Samstag, 19. März 2016

Quo vadis Mathias Döpfner und Friede Springer?

In der aktuellen Ausgabe des Manager Magazins zeichnen Gisela Freisinger und Lutz Meier ein spannendes Bild der Lage in diesem großen Verlagshaus. Die Geschichte ist filmreif, selbst wenn sie nicht in allen Einzelheiten stimmen sollte. Eine Kurzversion ist online nachzulesen bei Peter Turi.

Die Autoren sind renommiert. Lutz Meier ist ein Insider im Mediengeschäft. Gisela Freisinger eine der besten Porträt-Autorinnen. Ich erinnere mich an ein fabelhaftes 9-Seiten-Porträt von Gisela Freisinger über Wolfgang Reitzle in CAPITAL, als dieser nach seinem Weggang von BMW für Ford die Premier Automotive Group (PAG) mit den Luxusmarken Jaguar, Aston Martin, Volvo, Land Rover, Lincoln und Mercury leitete. BMW sei ein "Scheißladen" zitierte sie ihn, was ihn damals wahnsinnig aufregte, weil er sie gebeten hatte, das nicht zu schreiben. Ich glaube deshalb den Autoren ihre Geschichte, auch wenn sie für Mathias Döpfner und Friede Springer sehr unangenehm ist.

Der Axel Springer-Verlag stand mir immer recht nahe. Mit einem Volontoriat bei der Berliner Morgenpost, die inzwischen mit anderen Traditionszeitungen an die Funke-Mediengruppe verkauft wurde, habe ich meine journalistische Laufbahn begonnen. (Übrigens: Der Betriebsrat klagte damals gegen meine Einstellung, um den Tendenzschutz des Verlages für Volontäre aufzuheben. Der Tendenzschutz erlaubt jedem Verleger, seine Redakteure zur Einhaltung politischer Vorgaben zu verpflichten. Der Betriebsrat hat hier kein Mitbestimmungsrecht. Mein Fall ging bis zum Bundesarbeitsgericht, und Springer gewann.) Verständlich also, dass mich die Entwicklung im Hause Springer immer sehr interessiert hat.
Es geht darum, wie die 73jährige Friede Springer ihre Zukunft plant - vielleicht ohne (meinen früheren Praktikanten, dem damaligen Assistenten von Gert Schulte-Hillen) Mathias Döpfner, der von ihr in den vergangenen Jahren wie ein Ziehsohn behandelt wurde. Zuletzt schenkte sie ihm zwei Prozent der Aktien im Wert von 73 Millionen Euro. Alles sah danach aus, als ob Döpfner das Lebenswerk von Axel Springer in die Zukunft überführen sollte. Er hatte das volle Vertrauen von Friede Springer.
Irgendwas scheint sich jedoch im Verhältnis zwischen den beiden verändert zu haben. Laut MM hat Friede Springer offensichtlich das Gefühl, von Döpfner allzu abhängig zu sein. Sie scheint inzwischen ihrer langjährigen Freundin und Notarin Karin Arnold mehr zu vertrauen, als dem Vorstandsvorsitzenden, obwohl sie dessen Vertrag kürzlich erst um 5 Jahre verlängert hat. Jetzt gilt wohl eher: Divide et impera - teile und herrsche.

Arnold ist mit Friede Springer im Vorstand jener Stiftung, in die die Erbin von Axel Springer laut FAZ ihre Anteile am Verlagshaus einbringen will. Ein ähnliches Modell wie bei Bertelsmann, das feindliche Übernahmen verhindern und die Zukunft des Medienhauses sichern soll.
Friede Springer hält laut FAZ "ihre Beteiligung derzeit zum einen in der Axel Springer Gesellschaft für Publizistik GmbH & Co. KG, die mit 47,3 Prozent am börsennotierten Springer-Konzern beteiligt ist. Diese Gesellschaft gehört ihr zu 90 Prozent. Zum anderen hält sie direkt Anteile am Konzern in Höhe von 5,1 Prozent. 

Döpfner wollte die AG in eine KGaA umwandeln. Das hätte den Vorteil gehabt, ähnlich wie im Stiftungsmodell die Macht von Friede Springer durch Stimmrechtsbeschränkung zu sichern und trotzdem Kapitalerhöhungen zur Finanzierung neuer Wachstumsfelder durchzusetzen. In der jetzigen Rechtsform der AG bedeutet jede Kapitalerhöhung eine Verwässerung der Anteile von Friede Springer. Doch die hatte "kein gutes Gefühl" (so in einem dpa-Interview) bei Döpfners Vorstoß und ließ ihn damit auflaufen. Ein echtes Desaster. Friede Springer soll laut MM "extrem nervös, ja regelrecht verzweifelt" sein.

Dabei steht der Verlag seinen Zahlen zufolge blendend da: An die Aktionäre werden 194,2 Millionen ausgeschüttet. "Insgesamt erhöhte Axel Springer den Konzernumsatz im Geschäftsjahr 2015 um 8,5 Prozent. Das EBITDA legte im Vergleich zum Vorjahr um 10,2 Prozent zu. Die EBITDA-Rendite verbesserte sich auf hohem Niveau von 16,7 Prozent auf 17,0 Prozent. Das bereinigte Ergebnis je Aktie erhöhte sich um 10,3 Prozent."  Mathias Döpfner dazu: "Axel Springer ist heute einer der weltweit reichweitenstärksten Digitalverlage. Wir sehen erhebliches Potenzial für die langfristige Wertsteigerung unserer digitalen Aktivitäten".

Doch in letzter Zeit hat bei Döpfner vieles nicht mehr geklappt. Die sicher geglaubte Übernahme der Financial Times scheiterte an einem japanischen Konkurrenten. Die journalistische Digitalisierung scheint nach den großen Erfolgen mit Rubriken-Portalen ins Stocken zu geraten. Nur ein kleiner Teil der Leser von BILD und Welt will für Digitales zahlen. Deswegen will man sich jetzt auf  die "erfolgreiche Entwicklung unserer Investitionen konzentrieren".

Ich bin kein Insider und weiß nicht, wie es wirklich in der Top-Etage des Verlages aussieht. Die Gemeinheit der MM-Geschichte besteht in einer raffinierten Beschreibung des Privaten, aus der man Gründe für ein Auseinanderleben von Friede Springer und Mathias Döpfner ableiten kann. Döpfner hat sich laut MM "kürzlich" von seiner Frau Ulrike getrennt, der Tochter des früheren Vorstandes der Deutschen Bank, Ulrich Weiss.  Die "Industrieerbin und Kunstsammlerin" Julia Stoschek soll jetzt des Kunstsammlers und Multimillionärs Döpfner Neue sein. Und die etwas hämische Beschreibung seiner Lust an aufwändigen Immobilienobjekten und "eklektizistischer" Lust-Kunst lässt sicher manchen die Stirn runzeln.
Vielleicht ist es das, was Friede Springer zunehmend missfällt.  Sie ist immerhin die Patin des zweiten Sohnes der Döpfners. Vielleicht ahnt sie - auch aufgrund ihres eigenen Lebensweges - wie schnell sich Loyalitäten ändern können. Auch ziemlich beste Freundschaften können auseinander gehen.  Im "normalen Leben" kommt das so oft vor, dass kaum ein Hahn danach kräht. Für einen CEO mit so viel Vertrauen der Hauptgesellschafterin gibt es so ein normales Leben nicht.  Das Private ist in einem Familienunternehmen immer auch relevant für die Firma. Wenn hier leiseste Zweifel aufkommen und gleichzeitig wichtige strategisch Entscheidungen anstehen, kann es schnell zum Knall kommen. Man erinnert sich an den urplötzlichen Rauswurf von Thomas Middelhoff durch Liz Mohn, als er Bertelsmann für die Börse öffnen wollte, um die Digitalisierung des Konzerns zu beschleunigen.
Ich bin gespannt, wie sich das weiter entwickelt. Döpfner braucht jetzt Erfolge - ohne das eigentlich notwendige Wachstumskapital durch Kapitalerhöhung. Döpfner ist ein mutiger Unternehmer. Er hat Scharen von Managern und Chefredakteuren nach Silicon Valley einfliegen und BILD-Chefredakteur Kai Diekmann sogar dort eine Weile leben lassen. Sein Chef-Lobbyist Christoph Keese hat daraus ein ganzes Buch gemacht. Jetzt muss der Verlag die zweite Stufe der Digitalisierung zünden und zeigen, dass sich die Forschungsreisen gelohnt haben und einer "der reichweitenstärksten Digitalverlage" weiterhin in der Lage ist, innovative Wertschöpfungspotentiale zu heben. Denn die Digitalisierung, so sagen viele, hat eigentlich gerade erst begonnen.

Montag, 14. März 2016

AfD und die Folgen

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass mit Winfried Kretschmann und Malu Dreyer aus den Landtagswahlen zwei Sieger hervorgegangen sind, die in den letzten Wochen des Wahlkampfes zumindest verbal die Politik von Angela Merkel in der Flüchtlingsfrage unterstützt haben. Julia Klöckner und Guido Wolf, ihre CDU-Gegenspieler, haben sich dagegen mit Ihrem "Plan A2", der letztlich ähnlich wie die CSU u.a. Transitzonen vorgeschlagen hatte, von Angela Merkel distanziert, öffentlich vor allem sichtbar durch die Einladung von Horst Seehofer. Wer gegen Merkel war, hat dann gleich das Original gewählt, die AfD. Das ist die bittere Bilanz eines Streites innerhalb der Union, den Horst Seehofer mit seinen CSU-Vasallen angezettelt und bis zum letzten Tag geschürt hat. Gewonnen haben bei diesen Wahlen Persönlichkeiten, die ihr Fähnchen nicht nach dem rechten Wind ausgerichtet haben, sondern sich selbst treu geblieben sind.

Mit den zweistelligen Ergebnissen der AfD in drei Landtagen ist eine Stimmung in Deutschland manifest geworden, die Rechtsradikalismus verstärkt, selbst wenn man die AfD nicht generell als rechtsradikal bezeichnen will: "Man darf wieder sagen, was man denkt".  Das Irre ist ja, dass man in unserem Land immer sagen konnte, was man denkt, das Problem ist jedoch nicht das Sagen, sondern das Denken. (By the way: Dass einem Offizier der Bundeswehr erlaubt wurde, als Spitzenkandidat der AfD in Rheinland-Pfalz anzutreten, macht mich fassungslos.) Die AfD ist der Nährboden für rechtes Gedankengut, das wir viele Jahrzehnte kurz halten konnten. Die professionelle Nutzung des Internets sorgt nun dafür, dass sich diese Stimmung wie eine Pest ausbreitet. Wieviele Journalisten haben die übelsten Beschimpfungen im Netz erlebt, wenn sie sich für die Rettung von Flüchtlingen einsetzten? "Wir haben Nichtwähler mobilisiert" prahlt Frau Petry, und das ist sogar richtig: Die AfD lockt rechtsdenkende Leute hinterm Ofen hervor.
Undenkbares wird wieder gedacht.  Man darf wieder fremdenfeindlich sein. Das ist noch eine freundliche Umschreibung. In Wirklichkeit geht es vielfach um Ausländerhass und Rassismus. Die Sprache ist verräterisch: "Es ist die Sache der Polen, zu entscheiden, wie viele Flüchtlinge sie in ihrem Volkskörper haben wollen,“ so Alexander Gauland, stellvertretender AfD-Bundesvorsitzender, am 6. Januar 2016 zum Auftakt des Landtagswahlkampfes seiner Partei in Stuttgart. "Volkskörper"? Wer solche Begriffe benutzt, entlarvt seine wahre Gesinnung. In Berlin konnten schon wieder 3000 Rechtsradikale am Reichstag vorbeimarschieren.

Die internationalen Medien werden in diesen Tagen durchweg höchste Besorgnis zeigen. Ein wirtschaftlich extrem starkes Deutschland mit wachsendem Rechtspotential ist ein Unruheherd für ganz Europa. Die AfD wird ihr wahres Gesicht in den nächsten Monaten zeigen, wenn ihre Reden in den Landtagen protokolliert werden. Dann wird sich zeigen, wer da alles in die Landtage eingezogen ist und was diese Partei politisch an Lösungen zu bieten hat - oder auch nicht.
Mich persönlich hat übrigens erstaunt, wie straff diese neue Partei organisiert ist: Wie sie es aus dem Stand geschafft hat, überall Kandidaten aufzustellen, zeigt, dass hier kein vorübergehendes Phänomen entstanden ist, sondern eine Partei, die das Erscheinungsbild Deutschland nachhaltig verändern kann, und zwar nicht zum Guten. Jetzt wird es erst einmal Millionen aus der Staatskasse regnen. Das einzige Problem der AfD, die Finanzierungsfrage ist schon mal gelöst.

In Goethes Faust sagt Mephisto:

Ich bin... ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft. ...
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, dass es zugrunde geht;
Drum besser wär's, dass nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.


Will sagen: Die Verneiner wollen das Böse, aber schaffen letztlich das Gute, weil ihr Erstarken die Demokraten zusammenrücken lässt. Das ist die Hoffnung die wir haben können.


Donnerstag, 10. März 2016

Reaktionen auf meine Seehofer-Kolumne

Meine letzte Kolumne in Focus (Seehofer als Steigbügelhalter der AfD) hatte wieder starke Resonanz. Es dominierten die Kritiker, die sich in rund 160 Kommentaren äußerten. Wer die Befindlichkeit der Seehofer-Fans studieren möchte, dem sei die Lektüre dieser Kommentare empfohlen.

Hier ein paar Ausschnitte:

Eva Kopp schreibt: "schon wieder von einem sog. Experten, ist eine Frechheit (abgesehen von der Nettiquette). Schuld am Erstarken der AfD ist einzig und allein Merkel mit ihrer Geisterfahrerpolitik, stur, borniert und alternativlos."

Petra Heliand: "Ich kann dem Mut und der Ehrlichkeit von Herrn Seehofer nur Respekt zollen! Lediglich eine Loslösung der CSU von der CDU und ihr bundesweites Antreten könnte mich noch zweifeln lassen, nächstes Jahr die AfD zu wählen..."
Andreas Weber: ..und bürdet der Bevölkerung eine Last auf, die auf Dauer nicht zu schultern ist - das halte ich für weit schwerwiegender. Merkel ... agiert wie eine Diktatorin, aber der, der sich ihr entgegen stellt, ist der Buh-Mann. Von dem Verfasser kann man genau so viel halten, wie von Merkel - nämlich nichts!"

Es gibt aber auch Zustimmung: 

Matthias Prietzel schreibt: "Dem politischen ADHS-Kind afd würde ich gar keine so große Aufmerksamkeit widmen- so wichtig ist es nicht. Ihre CSU-Polemik hingegen finde ich richtig gut! Was ich allerdings bewundernswert finde, ist, dass Sie, Herr Brunowsky, als einziger Kolumnist dieses Blattes hier den Mumm mitbringen, sich den zuweilen wirklich nicht leicht zu ertragenden Kommentatoren zu stellen. Respekt dafür!"

"Der Bayer gerät langsam in Panik", meint Martin Spanke:

"... er fürchtet um seine absolute Mehrheit und erkennt gar nicht, dass es auch noch ein Weltgeschehen oberhalb des Weißwurschtäquators gibt. Würde er nicht soviel dummes Zeug labern und damit Propaganda für die AfD machen, dann wäre das Bild der Union wesentlich besser.




Dienstag, 8. März 2016

Seehofer - der Steigbügelhalter der AfD

Der Politiker, der mich derzeit am meisten ärgert, ist Horst Seehofer. Der Parteivorsitzende der CSU und Ministerpräsident Bayerns ist ein, jetzt drücke ich mich mal bayerisch aus - hinterfotziger Brutus, der permanent Angela Merkel in den Rücken fällt. Er besucht speichelleckerisch Wladimir Putin, gegen den der ganze Westen Sanktionen verhängt hat. Er entblödet sich nicht, fahnenschwenkend mit dem ungarischen Ministerpräsidenten und Hardliner Viktor Orbán gemeinsam aufzutreten, dem Mann der "Null Flüchtlinge" aufnehmen will. Und dann noch die Versicherung, dass das Ganze nicht gegen Angela Merkel gerichtet sei. Fehlt nur noch ein Besuch beim nordkoreanischen Verrückten Kim Jong-un, wie ihn die Welt satirisch vorgeschlagen hat.
Die "Wiederherstellung von Recht und Ordnung" hat er sich auf die Fahnen geschriebene. Er spricht von einer "Herrschaft des Unrechts". Ein völliges Zerrbild der Situation in unserem Land, während wir täglich mit Bildern von den chaotischen Zuständen an der griechisch-mazedonischen Grenze konfrontiert werden.
Und jetzt glaubt Seehofer auch noch, dass Merkel seinen Forderungen folgt, weil sie im Fall Mazedonien nicht die Flüchtlinge sofort aufnimmt wie in Ungarn. Ja mei, hat der Mann noch alle Tassen im Schrank? Oder setzt ihm sein Finanzminister Söder so zu, dass er um sein Amt fürchtet?
Seehofer spaltet Christsoziale und Christdemokraten. Nicht nur, dass er Angela Merkels Position in den laufenden Verhandlungen der EU schwächt. Der von ihm angezettelte und permanent geschürte Streit um Obergrenzen für Flüchtlinge führt vor allem zu einem zerrissenen Bild der Union in der Öffentlichkeit. „Bis zur letzten Patrone“ will er gegen die Zuwanderung kämpfen. Ich hoffe, ihm geht bald die Munition aus.
In der Meinungsforschung gibt es eine Regel: Wenn eine Partei in sich zerstritten ist oder ihr öffentliches Bild dies wiedergibt, verliert sie in der Wählergunst. Die Kommunalwahlen in Hessen haben gezeigt, wie stark die AfD inzwischen ist, obwohl man nichts über kommunalpolitische Konzepte kennt. Die Landtagswahlen werden das eher noch verstärken. Protestwähler hin oder her, die AfD wird für Jahre in Stadt- und Landesparlamenten sitzen und das Bild unseres Landes verzerren. Eine wirklich gruselige Vorstellung. Seehofer und seine CSU werden von ihren öffentlichen Intrigen gegen Angela Merkel nicht profitieren, im Gegenteil, wer die Grenzen schließen will, wählt gleich das Original, die AfD zu Lasten der Union. 
Ich verstehe nicht die Geduld von Angela Merkel im Umgang mit Seehofer. Ich würde seine ganzen Minister nach den Landtagswahlen aus der Koalition schmeißen oder das zumindest androhen. Dann ist sein ohnehin geringer Einfluss in Berlin dahingeschmolzen und die CSU wagt einen Neuanfang mit Markus Söder, der schon jetzt in Lauerstellung sitzt und sich mit Attacken gegen Angela Merkel auffallend zurückhält.

Für Seehofer ist dann sicher ein guter Posten bei Gazprom verfügbar, Putin sei Dank. 



Dienstag, 1. März 2016

Wenn Anzeigenkunden sich beschweren...


Heute erschien Mein folgender Beitrag in der Online-Ausgabe von "Werben & Verkaufen"


Weil ihm eine Kolumne der "Financial Times"-Redakteurin Lucy Kellaway nicht gefiel, schrieb ihr der Marketingchef von Hewlett Packard
"FT management should consider the impact of unacceptable biases on its relationships with advertisers.”
Diese unverhüllte Drohung mit materiellem Liebesentzug erinnert mich an einige Erlebnisse in meiner Zeit als "Capital"-Chefredakteur. Die Zeiten damals waren sicher leichter für die Redaktionen, denn wir hatten Ende der neunziger Jahre 400 bis 500 Seiten dicke Hefte, der Neue Markt spülte uns reichlich Anzeigen in die Kasse, und "Capital" hatte zeitweise eine Rendite von über 40 Prozent. 
Dass die deutsche Wirtschaft heute mit Anzeigen so knauserig ist und auf diese Weise möglicherweise die gesamte Wirtschaftspresse entsorgt, ist fatal. Darüber sollten Konzernchefs einmal nachdenken. Die Bloßstellung von Hewlett Packard durch die "FT" war mutig und in einer Zeit rückläufiger Anzeigen umso bemerkenswerter. Die Wirtschaft braucht redaktionelle Unabhängigkeit und standhafte Journalisten, die den Dingen auf den Grund schauen.
Der Chefredakteur einer Wirtschaftsredaktion ist so etwas wie der Außenminister einer Redaktion. So habe ich jedenfalls damals meine Aufgabe in den zehn Jahren meiner Tätigkeit verstanden. Er sorgt neben den richtigen Themen für gute Beziehungen zu den Unternehmen, zu den Anzeigenkunden und zum eigenen Verlag.
In meiner Zeit bei "Capital" wurde immer wieder mal versucht, Druck auf die Redaktion auszuüben. Das hatte manchmal skurrile Züge.
So beschwerte sich der damalige Rewe-Vorstandschef Hans Reischl persönlich bei Liz Mohn über eine Geschichte von Walter Pellinghausen, die aufzeigte, wie sich Führungskräfte der Rewe an geschlossenen Immobilienfonds  beteiligten, für die Rewe eine Mietgarantie abgab. Liz Mohn rief daraufhin Bertelsmann-CEO Mark Wössner an, und der wiederum fragte mich: "Stimmt das denn, was Sie geschrieben haben?" Ich antwortete: "Klar stimmt das, aber lieber Herr Wössner, sind Sie sich wirklich nicht zu schade für so einen Anruf? Wenn etwas nicht stimmen sollte, hat Herr Reischl  jede Möglichkeit, dagegen rechtlich vorzugehen". Seine Antwort: "Da haben Sie eigentlich Recht".
Als Gruner +Jahr-Chef Gerd Schulte-Hillen von diesem Vorgang erfuhr, wetterte er in Gütersloh gegen solche Einmischungen, die dann auch nie mehr vorkamen.
Unser damaliger Herausgeber, der unvergessene Johannes Gross, lud dann Reischl und mich zu einem Lunch in der feinen Kölner "Remise" ein. Angesichts der edlen Speisenfolge wählte Gross als Thema die Vielfalt französischer Weine, ihre unterschiedlichen Provenienzen, ihre Bouqets, ihre Lagerfähigkeit und die jeweils dazu geeigneten Hauptspeisen. Über seine Beschwerde verlor Reischl kein Wort. So erledigte sich das Thema.
Manchmal machte aber auch Gruner + Jahr Ärger, also unser eigener Verlag. Mein Kollege Tasso Enzweiler hatte ein Stück über die Lufthansa mit internen Zahlen geschrieben, das nicht nur den damaligen Vorstandsvorsitzenden Jürgen Weber maßlos aufregte, weil interne Zahlen veröffentlicht wurden, sondern auch den G+J Zeitschriftenvorstand Wickmann, der sich um die lukrativen Geschäfte des Verlagshauses sorgte. Besorgt rief mich Wickmann an ob das denn so stimme. Ich sagte ihm, es sei ein kleiner Fehler drin, den wir aber mit einem weiteren Stück und zusätzliche Informationen korrigieren würden. "Was, muss das denn sein, gleich noch eine Geschichte" rief Wickmann entgeistert.
So entschloss ich mich, mit dem zweiten Artikel zu einem Besuch bei Wickmann und Schulte-Hillen, um mir den Vorstand unseres Hauses in Zukunft ein für allemal vom Hals zu halten. So gingen wir zu dritt die Geschichte durch. Wickmann fragte: Muss denn die Überschrift so scharf sein? Ich antwortete: Sie wollen doch nicht ernsthaft mit mir Überschriften diskutieren? Schulte-Hillen las sich alles durch und kommentierte nur: "Sieht doch alles richtig aus". Und damit war die Bahn frei. Es gab hinterher ein versöhnliches Mittagessen mit Jürgen Weber.
Ein weiteres Beispiel: Unser Chefreporter Rolf Antrecht war mit dem damaligen Mercedes-Vorstand Helmut Werner in Italien unterwegs. Als er von der Reise zurück kam schrieb er über die Zukunft von Mercedes - und veröffentlichte die zehnjährige Modellplanung des Konzerns. Als Werner davon erfuhr, bevor das Heft erschienen war, beauftragte er die Rechtsabteilung, die Veröffentlichung zu verhindern. Ich rief den damaligen, leider viel zu früh verstorbenen Kommunikationschef Detmar Grosse-Leege an, der wiederum Konzern-CEO Jürgen Schrempp in New York informierte. Schrempp stoppte seine Juristen und ließ mir mitteilen: "Solange ich Chef bin, gilt die Pressefreiheit." Eine glasklare Botschaft. Egal was man heute alles über Schrempp sagt, diese klare Haltung hat mir imponiert.
Ein anderes Mal bekam ich einen Anruf in der Mittagszeit, am Apparat der Vorstandschef von Henkel. Anlass: die erstmalige Veröffentlichung interner Unternehmenszahlen. Der Mann war außer sich: "Sie können doch keine internen Betriebsgeheimnisse verraten! Das ist nicht erlaubt, das dürfen Sie nicht!" Er tat mir fast leid, ich hatte den Eindruck, dass direkt hinter ihm Gabriele Henkel stand und ihm die Beschwerde diktierte. Ich antwortete: "Sie und Ihre Mannschaft dürfen keine Betriebsgeheimnisse verraten, das ist sicher richtig. Aber wir dürfen veröffentlichen, was wir recherchiert haben. Es ist also Ihr Problem, nicht unseres."