Freitag, 28. August 2015

Newsgetriebene Printmedien sollten komplett auf Online-Publishing umstellen.

Ich bewundere die Kolleginnen und Kollegen, die mit Phantasie und harter Arbeit alles dafür tun, um ihr jeweiliges Medium in diesen schwierigen Zeiten zu erhalten. Sie schreiben auf allen Kanälen, twittern, teilen - und stehen permanent unter Druck, unter Erfolgsdruck. Wenn man die neuen Anzeigenstatistiken liest, kann mancher Redaktion Angst und Bange werden: Bild am Sonntag zum Beispiel verliert laut Meedia (Januar bis Juli) gegenüber Vorjahr über 23 Prozent, Computerbild über 16% und Autobild über 13 Prozent und der Spiegel über 6 Prozent. Wer die Margen kennt weiß, dass diese Zahlen dramatisch sind. Dass die Publikumszeitschriften insgesamt nur 3,7% verloren haben ist nur ein schwacher Trost, denn die ausgewiesenen Bruttoanzeigen geben durch viele Eigenanzeigen ein geschöntes Bild ab, und die Umsätze sind durch viele Rabatte weit geringer als hier angegeben.
Es fällt auf, dass eine Kategorie am meisten mit dem Internet zu kämpfen hat: Das sind newsgetriebene Zeitungen und Magazine. Medien wie "Landlust" "Geo" oder "Beef" werden als Coffetable Magazine noch lange als Printausgabe überleben. Tageszeitungen, Nachrichtenmagazine und Wirtschaftszeitungen sollten sich langfristig auf reines Online-Publishing einstellen.

In den Unternehmen gewinnen immer mehr Online-Marketing-Spezialisten die Oberhand, die nur noch von "Content-Marketing" reden. Diese Fachrichtung ist so ziemlich das unintellektuellste, was im Internet entstanden ist. Aber sie gibt den Takt vor. Da werden tausend Räder gedreht um irgendwelche Inhalte zu verwirbeln, die Texte werden nicht mehr journalistisch geformt sondern im Wording google-optimal formuliert. Das Ziel bei der Produktion von Werbe-Videos sind nicht mehr die "Views" sondern das "Engagement", also das Teilen des Videos. Dafür werden in den USA schon Milliarden ausgegeben. In der Mühle des Content-Marketing sind inzwischen fast alle gelandet, die Journalisten müssen sich mit ihren "schönen Geschichten" da manchmal wie die letzten Mohikaner vorkommen.
Um Werbung zu generieren, machen es die Verlage ähnlich, ja fast noch schlimmer. Klickzahlen zählen und sonst nichts. Das wird auch immer mehr zum Wegweiser für die Online-Journalisten. Früher konnte man ja nicht feststellen, wie viele Leser der eigene Artikel generiert hat. Heute weiss man es in real time, und das verführt natürlich auch dazu, Klick-Prioritäten zu setzen.
Videos werden dabei immer wichtiger. Allerdings kaufen die meisten Portale spektakuläre Videos ein, statt sie selbst zu produzieren. Die Online-Journalisten brauchen die Videos dann nur noch auszuwählen, einzustellen und zu messen. Ach ja, und dazu braucht man keine journalistische Ausbildung, das kann auch jeder Content-Marketingmanager. Kein Wunder dass der Erfolgssender RTL jetzt beschlossen hat, verstärkt in Video-Produktionen zu investieren. Da ist noch ein gewaltiger Markt. Wo bleiben dann die Schreiberlinge? Ach ja, es gibt ja noch die ZEIT, die gelassen und intellektuell vor sich hinsegelt und mit Zeit Online den ganzen Nachrichtenstress einfach ausgelagert hat.
Aber wo bleibt denn da der "Qualitätsjournalismus", von dem am liebsten die Medien und ihre Chefs reden?  Es stellt sich immer wieder die Frage: Wie lange wird es noch gedruckte Zeitungen und Magazine geben? In den USA erscheinen renommierte Blätter wie US News&World Report" nur noch online (die letzte Printausgabe erschien 2010). Ich bin sicher, es wird schon in den nächsten drei Jahren bedeutende Blätter geben, die voll auf Online umstellen. Wenn sie keine eigenen Druckereien beschäftigen müssen, können sie damit eine Menge Geld sparen.

Ich habe in meiner jungen beruflichen Umgebung das Gefühl, dass ich der einzige bin, der morgens noch eine gedruckte Zeitung liest. Alle die ich kenne, informieren sich online. FAZ und Handelsblatt habe ich als E-Paper und als Print abonniert, weil ich dann abends schon lesen kann, was am nächsten Tag im Blatt steht. Aber was habe ich damit gewonnen? Wenn ich die FAZ abends online lese, dann langweilt sie mich am Morgen als Printausgabe. Also lese ich für mich doch lieber Print am morgen und informiere mich geschäftlich am Abend vorher, ob relevantes für meinen Job drin steht. In dieser Kombination funktioniert es ganz gut.
P.S. Den Spiegel nutze ich übrigens nur noch als E-Paper.

Donnerstag, 13. August 2015

T-Online.de: das größte Online-Nachrichtenportal geht an einen Werbevermarkter


Diese Nachricht ist eine Sensation:  Der Werbevermarkter Ströer SE kauft Deutschlands mit Abstand erfolgreichstes Nachrichtenportal T-Online und gleich den drittgrößten Onlinevermarkter InteractiveMedia mit dazu. Und das für einen Spottpreis von 300 Millionen Euro, zahlbar mit eigenen Aktien.
Ströer war früher ein Plakatkleber und-vermarkter, heute ist es ein moderner Werbekonzern, der außerordentlich erfolgreich die Digitalisierung vorangetrieben und umgesetzt hat. "Die Ströer Gruppe ist einer der großen Anbieter für Out-of-Home- und Online-Werbung und bietet den werbungtreibenden Kunden individualisierte und voll integrierte Premium-Kommunikationslösungen an", so die Positionierung.
2016 erwartet das Unternehmen bereits einen Umsatz von 1 Mrd. €. T-Online seinerseits hat eine riesige Redaktion von etwa 120 Mitarbeitern aufgebaut und mittlerweile zum größten Nachrichtenportal entwickelt. Das ist bemerkenswert insofern, als sich hier erstmals ein deutsches Industrieunternehmen als Verleger versucht hat. (Wir erinnern uns, dass Amazon-Gründer Jeff Bezos in den USA die Washington Post gekauft hat, um sie digital erfolgreicher zu machen). T- Online erhält im Zuge neu auszugebender Aktien einen Anteil von 11 bis 13 Prozent. "Der konsolidierte Umsatz des Portalgeschäfts von t-online.de und des Online-Werbevermarkters InteractiveMedia wird 2015 mehr als 100 Millionen Euro betragen", heisst es in einer Pressemitteilung.

Im Februar berichtete Jens Schröder von Meedia:

"438,3 Mio. Visits erreichte T-Online im Januar – ein sagenhaftes Plus von 65,7 Mio. im Vergleich zum Dezember. Zum Vergleich: Nur 16 Angebote erreichten im Januar insgesamt mehr als 65,7 Mio. Visits – von einem solch großen Wachstum ganz zu schweigen. T-Online ist im Übrigen nach wie vor ein Negativbeispiel für IVW-Transparenz. Denn: Unter dem Dach von T-Online wird nicht nur T-Online.de mit gemessen, sondern auch Giganten wie Autoscout24 und Immobilienscout24, Seiten wie Videoload, Wetter.info, Erotic-Lounge.com und viele mehr."

Zu dem Deal kommentiert Ströer auf seiner Website:

Mit der Akquisition von Deutschlands führendem Internetportal t-online.de (laut AGOF) und Deutschlands TOP-3 Onlinevermarkter InteractiveMedia (laut AGOF) macht Ströer den entscheidenden Schritt zum digitalen Multi-Channel-Medienhaus. Damit erreicht das Unternehmen eine weitere, wesentliche Stufe im Rahmen seiner Digital-Strategie und generiert ein starkes Wachstumsmoment für die kommenden Quartale.

Wie muss man diesen Deal beurteilen? Dass deutsche Großverlage nicht zum Zuge gekommen sind - wenn sie überhaupt mitgeboten haben, hängt sicher damit zusammen, dass man recht große eigene Nachrichtenportale und auch eigene Vermarktungsfirmen hat. Aber für diesen Preis hätte sich ein Engagement allemal gelohnt - und sei es, um den Markt zu konsolidieren. Möglich aber auch, dass das vorab sicher eingeschaltete Kartellamt Einspruch signalisiert hat, wenn sich etwa Bild.de mit T-Online verschmolzen hätte. Es kommt hinzu, dass Nachrichten im Grunde ein homogenes Gut sind, das meist kostenlos zu haben ist. Nachrichtenportale brauchen riesige Klickzahlen, um überhaupt Gewinn zu machen. Werbung wird hier, wie man hört,  pro Banner seltener angeklickt als in Portalen mit spezifischen Informationen und demzufolge höheren Umwandlungsergebnissen.
Wie hoch der Anteil von T-Online.de am Umsatz von 100 Millionen ist , wird nicht publiziert, offensichtlich geniert man sich, diese Zahlen öffentlich zu nennen, weil sie noch nicht wirklich überzeugen. 
Mit dem Eigentümer Ströer erwächst den Verlagen jetzt jedenfalls eine weit härtere Konkurrenz. Ströer braucht nicht mehr Rücksicht auf Geschäfte der Telekom mit den Verlagen zu nehmen. Es hat sich jetzt mit einem Schlag eine durchschlagende Ergänzung seines Werbeangebots gesichert. Ich bin gespannt, wie ein solches Unternehmen mit der überraschten Redaktion umgeht.