitet hat, ist in jedem Fall lesenswert, auch wenn ich die Bedrohung überhaupt nicht sehe.
Nun zu der Titelgeschichte "Der talentierte Mr. Benko"- Benko steht zusammen mit Middelhoff und Berggrün auf dem Titelbild. Soll signalisieren: "Karstadt als Beute kaltblütiger Finanzinvestoren. " Eine investigative Geschichte, cool. Gutes Thema, fand ich. Bekannte Leute, große Marke und bemitleidenswerte Belegschaft. Erwartung hoch, doch Ergebnis enttäuschend:
Die Geschichte leidet darunter, dass die Autorin Melanie Bergermann (Frankfurter Büro der Wiwo) eigentlich nichts aufdecken konnte. Sie schrieb die Geschichte nach dem Motto: Irgendwas kann mit dem doch nicht stimmen, wenn der so ein Firmengeflecht zusammengeschustert hat, in dem sich die Firmen gegenseitig Geld leihen und Immobilien zwischen den Firmen hin und herwandern. Mag ja sein, vielleicht fliegt Herrn Benko sein Imperium irgendwann auseinander, aber in dieser Ausgabe konnte die Wiwo ihm nichts Illegales belegen. Stattdessen lamentierte die Autorin gleich am Anfang dass Herr Benke einen "Katalog von 54 Fragen" nicht beantworten wollte. Das macht man in der Regel, um sich gegenüber der Redaktion zu rechtfertigen, und was sagt uns das? Dass es viele unbeantwortete Fragen gab. Und dass eine Geschichte dann ziemlich unfertig ist.
Bei solchen Themen ist die aktive Unterstützung von Chefredakteuren gefragt: Man muss ein Team bilden, um den ersten Spuren nachzugehen. Man muss weiter Fakten sammeln und die Recherchen ausdehnen. Wenn Benke nichts sagen will, muss man andere finden, die etwas sagen. Und die Geschichte darf erst gebracht werden, wenn sie wirklich "rund ist". Ich weiß nicht, ob und wie sich Miriam Meckel mit dieser - glaube ich - ersten investigativen Gechichte seit ihrem Amtsantritt beschäftigt hat. Vielleicht hat der Justititar manches rausgenommen. Aber im Ergebnis war das eine verschenkte, ziemlich dünne Geschichte, die so gar nicht zum Ruf von Frau Meckel passt. Immerhin hat sie eines bei mir schon erreicht Ich bin gespannt auf die nächsten Hefte.


Montag, 16. Februar 2015

Was kommt nach der Ukraine? Der Westen muss sein Abschreckungskonzept erneuern.

Vor etwa einem Jahr habe ich zur Ukraine folgendes geschrieben:
"Russland wird die einmal geweckte nationale Begeisterung dazu nutzen, in den nächsten Monaten, vielleicht Jahren, alles zu tun, um die Ukraine zu destabilisieren," siehe HIER. Solange, bis ihm die Ukraine wie ein reifer Apfel in den Schoß fällt. Bislang sehe ich mich bestätigt.
Der Waffenstillstand wird nicht lange halten, er ist ja jetzt schon wieder brüchig. Die Teilung des Landes ist nicht zu stoppen. Und vielleicht ist das erst der Anfang. Vielleicht wird das ganze Land bald den "prorussischen Separatisten" gehören, oder glaubt jemand ernsthaft, sie würden sich mit einer kleinen Region zufrieden geben, wenn sie erst einmal siegreich auf dem Vormarsch sind? Putin wird sie nicht daran hindern, denn Putin will sich die Ukraine einverleiben, das muss man so klar sehen.
Europa hat dem nichts entgegenzusetzen außer ein paar weiteren Sanktionen. Noch die schlimmsten Diktaturen wurden durch Sanktionen nicht aus dem Amt geworfen. Selbst amerikanische Waffenlieferungen würden wohl wenig nützen. Denn die Ukraine hat nicht nur irgendwelche Cowboy-Separatisten, sondern die geballte Militärmacht Russlands gegen sich. Georgien hat das bereits 2008 erlebt. Einem Einmarsch Russlands hätte die Ukraine nichts entgegenzusetzen.

Das Liebeswerben der Putin-Versteher muss aufhören. Die Chuzpe, mit der der russische Botschafter Wladimir M. Grinin bei Günther Jauch regelmäßig Putins Desinformation verbreiten darf, muss entlarvt werden als das was sie ist: Reine Propaganda, die sich immer wieder verblüffend den Sprachgebrauch des Westens zu eigen macht. Selten hat ein bedeutender Regierungschef so frech gelogen wie Wladimir Putin. Der letzte, an den ich mich erinnere, war Walter Ulbricht: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen".

Putins Russland versteht, so traurig es ist, wohl nur eine Sprache: Militärische Stärke, auch ohne die finale atomare Abschreckung. Diese Stärke und Wachsamkeit testet die russische Luftwaffe seit einem Jahr mit provokativen Flügen immer wieder aus. Schließlich kennt man in Moskau die deutschen Medienberichte über flugunfähige Flugzeuge, unbrauchbare Hubschrauber und kaum einsatzbereite Panzer. Wenn Putin die Nato als zu schwach einstuft, um zu intervenieren, wird er sich nicht aufhalten lassen in seinem offensichtlichen Ziel, den seiner Meinung nach größten Gau in der Geschichte Russlands, den Zerfall der Sowjetunion, wieder wettzumachen.  Die inzwischen in die Nato eingegliederten osteuropäischen Staaten sorgen sich zu Recht.
Der Vergleich mit Hitlers Annexion Österreichs und anschließend der stückweisen Besetzung der Tschechoslowakei unter Bruch des Münchner Abkommens ist keineswegs weit hergeholt. Freilich sollte Putin in seiner maßlosen Selbstüberschätzung nicht Hitlers Fehler wiederholen, die Toleranz seiner friedliebenden Gegner zu unterschätzen. Irgendwann kommt der Punkt, wo der Rubikon nicht überschritten werden darf. Die Nato ist noch längst kein stumpfes Schwert, sie wird im Ernstfall ihren Auftrag wahrnehmen, Mitgliedsländer vor einem Angriff von außen zu schützen.
Allerdings muss die Nato Putins Strategie etwas entgegensetzen. Die Annexion der Krim und das Einsickern nicht gekennzeichneter Truppen mit schnellem Referendum war ein ziemlich guter Trick, der in den militärischen Lehrbüchern des Westens bislang nicht vorkam. Und da kommt schnell die Frage auf: Wie belege ich einen Angriff von außen auf ein Nato-Mitgliedsland, das durch innere Destabilisierung in Bürgerkriegszustände mit unklaren Verhältnissen versetzt wird, begleitet von einer unglaublich Desinformations-Kampagne? Beispiel Lettland: Dort waren bei der letzten Volkszählung 26,9 Prozent der Bevölkerung Russen. Plus 3,3 Prozent Weißrussen und 2,2 Prozent Ukrainer. Was wäre, wenn beispielsweise in Lettland diese starke russische Minderheit von russischen Infiltranten aufgehetzt würde? Und dann behauptet, unterdrückt zu werden und sich bewaffnet?

Hier muss Russland klar signalisiert werden, dass eine Wiederholung des russischen Vorgehens in der Ukraine nicht hingenommen, sondern als kriegerischer Akt gesehen wird. Die Nato, die jetzt immerhin schon eine schnell reagierende "Speerspitze" für Krisenfälle gebildet hat, muss jetzt dringend aufrüsten, und das gilt vor allem für die einst starke Bundeswehr, die so kaputtgespart worden ist, dass sie im neuen kalten Krieg zur Lachnummer werden würde. Wer Sicherheit produzieren will, der muss technologisch vorn sein und über eine exzellente Ausrüstung verfügen - in der Luft, zu Wasser und auf dem Lande. Geld genug ist dafür da.
Ja, es ist schlimm, solche Szenarien überhaupt zu denken, aber wer konnte sich vor wenigen Jahren vorstellen, dass Putin eiskalt Völkerrecht bricht, in ein Nachbarland eindringt und einen ganzen Landstrich einfach annektiert. Der Einfall russischer Truppen in Georgien 2008, der etwa 850 Tote forderte, hätte uns schon wachrütteln müssen.

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Montag, 9. Februar 2015

Der neue Spiegel-Titel "Wohin mit dem Geld?" Und warum Tenhagens Finanztip "eine kleine Provision" erhält

Ich bin seit über 30 Jahren Spiegel-Abonnent und habe den Spiegel stets für eine Institution gehalten, die im deutschen Meinungsspektrum unübersehbar wichtig ist. Doch diese Reputation bekommt immer mehr Kratzer. Soeben lese ich die neue Spiegel-Titelgeschichte "Wohin mit dem Geld?", ein Thema, das offensichtlich auch die gutverdienenden Spiegelredakteure bewegt. Autor ist Wirtschafts-Ressortleiter Armin Mahler, der starke Mann in der Mitarbeiter-KG, die den letzten Chefredakteur Büchner weggeschossen hat.
Von Mahler und dem Spiegel hätte ich nun wirklich substanzielleres erwartet als diesen ziemlich oberflächlich zusammengeschriebenen Beitrag. Man hat das Gefühl, Mahler wusste schon beim Schreiben, dass er wenig Erhellendes beitragen kann. Und dann noch ellenlange Werbe-Zeilen für Hermann-Josef Tenhagens neue Publikation, einem "Verbraucherportal" namens "Finanztip". Wäre früher echt tabu gewesen. Ausführlich wird dargestellt, von wem der "Finanztip" Investorengeld bekommen hat (wieso ist das für den Titel "Wohin mit dem Geld" wichtig?), und dass er für die Vermittlung von Usern an Finanzdienstleister "eine kleine Provision" erhält. Ansonsten wollten die ehemaligen Investmentbanker keinen Gewinn machen. Kaum zu glauben, aber das steht alles in dieser Geschichte. Man erfährt auch, warum: Tenhagen, laut Spiegel "Deutschlands bekanntester Verbraucherschützer" und bis vor kurzem langjähriger Chefredakteur von "Finanztest", ist seit kurzem Kolumnist bei "Spiegel Online", was Mahler ausdrücklich erwähnt. Und - auch kaum zu glauben:  "Seine Medien-Präsenz in Spiegel Online soll helfen, das neue Verbraucherportal Finanztip bekannter zu machen". Tenhagen, Im digitalen Spiegel sogar als Videoclip zu sehen,  darf dann noch drei coole Ratschläge loswerden: Schulden tilgen ist besser als anlegen,Tagesgeldkonto ist besser als Dispokredit und schließlich noch checken, welche Altersvorsorge gefördert wird... Lieber Herr Tenhagen, ich bin beeindruckt.
Diese Titelgeschichte hätte in jedem Regionalblatt stehen können, sie ist eine Ansammlung von Banalitäten, dekoriert mit den üblichen Zitategebern, unter anderem Kostolanys Ex-Partner Gottfried Heller und zwei Bestseller-Crashpropheten, die Aktien für Teufelszeug halten und mit Ihrem Untergangsbuch viel Geld verdient haben. Sie verdienen jetzt als Honorarberater ihr Geld. Solchen Leuten eine Plattform zu geben, ist schon kühn.
In dieser Titelgeschichte steht nichts, was wir nicht alle schon gelesen haben.
Der Spiegel hätte die Chance gehabt, daraus eine Aktien-Titelgeschichte zu machen: Internationale, dividendenstarke Aktien zu analysieren und den Trend bei Anlegern, die Altersvorsorge selbst in die Hand zu nehmen, zu reflektieren. Mahler hätte sich aus den USA Anlage-Strategien liefern lassen können, internationale Märkte untersuchen können. Er hätte ein Interview mit Warren Buffet oder anderen großen und erfolgreichen Investoren führen und mit langjährigen Statistiken zeigen können, dass Aktienrenditen von jährlich sechs bis acht Prozent inklusive aller dazwischen liegenden Crashes über einen Zeitraum von 20 Jahren belegbar sind. Er hätte die Erfolgsgeschichte von ETFs und ihre einfache Handhabung für emanzipierte Geldanleger zeigen können. Das alles habe ich in dieser Titelgeschichte vermisst. Das andere Zeug, niedrige Zinsen, Tagesgeld, Lebensversicherungen, Anleihen ohne Rendite, das kennen wir doch alles.
Nun, auch Titelgeschichten können mal daneben gehen. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass es sich hier um einen Ausrutscher handelt. Zu diesen redaktionellen Schwächen kommt nämlich eine strategische Ratlosigkeit hinzu - kein Wunder, wenn die Mitarbeiter bei allen Strategien immer die Mehrheit haben. So funktioniert weder Expansion, noch Neuausrichtung und Umstrukturierung. Irgendwann fährt man dann an die Wand. Die Frage ist nämlich auch, ob das Geschäftsmodell des Nachrichtenmagazins in einer Zeit noch stimmt, in der Nachrichten als homogenes Gut überall zu haben sind, und zwar kostenlos. Der Spiegel hat meines Erachtens die Folgen der Digitalisierung noch nicht verarbeitet. Beim Spiegel gibt es nichts, was andere nicht auch längst haben. Der Spiegel bleibt irgendwie stehen - Online wie in der Printausgabe.
Spiegel Online war mal ganz vorne, inzwischen erhalte ich die gleichen Push-Nachrichten von Focus (meist schneller), von FAZ.net, vom Handelsblatt, vom Tagesspiegel - und wenn ich wollte noch von vielen anderen. Was könnte man alles aus der Marke machen. Wie wäre es mit einem Ideenwettbewerb von Startups?

Für mich ein weiterer Beleg dafür, dass es mit dem Spiegel abwärts geht - leider.
Früher setzte der Titel eigene Themen auf das Titelblatt, die wirklich neue Erkenntnisse brachten. Snowden war das letzte Ereignis dieser Art - aber dann auch bis zum letzten portionsweise ausgeschlachtet und als Dauerenthüllung immer wieder von Halde genommen. Heute rennt die Redaktion den Themen hinterher, die täglich in allen Medien zu lesen sind. Man muss das nicht unbedingt kaufen, um informiert zu sein.
Und dann liest man vorab die vom Spiegel verbreiteten Agenturmeldungen online in allen Medien. Anders als früher sind die Online-Vorabmeldungen sofort überall verfügbar. Früher erschienen sie am nächsten Tag in gedruckten Medien, was weniger störte. So ist heute das, was als Spiegel-Print erscheint, sozusagen der "Rest". Und Reste muss man nicht haben.

P.S. Der Einzelverkauf des Spiegel ging 2014 im Vorjahresvergleich um rund 24.000 Exemplare auf jetzt nur noch 223.401 Exemplare zurück, also um mehr als 10 Prozent. Das Vorziehen des Erscheinungstermins auf den Samstag wird diese Entwicklung nicht aufhalten, im Gegenteil. Ich halte diese Not-Maßnahme für eine Fehlentscheidung.

Freitag, 6. Februar 2015

Milliarden und die ewigen Crash-Ängste

Ich erinnere mich an Umfragen des Allensbach-Insitutes einige Jahre nach der Wiedervereinigung in den neunziger Jahren. Damals wurden die Bundesbürger in den neuen Bundesländern regelmäßig gefragt, wie es ihnen persönlich und wie es ihrer Ansicht nach der ostdeutschen Bevölkerung insgesamt gehe. Die Antwort war mehrheitlich stets: "Mir persönlich geht es gut, aber dem Land geht es schlecht.“ Im Juli 2012 berichtete der Spiegel über eine repräsentative Umfrage in Deutschland:"69 Prozent der Befragten antworteten mit „Ja“ auf die Frage, ob sie sich angesichts der Euro-Krise ernsthafte Sorgen um deutliche Preissteigerungen machen würden“. Und wie sieht es heute aus? Keine Spur von Inflation, im Gegenteil, erstmals sinken die Preise, wir steuern auf eine Deflation zu.

Klar, wenn ich jeden Tag in den Medien lese, wie schlecht es Deutschland geht, fange ich irgendwann an, es auch zu glauben, selbst wenn es mir persönlich gut geht.

Deutschland steht so gut wie noch nie da. Niedrigste Arbeitslosigkeit, Null Inflation, sinkende Spritpreise, ausgeglichener Staatshaushalt und glänzende Erfolge deutscher Unternehmen. Zwischen 4000 und 8000 Euro schütten deutsche Autokonzerne zusätzlich an ihre Mitarbeiter aus. Dividendenstarke deutsche Aktien schlagen Anleiherenditen - wie schön!

Trotzdem lesen wir täglich nur von Crash-Gefahren, Börsenabstürzen, Inflationsgefahren, Pleitegefahren, Eurogefahren. Es ist als ob wir in einem wirtschaftlich vor dem Abgrund stehenden Land leben. Wie bizarr nach 70 Jahren Frieden und Prosperität, geglückter Wiedervereinigung und europäischer Einbindung.

Wir Deutschen sind eben laut Sloterdijk eine „Sorgengemeinschaft“. Die gefühlten Sorgen werden von vielen Medien mit immer neuen Warnungen gefüttert. Der amerikanische Bestsellerautor und Vermögensverwalter Ken Fisher schreibt über die Deutschen: "Jahrelang haben sie über zu hohe Ölpreise, teure Spritkosten und hohe Heizkosten gejammert. Nun sind die Ölpreise drastisch gefallen und wieder sehen die deutschen Medien „Warnsignale“ statt dieses unerwartete Konjunkturprogramm einmal zu feiern.“

Mir sagte gestern ein bei einer renommierten Zeitung arbeitender Online-Journalist: „Man muss zugeben, dass negative Artikel 90 Prozent mehr Klicks erzeugen als positive Nachrichten“.

Was folgt daraus? Man kann die Zahl der Klicks mit jeder „Sorgenmeldung“ maximieren - damit Anzeigenkunden eine höchstmögliche Reichweite bekommen. Dass „bad news“ interessanter sind als „good news“ wussten wir schon immer. Neu ist, dass das Internet diese alte Erkenntnis exorbitant verstärkt, gerade in Deutschland.

Die Eurokrise und die Schuldenkrise sind ein ideales Spielfeld dafür. Man muss nur mit den Milliarden um sich werfen und schon erschrecken alle: Milliarden Rettungspakete, Billionen Schulden, Geldflut der EZB. Aber das sind alles nur Zahlen. Zahlen sind mathematische Größen.

Hätten wir uns vorstellen können, dass laut Professor Klaus Schröder nach der Wiedervereinigung mehr als 2000 - in Worten: zweitausend) Milliarden Euro in die neuen Bundesländer geflossen sind? HIER in FAZ.net nachzulesen.

Schröder: "Die Zahl ergibt sich, wenn man alle Transfers addiert, die aus der EU und den westdeutschen Bundesländern in die infolge der Wiedervereinigung hinzugekommenen neuen Länder seit dem Jahr 1990 geflossen sind. Dazu zählen Sozialtransfers, wie zum Beispiel Renten, die etwa zur Hälfte über westdeutsche Beitrags- und Steuerzahler finanziert werden, aber auch Subventionen, Fördergelder und Mittel aus dem Länderfinanzausgleich.“ Ist unser Land deswegen zusammengebrochen? Nein, im Gegenteil!

Zahlen sind oft Schall und Rauch, wichtiger sind die Prozesse, die dahinter stehen und der Bezugsrahmen. Wenn Griechenland gerade 2 Prozent der Wirtschaftsleistung in Europa abbildet, dann wissen wir auch, dass uns das nicht umhauen kann. Auch die Verschuldung eines Staates sagt alleine nichts aus. Entscheidend ist, dass die Wirtschaftsleistung groß genug ist, um die Zinsen zu zahlen. Die vielzitierte Pro-Kopf-Verschuldung deutscher Städte ist alleinstehend eine völlig sinnlose Zahl, wenn man ihr nicht das Pro-Kopf-Einkommen gegenüberstellt.

Vergessen Sie Inflation, Geldentwertung und was Ihnen sonst noch alles prophezeit wird. Es wird weder eine Hyperinflation noch einen Grexit geben, im Gegenteil, Europa muss und wird noch mehr zusammenwachsen. Mit Griechenland, trotz Griechenland.

Montag, 2. Februar 2015

Warum wird Deutschland so angefeindet? Eine Antwort

Ich habe mir viel Kritik mit meinem Standpunkt eingehandelt, dass Griechenland geholfen werden muss, insbesondere mit diesem Kommentar auf "Tichy´s Einblick". Das Einprügeln auf Draghi, den Euro und vor allem auf die Griechen ist auch in vielen Medien zum Standard geworden, auch wenn sich langsam die Berichterstattung versachlicht. Mir fehlt bei dieser ganzen Diskussion politisches Denken. Wenn es ums Geld und um Schulden geht, verstehen die Deutschen eben keinen Spaß. Aber Europa ist eben mehr als ein Geldgebilde, deswegen kann es nicht nur ums Geld gehen. Die Europäische Union ist ein Friedenskonzept, in dem Deutschland seine Nachkriegsrolle gefunden hat. Aber nicht als dominanter Riese, Schlaumeier und Musterschüler, sondern als Partner unserer Nachbarn.
Heute meldet das Ifo-Institut, dass Deutschland 2014 einen neuen Rekord bei seinem Exportüberschuss aufgestellt hat. Mit einem Überschuss von 285 Milliarden Dollar - doppelt so viel wie die nächstplatzierten China und Saudi-Arabien zusammen wurden sämtliche Höchstwerte der Vergangenheit übertroffen. Dieser Überschuss in der Leistungsbilanz enthält Waren und Dienstleistungen, also alle Transfers zwischen Deutschland und der Welt  - in beide Richtungen. Es ist die Differenz zwischen dem, was wir anderen liefern und dem, was wir importieren, in Dollarpreisen gerechnet.
Warum können wir darauf nicht stolz sein? Zum einen, weil diese ungeheure Differenz zeigt, dass wir auf unserem Geld sitzen, statt in anderen Ländern einzukaufen.
Überschüsse in dieser Höhe sorgen für Instabilität. So schön die Exporterfolge deutscher Unternehmen sind, wenn wir unser Geld nicht auch in gleicher Höhe für Importe ausgeben, wird unsere Währung zunehmend belastet und Europa gespalten.
Zum Zweiten, und das ist die politische Gefahr: Die wirtschaftliche Stärke Deutschlands weckt zunehmend den Neid unserer Nachbarn. Eigentlich müsste unsere Währung aufwerten, um diesen Exportüberschuss auszugleichen, aber im Euroverbund geht das nicht. Würde der Euro aufwerten, ginge die Differenz auch zurück, aber das wäre wiederum fatal für die schwächeren Euroländer. Mit Draghis Anleihekäufen hat der Euro sogar gegenüber dem Dollar kräftig abgewertet. Das stützt die Exporte aller Länder in Drittländer. Es hilft den Südländern, es stimuliert allerdings auch die deutschen Exporte weiter. Nur dann, wenn Deutschland seine Importe massiv erhöht, kommt wieder Stabilität in das Euro-System. Im Ergebnis geht es darum, dass die Deutschen bei ihren Nachbarn mehr einkaufen. Und dafür brauchen sie entweder Steuersenkungen oder kräftige Lohnerhöhungen, am besten beides.

Der bekannte deutsche Ökonomieprofessor Michael Burda (Humboldt-Universität Berlin) hat dazu im britischen "Telegraph" im April 2014  folgendes gesagt (gefunden bei Heiner Flassbeck):

… das Kernproblem der Eurozone ist Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss – mehr als 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – und flache Löhne seit einem Jahrzehnt. ‘Deutschland muss weniger wettbewerbsfähig werden oder die Eurozone wird nicht überleben. Man kann einfach nicht in alle Ewigkeit sparen. Das ist Merkantilismus und wir werden das nicht mehr tun. Alles, was Deutschland tun muss, ist, seine Bürger glücklicher zu machen durch die Steigerung ihrer Löhne’,
Michael Burda ist nicht irgendeiner, der hier Lohnsteigerungen fordert, ist US-amerikanischer Makro-Ökonom und Vorsitzender des konservativen deutschen "Vereins für Socialpolitik".
Inzwischen beträgt der Leistungsbilanzüberschuss sogar 7,5 Prozent unserer Wirtschaftsleistung, die Lage hat sich also weiter verschärft.

Es ist schlimm zu sehen, wie diese Zahlen inzwischen eine Allianz der Deutschland-Gegner in Europa stimulieren, die das alles Angela Merkel in die Schuhe schieben. Angela Merkel und vor allem ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble folgt nur den eingefahrenen Ritualen der inzwischen einflusslosen Bundesbank. Aber sie muss umsteuern, bevor in Europa immer mehr Extremisten das Sagen haben.