Sonntag, 31. Juli 2016

Facebook und die deutschen Medien, ein Rückblick

Die Berichterstattung über Facebook sagt viel über den ewig pessimistischen deutschen Wirtschaftsjournalismus. Als das Unternehmen an die Börse ging, rieten hierzulande alle vom Kauf ab, weil eine Bewertung von 100 Milliarden US abseits jeder deutsche Vorstellung lag. Heute gehört Zuckerbergs Startup zu den fünf wertvollsten Unternehmen der Welt.

Im Handelsblatt schrieb Anfang 2013 Axel Postinett aus San Francisco, nachdem der Kurs unter den Ausgabepreis gefallen war: "Es sollte die Krönung einer beispiellosen Unternehmensgeschichte werden, der Börsengang des Jahrhunderts, der Beweis, dass im Silicon Valley einfach alles möglich ist. Aber herausgekommen ist ein Desaster, dessen Schockwellen heute noch spürbar sind im Reich der digitalen Glücksritter. Eine Mär von Größenwahn der Wall Street, Raffgier, Pleiten, Pech und Pannen. Am Ende machte der Facebook-Börsengang vor genau einem Jahr einige wenige unfassbar reich und viele andere arm." 
Schön dramatisch, schön daneben.
Und die Wirtschaftswoche titelte 2012: "7 Gründe, Facebook nicht zu kaufen".  Anleger, die diesem Rat gefolgt sind, haben satte Gewinne verpasst.

Zu den wenigen, die 2012 einen Facebook-Erfolg für möglich hielten, gehörte übrigens FAZ-Ressortleiter Carsten Knop. Er schrieb kurz vor dem Börsengang:

"Bisher hat Facebook noch gar nicht richtig angefangen, diese Datenmenge für die Werbetreibenden zu erschließen. Aber was passiert, wenn das gelingen sollte? Der gesamte Werbemarkt auf der Welt hat ein jährliches Volumen von mehr als 580 Milliarden Dollar. Davon entfällt derzeit nur ein Bruchteil auf Facebook. Aber Facebook ist neben Google das Unternehmen, das mit Recht behaupten kann, die werbetreibende Wirtschaft am besten vor den sogenannten Streuverlusten bewahren zu können, die entstehen, wenn Werbung Menschen erreicht, die sich für sie gar nicht interessieren."

Inzwischen nutzen 1.2 Milliarden Menschen Facebook. Der Gewinn stieg von April bis Juni im Jahresvergleich von 719 Millionen auf 2,1 Milliarden US-Dollar. In einem Quartal! Die Werbeeinnahmen legten um 63 Prozent auf 6,2 Milliarden US-Dollar zu. Der Kurs der Aktie liegt inzwischen bei etwa 112 $, ein Plus von 253% seit dem Börsengang. Neueste Kursziele liegen bei 170 $.

Den Deutschen fehlt die Phantasie, und Begeisterung gilt als verdächtig. Deswegen haben es Startups in Deutschland viel schwerer, Finanzmittel einzuwerben als amerikanische Gründer, denen die Millionen nur so hinterher geworfen werden.
Ganz besonders schwierig ist es für deutsche Medien, die Erfolgsaussichten von Startups richtig einzuschätzen. Zwar schreiben inzwischen alle Wirtschaftsmedien über Fintechs, Insuretechs und Startups. Doch selten treffen die Berichte den Kern der jeweiligen Geschäftsmodelle. Und begeistern lässt sich ohnehin niemand. Das ist ja unjournalistisch.

In Deutschland ist die erste Frage: "Wozu braucht man das?"
In den USA fragt man: "Was kann ich damit machen?"  

Zu den wenigen, die in Deutschland in amerikanischen Dimensionen erfolgreich sind, gehören die Samwer-Brüder. Ihre Firma Rocket Internet ist ständiges Ziel deutscher Zweifler, weil der Aktienkurs gefallen ist. Doch Oliver Samwer lässt sich davon nicht beeindrucken. Er macht sein Ding, und ich bin sicher, das wird eine große Erfolgsgeschichte werden.
Auch bei Amazon konnten sich deutsche Medien nicht vorstellen, dass die permanenten Verluste irgendwann in einen größeren Gewinn münden könnten. Im zweiten Quartal 2016 kletterte der Überschuss im Jahresvergleich von 92 Millionen auf 857 Millionen Dollar. Warum? Weil Amazon ein zweites Standbein aufgebaut hat, und seine Server an Unternehmen vermietet (Cloud-Business).
Das hatte in Deutschland kaum einer im Visier.

Ich mochte Facebook von Anfang an.
Im Mai 2012 schrieb ich zum Börsengang in diesem Blog:

"Die Begleitung des Börsengangs von Facebook durch die deutschen Medien hat mich irgendwie gestört. Da legt ein erst im Februar 2004 gegründetes Unternehmen einen 100-Milliarden-Börsengang hin und die deutschen Journalisten maulen herum. ... In all den Beiträgen erfahren wir zuwenig über das Geschäftsmodell, mit dem Facebook immerhin schon eine Milliarde Jahresgewinn erwirtschaftet hat.Wer hätte beim Google Börsengang 2004 gedacht, dass das Unternehmen mit einem damaligen Umsatz von 1,5 Milliarden US Dollar acht Jahre später 10 Milliarden Gewinn machen würde? Trotzdem haben Anleger am ersten Börsentag über 100 Dollar hingeblättert und damit später einen prächtigen Gewinn erzielt."

Tatsächlich stürzte der Kurs des Unternehmens anschließend ziemlich ab. Und alle sahen sich bestätigt. Nun steht der Kurs wieder bei 37 Dollar oder etwa 30 Euro - wie beim Börsengang. Denn Facebook hat riesige Fortschritte bei der Smartphone-Werbung erzielt. Und wir werden noch diverse Überraschungen erleben. Ich würde mich nicht wundern, wenn der Kurs in drei Jahren bei 200 steht, denn dieses Unternehmen ist weit mehr als ein "soziales Netzwerk".

Tatsächlich wird Facebook immer mehr zu einer wichtigen Informationsquelle. Früher dachte ich, Facebook ist etwas für Freunde und Familie. Ich hielt es für eher unwahrscheinlich, dass sich Kollegen und Geschäftspartner bei Facebook mit mir "befreunden" wollten. Beruflich hatte ich mich auf Linkedin konzentriert. Hier gehört mein Profil angeblich zu den 5% der meistbesuchten, hat mir Linkedin mitgeteilt :-) Tatsächlich habe ich in diesem Jahr über Linkedin vier neue Kunden gewonnen. Linkedin ist deshalb für mich unverzichtbar. Aber was kann ich mit Facebook anfangen?

Inzwischen habe ich meine Meinung zu Facebook geändert und begonnen, diverse interessante Medienleute einzuladen. So gut wie alle haben meine Einladung angenommen, und nun bemerke ich plötzlich, wie sich die Qualität der Inhalte auf meinem Facebook-Zugang massiv verbessert. Morgens die FAZ, das Handelsblatt, die Süddeutsche und die Welt. Mittags Facebook. Hätte ich mir vor drei Jahren nicht vorstellen können.

Der Input ist plötzlich hochspannend, die Hinweise auf das, was man gelesen oder gesehen hat, sind intelligent, unterhaltsam, und wichtig. Und ähnlich wie bei Twitter, nur langsamer (man kann besser mitlesen) gibt es einen Nachrichtenfluss, der mich in dieser Qualität überrascht hat.

Junge Leute lesen deshalb keine Zeitung mehr. Was sie gelesen, gehört und sich zu sagen haben, tauschen sie auf Facebook aus. Wenn sie erwachsen sind, wird sich dieses Verhalten nicht ändern. Also muss man Facebook neu einordnen: Es ist ein immer wichtigeres Informationsmedium, das jeder nutzen kann. Es ist ein Distributionskanal für journalistische Beiträge mit interaktivem Input. Es ist ein virales Rennauto, das Informationen schnell von einem zum andern trägt. Es inspiriert durch Medienvielfalt: Text, Bild, bewegtes Bild,Ton - wenn die Teilnehmer sich nicht auf Tralala beschränken..."
deshalb mit Werbung reich werden.Und seine Aktionäre auch. Nicht weil man da so nett chatten kann, sondern weil es ein Informationsmedium geworden ist. Das ist die von vielen noch nicht begriffene Dimension.

Samstag, 30. Juli 2016

20 Luchse für 3 Millionen nach Rheinland-Pfalz

Heute kam eine scheinbar gute Nachricht: Im Pfälzer Wald werden die ersten von drei Luchsen "ausgewildert". Sie kommen aus der Slowakei. Weitere 17 sollen in den nächsten Jahren hinzukommen.
Die Gesamtkosten werden mit 3 Millionen Euro angegeben, davon sollen 200.000 durch Patenschaften privat finanziert werden.
So schön es ist, wieder Luchse zu haben: Die Kosten und der slowakische Geschäftspartner machen mich höchst misstrauisch. Pro Luchs 150.000 Euro fürs Einfangen und den 12stündigen Transport nach Deutschland.
150.000 Euro. Da verdient sich doch jemand dumm und dämlich. Die Regierung des Landes Rheinland-Pfalz, bekannt durch hohe Naivität beim Versuch, den Flughafen Hahn zu verkaufen, verdient es, dumm und dämlich genannt zu werden.
P. S. Beim Flughafen Hahn behauptet Frau Dreyer, es gebe bislang nur geringe Kosten. Die angeblichen Kaufinteressenten werden den Flughafen nicht kaufen. hört man. Dann droht die Insolvenz, wenn das Land nicht laufend weiter subventioniert. Im SWR war ein Unternehmer zu sehen, der für seine Ansiedlung einen Vertrag mit dem Land hat, der ihm 50 Millionen Euro Schadenersatz zusichert, falls der Flughafen vor 2028 pleite geht.
Das wird noch richtig teuer.
Frau Dreyer hat volle Transparenz versprochen. Doch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KMPG, die den chinesischen Hallodri checken sollte, darf sich nicht zu dem Fall äußern. Es gibt einen Maulkorberlass, der den inkompetenten und verantwortlichen Innenmister Roger Lewentz schützen soll. Das wird nicht mehr lange gut gehen.

Dienstag, 26. Juli 2016

Wir brauchen mehr Polizeipräsenz in den Städten

Wenn es um Strafzettel geht, sind die Städte bestens ausgerüstet. Schließlich bringt diese Tätigkeit einen schönen Batzen Geld in die Kassen. Wenn es aber um Sicherheit geht, zum Beispiel um den Schutz vor Wohnungseinbrüchen, vor nächtlicher Gewalt in den Straßen ist die staatliche Präsenz nur wenig sichtbar und vergleichsweise erfolglos. Die Silvesternacht von Köln hat die fatale Wirkung zu geringer Polizeipräsenz und unzureichender Videoüberwachung gezeigt. Über tausend Strafanzeigen, praktisch keine einzige Verurteilung von Tätern.
Das ist bedenklich, denn wir leben zunehmend in einem Nachrichtenklima, das Angst und Unsicherheit verbreitet.

Es geht hier nicht allein um die Verarbeitung von Terrornachrichten. Vielmehr müssen wir uns wieder bewusst werden: Es gehört zu den vornehmsten Aufgaben eines Staates, seine Bürger zu schützen. Es ist die tägliche Gewalt jeder Art, vor der wir nicht kapitulieren dürfen.Das Hauptmotiv von jungen Leuten, zur Polizei zu gehen, ist denn auch, anderen helfen zu wollen. Wir können froh und stolz sein, dass es hierzulande so viele junge Menschen mit diesem Wunsch gibt.

Aber Polizistin oder Polizist zu sein, ist ein schwerer Beruf. Das Einstiegsgehalt liegt bei 1600 bis 1800 Euro brutto. Später verdient  man im Schnitt über 3000 - das ist nicht schlecht. Aber das Schmerzensgeld ist inbegriffen: Unsere Polizei muss sich auf Demonstrationen immer wieder mit Steinen und Flaschen bewerfen und attackieren lassen. Viele verletzte Polizisten sind die regelmäßige Bilanz.  Jeder Besuch in einem streitenden Haushalt, in einer Kneipenschlägerei, jede Autokontrolle kann lebensgefährlich sein.
Aber wo ist die Polizei? Sie kommt, wenn sie gerufen wird, aber eben nur dann.
Innerhalb der letzten Wochen kam es hier in Mainz mehrfach dazu, dass ein einzelner Jugendlicher von einem Wildfremden nachts grundlos niedergeschlagen wurde. Ohne Grund, einfach so!
Die Aufklärungsquote bei Wohnungseinbrüchen tendiert gegen Null. Man kolportiert nur, dass es sich um kriminelle Organisationen aus dem südosteuropäischen Raum handelt. Bis die Polizei anrückt, sind die Einbrecher über alle Berge.

Findet jedoch ein Fußballspiel statt, rückt die Bereitschaftspolizei mit vielen Hundertschaften an, um sogenannte Fans, die sich "vorglühen",  auf dem Weg zum Stadion zu begleiten und vor Dummheiten zu bewahren. Dieser Irrsinn kostet den Steuerzahler viel Geld, die Polizisten sammeln Millionen von Überstunden, die Fußballvereine werden dafür nicht zur Kasse gebeten. Bundesligavereine kaufen für zig Millionen Fußballspieler ein, statt viel mehr in die Sicherheit zu investieren. Sie könnten durchaus die Aufgabe finanzieren, randalierende Fans, Ultras und Hooligans mit privaten Sicherheitsdiensten in Schranken zu halten - so wie im Stadion. Das wenigste wäre, solche Polizeieinsätze den Fußballvereinen in Rechnung zu stellen. Man könnte aber auch die frei werdenden Kapazitäten als zusätzliche Streifen in größeren Städten einsetzen. Das wäre zehnmal sinnvoller als die permanente Zähmung von Hooligans.

Die Polizei soll die Bürger schützen. Sie müsste eine viel größere Präsenz in den Städten zeigen. Die Polizei kann nicht überall gleichzeitig sein, und durch vermehrte Streifendienste werden Amokläufer und Terroristen wohl kaum von Anschlägen abgehalten. Vielleicht aber doch. Die höhere Präsenz könnte schon dafür sorgen, dass sich die Bürger sicherer fühlen, auch wenn sie nach Mitternacht noch unterwegs sind. Höhere Präsenz ist Abschreckung und Kontaktangebot zugleich. In Berlin gab es einmal die gute Idee des "Kontaktbeamten": Polizeibeamte, die zu Fuß durch die Stadtviertel gehen und für jeden Bürger ansprechbar sind.

Und übrigens: Der Bürgerschutz ist mir wichtiger als der Datenschutz. Telefondaten speichern? Ja natürlich, das muss sein, solange der Gebrauch rechtsstaatlich kontrolliert wird! Videoüberwachung? Ja bitte, viel mehr davon!



Donnerstag, 7. Juli 2016

Mainz wie es stinkt und kracht

Ein Chinese „kauft“ mit Unterstützung eines deutschen Bernsteinhändlers den Flughafen Hahn. Notariell beglaubigt, nur der Landtag muss noch zustimmen. Doch dann finden Journalisten heraus, was die mit dem Verkauf befasste renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KMPG nicht herausfinden konnte: Eine windige Firma namens SYT, die in China kein Mensch kennt, ohne echte Büros, mit offensichtlich falschen Angaben, durfte den Flughafen durch Vermittlung eines Bernsteinhändlers notariell erwerben. Peinliche Fotos und Videos zeigen freudige Chinesen mit freudigen Provinzpolitikern und einem Bernsteinhändler nach der notariellen Unterzeichnung. Wie Pressemitteilungen zeigen, hatte man alles angeblich „umfassend geprüft“. Tatsächlich hat sich die rheinland-pfälzische Landesregierung bis auf die Knochen blamiert.  Die verantwortliche Ministerpräsidentin Malu Dreyer hat einen fulminanten Fehlstart hingelegt.
 Man könnte über soviel Dilettantismus lachen. Doch der Flughafen Hahn ist für mehrere tausend Menschen in einer schwachen Wirtschaftsstruktur ein wichtiger Arbeitgeber. Die rheinland-pfälzische Landesregierung hat ihren Arbeitsplatz zum Spielball und zum Gespött einer ganzen Nation gemacht. Wie man mit dem Schicksal so vieler Menschen dermaßen sorglos umgehen kann, lässt sich mit nichts entschuldigen. Gab es hier Kungelei, von der wir noch nichts wissen? Schlimm genug, dass eine so renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft wie die KPMG die ganze Branche blamiert hat.
 Was befähigt einen ehemaligen Verwaltungsbeamten mit mittlerer Reife und Parteikarriere  für einen solchen Deal? Um einen solchen „Fachmann“ handelt es sich bei dem zuständigen Innenminister des Landes Rheinland-Pfalz, Roger Lewentz, einem ehemaligen Juso-Vorsitzenden,  SPD Generalsekretär und Vorsitzenden der SPD in Rheinland-Pfalz. Schon einmal hat die SPD-geführte Regierung versagt, nur war das ganze damals noch viel teurer. 


Erinnern wir uns an den Nürburgring: Im Sommer 2009 trat der damalige rheinland-pfälzische Finanzminister Ingolf Deubel zurück. Wegen Untreue und uneidlicher Falschaussage wurde Deubel 2014 zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt – ein einmaliger Vorgang. Er war der Hauptverantwortliche für die Verschleuderung von mindestens 330 Millionen Euro an Steuergeldern beim Nürburgring. Pleiten, Pech und Pannen reihten sich aneinander. Das Land Rheinland Pfalz hatte 456 Millionen Euro Beihilfen gezahlt. Eine Prüfung der EU ergab: Die Zahlungen  entsprachen nicht den EU-Beihilfevorschriften. Weil die staatlichen Betreibergesellschaften insolvent gingen, erübrigte sich eine Rückzahlung der Beihilfen, das Geld war futsch. Inzwischen besitzt ein russischer Oligarch die Rennstrecke.

Der damalige Ministerpräsident Beck  entschuldigte sich förmlich beim Landtag. Man sollte meinen, dass eine Landesregierung aus diesen fatalen Entwicklungen gelernt hat.
Doch nun zeigte sich erneut der politische Dilettantismus der schon viel zu lange regierenden SPD in Rheinland-Pfalz - Mainz wie es stinkt und kracht.
  

Freitag, 1. Juli 2016

Brexit: Holt die Engländer wieder rein. Huh!

Brexit: Es war die blödeste Idee des Jahrhunderts, ein Referendum über den Austritt aus der EU zu veranlassen. Dafür sollte Cameron in einem isländischen Geysir lebenslang schwitzen. Huh!

Referenden widersprechen dem Grundprinzip der parlamentarischen Demokratie. Der Dummheit werden Tür und Tor geöffnet, wenn man sich auf solche Abstimmungen einlässt.
Wieso muss man eine Volksabstimmung über den Austritt aus der EU anzetteln, wenn zwei Drittel der Abgeordneten im Parlament dagegen sind? 
"Zahlen der BBC zufolge waren vor dem Referendum nur 158 von 650 Abgeordneten für den Brexit, 479 dagegen", schreibt die ZEIT. Muss man da einem dummen Referendum folgen?  

"Etwas ist faul im Staate Großbritannien", würde Hamlet heute sagen.
Der Anführer der Brexit-Kampagne Boris Johnson erweist sich - ganz unbritisch - als großmäuliger Feigling. Er hat wohl nicht damit gerechnet, dass die Briten für den Brexit stimmen könnten und er dann schon jetzt das Amt des Premierministers anstreben müsste. War ihm wahrscheinlich zuviel Arbeit.

Ganz ehrlich, ich kann das Wort Brexit nicht mehr hören. Jeden Tag wird dazu jetzt eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Irgendwie ist das Thema so komplex, dass täglich neue Nachrichten und Folgeneinschätzungen auf uns niederprasseln. Die Engländer befinden sich in einer Schockstarre, die Europäer in einem Ameisenhaufen, die Finanzmärkte auf einer Achterbahn. Für die Medien ist die Nachrichtenflut zwar stressig, aber ein wunderbar vielseitiges Thema, an dem man sich noch lange abarbeiten kann. Ich habe aber keine Lust mehr, das alles zu lesen. Ich bin für eine einfache Lösung.
Das britische Parlament muss nur seiner demokratisch legitimierten Kompetenz folgen und auf einen Beschluss verzichten, den Austritt zu beantragen. Ein neuer Premierminister sollte den Mut haben, einen neuen Parlamentsbeschluss zu erwirken, der sich zum Verbleib in der EU bekennt. Es wird keinen Aufschrei, sondern ein Aufatmen geben. Auf der Insel und auf dem Kontinent.

Ich wette, dass die Briten dieses Referendum nicht umsetzen. Ich setze darauf, dass das Pfund nach der dramatischen Abwertung wieder steigt. Die Folgen sind ja nun nach der Abstimmung extensiv dargestellt und viele Brexitanhänger sind selbst erschrocken, was sie ausgelöst haben. Auf der Straße interviewte Bürger haben den Brexit so missverstanden, dass es um die Verhinderung weiterer Einwanderung geht. Jetzt merken sie, dass um den Verlust von Arbeitsplätzen, die Abwanderung von Unternehmen und den Verlust des Finanzplatzes London geht: "Oh, das haben wir nicht gewollt."

Wenn dann der Schreck die Glieder verlassen und jeder seine Wunden geleckt hat, machen wir uns endlich mal an notwendige Reformen in der EU. Das müssen wir den Engländern versprechen, damit sie sich trauen, das Referendum zu ignorieren. Wir dürfen die Engländer gerade jetzt nicht allein lassen. Sie sind mit der Niederlage gegen Island genug gestraft. Huh!

Europa muss wieder seinen Bürgern dienen und nicht den Lobbyisten. Es muss nicht alles in Brüssel geregelt werden. Die Serienproduktion EU-weiter Gesetze muss aufhören. Nationale Parlamente dürfen nicht nur die Durchwinker europäischer Verordnungen sein. Wir brauchen mehr Transparenz und weniger Regelungen. Es muss eine gemeinsame Sicherheits- und Außenpolitik geben, die der EU international eine starke Stimme gibt, auch gegen Putins permanente Anstrengungen, die EU zu destabilisieren. Die Völkerwanderung ist letztlich eine postkoloniale Reaktion auf die Rohstoff-Ausbeutung ganzer Staaten durch Länder wie Frankreich und England, die es in Afrika und im Nahen Osten mit willkürlichen Grenzziehungen und umweltfeindlicher Rohstoffgewinnung schlimm getrieben haben. Es muss eine neue und umfassende Strategie für Afrika geben, die dem Kontinent hilft, seine Bürger zu behalten. Die EU hat viel zu lange mit subventionierten Agrarprodukten die afrikanische Landwirtschaft (auch in anderen Ländern) ruiniert.