Freitag, 29. April 2016

70 Jahre Handelsblatt

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, liebes Handelsblatt! Du feierst am 30.April in Berlin dein 70jähriges Jubiläum und ich freue mich, dabei sein zu dürfen.

Ich kenne dich schon etwas länger, genauer gesagt seit dem 1.1.1980, als Klaus Bernhardt noch Chefredakteur war (der übrigens bei Wikipedia unterschlagen wird) und ich bei der Wirtschaftswoche als Berliner Korrespondent anfing. Du hattest damals den Ruf, weniger interessant zum Lesen, dafür aber bestens fürs Archiv geeignet zu sein. "Fachartikel, in denen immer alles wichtige drin steht", sagt mir damals einer. Die Kollegen von damals erschienen mir durchweg als gesetzte ältere Herren, an Frauen kann ich mich nicht erinnern. Die Ausgabe vom 1.1.1980 kann man übrigens noch kaufen, siehe hier: Etwas teurer als heute, 39,95 Euro.



Dein erster Mitarbeiter, mit dem ich ins Gespräch kam, war Klaus C. Engelen, der Mann der etwas nervigen Gewerkschaftsfrau Ursula Engelen-Käfer. Er war seit 1982 dein internationaler Korrespondent und gehörte damals mit seinen 46 Jahren eher zu den jüngeren Vertretern.
Mit ihm zu reden war angenehmer, als seine komplizierten Geschichten zu lesen und zu verstehen, deren Satzlängen im harten Wettbewerb mit dem Juristendeutsch der damaligen FAZ standen. Aber Engelen war eine bekannte und hoch angesehene Figur auf internationalen Konferenzen, der mit seiner stetigen Präsenz auf den Bühnen dieser Welt einen wesentlichen Beitrag für dein internationales Renommee leistete.

Wirtschaftswoche und Handelsblatt waren damals weit auseinander. Bis zum Neubau in der Kasernenstraße residierte die Redaktion in der Georg-Glock-Straße unter dem damaligen Chefredakteur Karlheinz Vater, den der Verleger Poppe, Ex-Vorstand von Gruner+Jahr, vom Berliner Spiegelbüro geholt hatte. Irrsinnige Karnevalsfeten wurden dort gefeiert. Als wir dann 1983 in die Kasernenstraße umzogen, trafen wir Wirtschaftswoche-Journalisten erstmals deine Leute, im Fahrstuhl oder in der Kantine. Zum Beispiel Rainer Nahrendorf, eine Ikone des wirtschaftspolitischen Journalismus, der als FDP-Mitglied Graf Lambsdorff nahe stand und später als Mitglied der Chefredaktion marktwirtschaftliche Prinzipien in jeder Kolumne verteidigte.

Als ich 1985 Ressortleiter für "Wirtschaft und Politik" wurde, arbeiteten in diesem Ressort bekannte Namen: Roland Tichy, Bernd Ziesemer, Emilio Galli-Zugaro, Konrad Handschuch und nicht zuletzt Gabor Steingart, der im ersten Jahrgang der 1988 gegründeten Journalistenschule im Politik-Ressort volontierte. Klaus Methfessel und Stefan Baron waren bereits seit 1980 Mitglieder dieses Ressorts.

Die Wirtschaftswoche hatte zu der Zeit eine eigene Geschäftsleitung unter Christian Wenger und genoss für eine Weile die Eigenständigkeit in Redaktion und Anzeigenabteilung. Die Rivalität war unverkennbar.

1989 verstarb Klaus Bernhardt - viel zu jung - und es folgten eine Reihe von Chefredakteuren, darunter der Ausnahmejournalist Hans Mundorf, der den zuvor übernommenen "Industriekurier" geleitet hatte. In der Reihe der Chefredakteure war es Bernd Ziesemer, der den Wandel mit der mutigen Umwandlung in das Tabloid-Format einleitete. Er übernahm 2002 die Chefredaktion und führte die Redaktion bis 2010 durch eine schwierige Zeit, insbesondere im Wettbewerb mit der neugegründeten Financial Times Deutschland (FTD). (Was bis heute keiner weiß: Ich hatte 2002 auch eine ernsthafte Anfrage aus dem Hause Handelsblatt, hatte mich aber für die schon begonnene Selbstständigkeit entschieden).

Liebes Handelsblatt, allen Unkenrufen zum Trotz hast du dich gegen die forsche FTD behauptet. Sie wurde 2012 eingestellt, und das war in dem Jahr, als Gabor Steingart nach zwei Jahren Chefredaktion die Geschäftsführung der Handelsblatt-Gruppe übernommen hat. Was für eine Niederlage von Gruner + Jahr! Der stolze Hamburger Verlag hat im Angesicht des Düsenjägers Steingart die Flagge gestrichen und das verlustreiche Objekt beerdigt.

In den nächsten Jahren hat Steingart ein solches Feuerwerk von Ideen gezündet, dass der Redaktion angst und bange wurde (und bis heute ist). Auch wenn es für viele Kolleginnen und Kollegen des Handelsblatt nicht immer ganz leicht ist, dem Multi-Tasking des agilen Chefs zu folgen, so ziehe ich doch den Hut vor dem Schwung Steingarts und der Innovationsbereitschaft des Verlegers Dieter von Holtzbrinck, der mit Steingart endlich wieder einen Journalisten an die Spitze des Hauses gesetzt hat, und bereit ist, die vielen Ideen, insbesondere die Digitalisierung zu finanzieren. Gut dass Dieter damals den Schnitt mit seinem Halbbruder gewagt hat. Mit der ZEIT, dem Tagesspiegel und der Handelsblattgruppe und ihren jeweiligen Anführern hat er ein unglaublich starkes Verlagsportefeuille und kann ein wahrer Verleger sein.

Lieber Sven Afhüppe, das sind große Schuhe, in die Sie da als nunmehr alleiniger Chefredakteur eingestiegen sind. Aber mit dieser kompetenten Redaktion, diesem mutigen Verleger und dem omnipräsenten Düsenjäger Steingart werden Sie die Schlacht gewinnen!
Herzlichen Glückwunsch, liebes Handelsblatt,
ein langes Leben wünscht dir
Ralf-Dieter Brunowsky





Mittwoch, 20. April 2016

Bezahlung von Nutzungsrechten neu denken

Es ist schon merkwürdig: Liest du einen Online-Artikel in einem beliebigen Medium, fordern dich Social Media Buttons auf, den Text auf Facebook, Twitter, Xing, Linkedin oder Google plus weiter zu verbreiten. Kostenlos. Stellst du dagegen einen Print-Artikel auf deine Website, musst du Nutzungsrechte bezahlen. Nichts zeigt mehr, wie weit die Welten von digital und print derzeit auseinanderklaffen. 
Die Weiterverbreitung auf Facebook ist als "Engagement" willkommen. Die Weiterverbreitung als PDF wird finanziell bestraft:  Nutzungsrechte für Artikel, die Unternehmen auf ihrer Website unter "Presse" oder "Medienarchiv" einstellen, müssen gekauft werden. Viele Mittelständler und treue Leser kennen die Regeln nicht und denken, sie machten ja Werbung für ihr Medium. Doch dieser Irrtum kann teuer werden. Es kostet Tausende, wenn das über mehrere Jahre falsch gelaufen ist. (In Konzernen ist das anders, da passen ganze Presseabteilungen auf, dass nichts durchrutscht). 

Während die Redaktionen oft ganz gerne sehen, wenn ihre Beiträge auf anderen Websites als PDFs weiter verbreitet werden, werden die Syndication-Eintreiber in letzter Zeit immer aggresiver. Waren sie früher nur Ansprechpartner für Anfragen, werden sie nun immer aktiver und recherchieren aktiv, wer Nutzungsrechte missachtet. Ist ja auch eine schöne Einnahmequelle.

Beispiel FAZ: Sie checkt derzeit ihre Syndication-Ansprüche systematisch und screent ganz offensichtlich zahlreiche Unternehmensportale durch, um unbezahlte FAZ-Artikel aufzuspüren. Mir sind mehrere Fälle bekannt geworden, in denen dem betreffenden Unternehmen eine lange Liste zur "Nachentrichtung" ins Haus flatterte. Kaum einer sieht sich ja im Archiv Artikel aus früheren Jahren an. Und da schlummert offenbar manches, was gehoben werden kann. Meist geht es um einen Artikel in der FAZ, in dem das betreffende Unternehmen erwähnt wird. Da man sich ganze FAZ-Seiten auch einzeln herunterladen kann, steht dann manchmal auch eine ganze Seite im Pressespiegel des Unternehmens. Und dann muss jeder einzelne Artikel auf dieser Seite nachgezahlt werden.
Doch das steht im völligen Widerspruch zur digitalen Praxis. Wie könnte man die Print-Verwertung also digitalisieren?
Ein Print-Artikel, aus dem ein PDF erstellt wird, ist digital verwertbar. Also müsste man eine FAZ-Seite, die man als PDF per E-Paper-Abo einzeln herunterladen kann, mit Buttons von Twitter, Facebook, Google+, Xing, Linkedin usw. ausstatten, so dass man diese Seite direkt weiterverbreiten kann beispielsweise für einen Euro über Paypal. Wenn ich die Weiterverbreitung auch noch messen kann, ist das auch für die Werbung relevant: Ganze Seiten werden inklusive Werbung weiter verbreitet. Wenn ich nun auch noch den einzelnen Artikel als PDF herunterladen könnte, wäre dieses System noch effizienter.

Warum also nicht ganz offensiv an die Sache rangehen und hinter jedem einzelnen Artikel einen kurzen Vermerk stellen: Diesen Artikel können Sie auf Ihrer Website oder per Email für nur 1 Euro weiterverbreiten. Anruf genügt. Codewort per SMS, runterladen, über Paypal bezahlen, ins Pressearchiv einstellen oder per Email oder Social Media weiter verbreiten, Ende Gelände! Prinzip Itunes: Macht es billig, dann verdient Ihr mehr. 

Ich sehe das so: Einerseits verstehe ich die Verlage, wenn sie weitere Einnahmequellen suchen. Und Urheberrecht bleibt Urheberrecht.  Aber wenn die Verlage jetzt wie die GEZ oder die Künstlersozialversicherung KSK anfangen, systematisch und wohl auch automatisiert "Opfer" zu suchen, die ihre Website offensichtlich nicht im Griff haben, dann werden sie sich diese Einnahmequelle verschließen. Die Unternehmen reagieren dann meist so, dass sie kurzerhand alle Medienberichte, die etwas kosten, von ihrer Website herunter nehmen. Dann lieber per mail verschicken, das merkt ja keiner. 
Verlage, hört die Signale: Eine  Print und Online integrierende, digitale Lösung für Nutzungsrechte ist dringend angesagt.










Sonntag, 17. April 2016

Kritik an einem ZEIT-Kommentar von Mark Schieritz


Hallo Herr Schieritz,

Sie bringen in Ihrem Kommentar "Aus der Traum" (14.April 2016) die Gründe für die Niedrigzinsen auf eine einfache Formel: “Das hat vor allem damit zu tun, dass sehr viel gespart und sehr wenig investiert wird“. Hört sich logisch an, ist es aber richtig?
Die Sparquote ist in den letzten 25 Jahren von 12,6 auf 9,7% gesunken. Und ein Blick auf zwei Investitionsstatistiken in Deutschland zeigt, dass die Investitionen durchaus zunehmen: Sei 2010 steigen z.B, die Investitionen im Maschinenbau stetig an. Ähnlich die Bauindustrie.  Beide Werte sind auch 2015 weiter gestiegen und auch für 2016 wird ein Wachstum prognostiziert. 

Auch die folgende Behauptung scheint mir fragwürdig: „Die Privatisierung der Altersvorsorge hat zur Entgrenzung der Finanzmärkte beigetragen, die einen Überschuss an Kapital produziert.“ 

Wo um Himmels willen  ist denn die Altersvorsorge privatisiert worden? Das Problem ist doch, dass gerade hierzulande zu wenig private Altersvorsorge existiert. Die staatliche Vorsorgeregulierung zwingt Versicherungen in den Kauf von Staatsanleihen, statt ihnen die Möglichkeit zu geben, einen weit höheren Anteil weltweit in Aktien zu investieren und damit die private Altersvorsorge zu verbessern. 
Wer als Berufsanfänger 30 Jahre sein Geld in globale Aktien-ETFs investiert, hat mit Sicherheit eine hohe Rendite trotz des Auf und Ab an den Börsen: 
Hierzu ein Zitat aus der FAZ vom 29.März 2016 (Beitrag von Reinhard Panse/HQ Trust):

"In den USA...ergibt sich bei Wiederanlage der Zinsen, Dividenden und Mieterträge folgendes Bild: am Geldmarkt wurden aus $ 100 von 1914 bis 2015 $ 3.552 (Rendite 3,6% p.a.), ein in Staatsanleihen angelegtes Vermögen wuchs von $ 100 auf $ 20.680 (Rendite 5,4% p.a.), mit Wohnimmobilien konnte man aus $ 100 $ 100.000 machen (7,1% p.a.) und am Aktienmarkt entstanden aus $ 100 bis heute $ 1.600.000 (10,1% p.a.)….Global lag der Mehrertrag von Aktien zu Renten seit dem Jahr 1900 global bei 4 Prozentpunkten.“

Mit ETFs, die globale Aktienindizes nachbilden, kann sich heute jeder private Vorsorge leisten. Die kann man nämlich auch in 50€-Beträgen kaufen. Jeder spart irgendwie - siehe Sparquote, es muss nur in den richtigen Kanal fließen und langfristig angelegt sein.

Der Schluss ist dann geradezu ärgerlich und ideologisch: „Bei den Besserverdienenden entstehen derzeit gewaltige Vermögen… die der Staat im Interesse der Allgemein heranziehen sollte.“ Was hat das mit dem Thema Niedrigzinsen zu tun? Das müssten Sie mir erklären.

Also am Ende keine Lösung, sondern ein plattes, klischeehaftes Plädoyer für noch mehr Umverteilung. Obwohl die 10% der am meisten Verdienenden schon 50% aller Steuern zahlen. Obwohl 50% der Bevölkerung von Transferleistungen leben. Und obwohl zu den Besserverdienenden inzwischen jeder Facharbeiter gehört.

Freundliche Grüße
Ralf-Dieter Brunowsky
Geschäftsführender Gesellschafter
BrunoMedia GmbH







 
Ralf-Dieter Brunowsky