Mittwoch, 26. Oktober 2016

Deutschland ist "das beste Land" sagt nicht der Ostdeutsche, sondern...

die "Washington Post", die dieses Ranking von "U.S.News & World Report"  Anfang des Jahres übernommen hat, einem Nachrichtenmagazin, das seine Printausgabe abgeschafft hat und nur noch online publiziert.

Was für ein Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Deutschland, das "beste Land" der Welt vor Kanada, Großbritannien, den USA und Schweden. Sogar bestes Land für Entrepreneure. Und trotzdem wird gejammert und gejammert.

Woran liegt das? Ich glaube die Deutschen sind ein weinerliches Volk geworden, und zwar umso weinerlicher, je weiter es nach Osten geht - das ist ein Erbe, das uns ein gewisser Herr Honecker hinterlassen hat. Letzte Woche war ich in Leipzig und sah dieses Graffiti:

Gesehen in Leipzig  Tram-Haltestelle Probstheida. Foto:Brunowsky
Ein kaputtes, leerstehendes Haus, und die Sehnsucht (oder was sonst?)  nach der alten DDR.

Eine aktuelle Umfrage von Infas im Oktober 2016 enthielt die Frage: 

"Sind Sie mit der Art und Weise, wie die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert alles in allem sehr zufrieden, zufrieden, weniger zufrieden oder gar nicht zufrieden?

Weniger oder gar nicht zufrieden sind im Osten 53%, im Westen 37 Prozent. In einer anderen Umfrage von 2015 äußern 31% der Ostdeutschen großes oder sehr großes Verständnis für Pegida, im Westen sind es nur 19%.
Sachsen hatte 2015  laut Statistischem Bundesamt einen Ausländeranteil von 3,9%. In Nordrhein-Westfallen und Bayern waren es über elf Prozent. 
Als ich in Leipzig einen Taxifahrer auf das Thema Fremdenfeindlichkeit bei diesem geringen Ausländeranteil ansprach, lautete die verblüffende Antwort: "Wir wollen ja gerade verhindern, dass es mehr Ausländer werden".  

Bei der Frage nach der Lebenszufriedenheit in allen Bundesländern ("Glücksindexwert" des Allensbach Instituts) stehen Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg Vorpommern auf den letzten fünf Plätzen. In der Statistik "Anschläge je 100.000 Einwohner" belegen sie dagegen gemeinsam die ersten Plätze, lediglich Berlin liegt noch dazwischen. Und Sachsen steht auf Platz 1. (Quelle: Die ZEIT). Dresden, diese wunderbare Stadt, verspielt gerade ihren weltweiten Ruf als Elbflorenz. Für die Wirtschaft und die Universitäten ist Pegida und alles rechts davon eine Katastrophe. Merkt das denn keiner dort?  

Woher kommt bloß diese permanente Unzufriedenheit im Osten? 

Exkurs: Von den Rentnern dürfte sie eigentlich nicht kommen, denn die Durchschnittsrenten im Osten sind höher als im Westen, weil es in der DDR bekanntlich keine Arbeitslosen geben durfte und sich somit alle Rentenberechtigten die volle Lebensarbeitszeit anrechnen lassen konnten. Da die DDR nichts in die Sozialversicherungssysteme eingezahlt hat, wurden die Milliarden vom Westen in den Osten geschaufelt

Mir kommt eine Idee: Vielleicht liegt diese depressive Grundhaltung in Ostdeutschland daran, dass die Optimisten in den Westen abgewandert sind. Wo immer ich junge Leute aus Ostdeutschland hier im Westen treffe, sehe ich fröhliche, fleissige und zukunftsgewandte Menschen, die sich kaum beklagen, die nicht jammern und auf den Staat warten, sondern anpacken.
 
Nun -immerhin 36% der Ostdeutschen sagten 2014, es gehe Deutschland heute besser als vor der Wende. Oh, aber drehen wir es mal um. Dann glauben 64% der Ostdeutschen, es ginge ihnen heute nicht besser. Warum glauben sie das? Man kann es nur vermuten: Bei einer Umfrage im Auftrag des MDR fragte Infas 2014 nach den "besonderen Stärken" der DDR und der Bundesrepublik. Die DDR punktete mit "Schutz vor Kriminalität"(66%), Gleichberechtigung von Mann und Frau (69%) und mit "Sozialer Absicherung" (75%).  Die Bundesrepublik punktete mit Reisemöglichkeiten, persönlicher Freiheit, Wirtschaft und Lebensstandard.

Viel Geld ist von West nach Ost geflossen. Das Dresdner Ifo Institut hat den Netto-Transfer zwischen 1991 und 2013 auf 1.800 Milliarden Euro geschätzt. Doch Ost- und Westdeutschland sind immer noch tief gespalten.  Vielleicht brauchen wir einen Ideenwettbewerb im "Land der Ideen"? 


Hinweis: Die meisten Zahlen habe ich in "Statista" gefunden.




Freitag, 21. Oktober 2016

Steingart auf allen Kanälen

Der präsenteste Herausgeber aller deutschen Medien heißt derzeit Gabor Steingart.

Ich weiß nicht, wo der Mann die Zeit hernimmt, morgens ein Morning-Briefing zu verfassen, und dann neben seinen Auftritten im Handelsblatt - "Wirtschaftsclub",  diversen Talkshows und zahlreichen Euroforum-Veranstaltungen auch noch ein Weltbeben-Buch zu schreiben. Und auf der Buchmesse sein Buch vorzustellen, was dem Handelsblatt dann nach einem Vorabdruck nochmal eine ganze Seite wert ist. Schließlich ist er ja auch noch Verlagsgeschäftsführer der Handelsblatt-Gruppe und muss das Unternehmen führen. Nicht ganz unwichtig, nachdem sich Verleger Dieter von Holtzbrinck jetzt aus dem operativen Geschäft zurück gezogen hat.

Die Dynamik, die er in die früher sehr behäbige Verlagsgruppe eingebracht hat, ist beeindruckend.
Jüngstes Beispiel ist die geplante Wahlkampfberichterstattung in den USA: Ein großes Handelsblatt-Team soll vor Ort sein, um live aus den USA zu berichten. Mit dem erfolgreichen Digitalpass hat Steingart ein offenbar gut funktionierendes Vertriebsinstrument eingeführt, dass dem Digitalisierungsdruck ein Ventil verschafft. Mit dem Wirtschaftsclub bindet er die Leser stärker ein. Mit etwa 200 Veranstaltungen des Eventspezialisten Euroforum - am bedeutendsten die jährliche Konferenz in Frankfurt "Banken im Umbruch" - hat er eine solide Erlösquelle ausgebaut. Anders als die großen überregionalen Tageszeitungen, verliert das Handelsblatt nicht an Auflage.

Aber Steingart muss jetzt ein bisschen aufpassen, dass er sich selbst nicht zu viel feiert. Was dem Handelsblatt nützt, muss am Ende wichtiger sein als das was ihm selbst nützt.

Es tut allerdings jedem Verlag gut, einen durchsetzungsfähigen, nach vorne blickenden Journalisten an der Spitze der Geschäftsführung zu haben. Zu viele Verlage leiden unter Managern, denen Kosten wichtiger sind als verlegerische Visionen, die langfristig Gewinn bringen. Aber es gibt eben nur wenige Journalisten, die auch als Manager erfolgreich sind. Wie zum Beispiel Matthias Döpfner.

Wie hat Steingart diesen Aufstieg geschafft?
Ich kenne Steingart seit 1987, als er in meinem Ressort "Wirtschaft und Politik" den praktischen Teil seines Volontariats in der Georg-von Holtzbrinck-Schule begann, die damals von dem legendären Ferdinand Simoneit geleitet wurde. Im Ressort Wirtschaft und Politik arbeiteten gleichzeitig die späteren Chefredakteure Bernd Ziesemer, Arno Balzer und Roland Tichy sowie der langjährige Kommunikationschef der Allianz, Emilio Galli-Zugaro. Steingart fiel allen sofort als vollwertiger Kollege auf, dem man nicht mehr viel beibringen musste. Das besorgte Simoneit.

Der 2010 verstorbene Simoneit war 1974 als Chefredakteur bei CAPITAL abgelöst worden, weil eine Story den Verfassungschutzpräsidenten Günter Nollau als DDR-Spion hinter Günther Guillaume verdächtigt hatte). Eine großartige, leider nicht bewiesene Geschichte, die mit einer vergleichsweise milden Strafzahlung von 20.000 D-Mark endete. Simoneit war ein großer Journalist, der Steingart stark geprägt haben dürfte. Er hat allein 25 Titelgeschichten für den Spiegel und darüber hinaus diverse Bücher geschrieben - wie Steingart.

Beim Spiegel machte auch Steingart Karriere.  Zunächst als Redakteur in Leipzig, Bonn und Berlin, dann als Leiter des Wirtschaftsressorts gemeinsam mit Armin Mahler unter Stefan Aust. In Berlin leitete er längere Zeit das Hauptstadtbüro und wurde schließlich als Korrespondent nach Washington befördert. Später hat er sich in Stellung für die Chefredaktion gebracht: In einem offenen - mutigen - Brief an die Verlags-Mitarbeiter kritisierte Steingart 2006 die Führung der mächtigen Spiegel Mitarbeiter KG und kündigt seine Kandidatur für die Geschäftsführung der KG an. Dass die Redaktion ihn weder als KG-Geschäftsführer noch als Chefredakteur wollte, wird sie später vielleicht bereut haben. Die veränderungsresistente Spiegel-Redaktion hat wohl geahnt, dass sie einen Chefredakteur mit ausgesprochenem Veränderungswillen bekommen hätte.
So wechselte er als Chefredakteur zum Handelsblatt und folgte Bernd Ziesemer, der den Umbau des Handelsblatts mit einigem Erfolg begonnen hatte. Nur kurze Zeit später stieg Steingart zum Herausgeber und Geschäftsführer auf.

Was macht die Karriere Steingarts aus? Zum einen hat er sehr schnell das Vertrauen des Verlegers Dieter von Holtzbrinck gewonnen und dadurch erhebliche Investitionsmittel freigemacht. Das ist keinem seiner Vorgänger gelungen. Richtige Verleger sind eben mehr als nur Geldgeber und Dividendenempfänger. Steingart strahlt ein Selbstbewusstsein aus, das eher verblüfft als stört. Er hat kein Problem damit, den Chef der Deutschen Bank als Hauptredner einzuladen und sich wenige Tage später kritisch mit dessen Strategie auseinander zu setzen. Dabei ist er reichlich undogmatisch. Der Empörung gegen Putins Politik setzt er eine Titelgeschichte "Entpört euch" entgegen.  
Mit der verlegerischen Unterstützung Holtzbrincks kann er sein Credo in den Redaktionen durchsetzen: „Diese Gemeinschaft der wirtschaftlich Interessierten – für die Wirtschaft keine Rubrik und auch kein Studienfach, sondern eine Lebenseinstellung ist – wollen wir sicht- und erlebbar machen. Auf Papier. Digital. Und Live. Wichtig ist dabei nicht die Darreichungsform, wichtig ist der Wirkstoff: Journalismus. Sachkundig, unabhängig, mutig und inspirierend.” 
Ob das dem Handelsblatt und der Wirtschaftswoche immer so gelingt, sei dahin gestellt. Generell stimmt aber die Richtung. Die zu Holtzbrinck gehörende ZEIT hat unter Giovanni di Lorenzo vorgemacht, dass es so geht: Es steht der Journalismus im Vordergrund, nicht kurzfristiges Profitdenken. So mag Verleger Dieter von Holtzbrinck richtig liegen: "Ich bin mir sicher: Das Handelsblatt hat seine besten Jahre noch vor sich.”



Samstag, 15. Oktober 2016

Buchkritik "Wachstum über alles"

Rainer Hank hat in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Ausgabe vom 16.10.2016) einen kritischen und sehr lesenswerten Beitrag zu der neu aufkommenden "Degrowth-Beweguung" verfasst. Die Wachstumsgegner wettern gegen TTIP und CETA und verkennen, dass Wachstum heute nicht mehr durch rauchende Schlote erzeugt wird. Im "Wirtschaftsjournalist" habe ich die zu diesem Thema passende folgende Rezension veröffentlicht:

Der Journalist Ferdinand Knauß hat sich einige Fleißkärtchen für sein Buch verdient: „Wachstum über alles? Wie der Journalismus zum Sprachrohr der Ökonomen wurde” .

Die These ist: Wirtschaftsjournalisten hinterfragen den Sinn des Wirtschaftswachstums nicht. Sie übernehmen kritiklos die ökonomisch herrschende Lehre von der Notwendigkeit des Wachstums und sind somit letztlich Teil einer Wachstumsideologie.

Als Fellow am Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam hat der hierfür freigestellte Wirtschaftswoche-Redakteur dafür die digitalisierten Archive von FAZ, SPIEGEL und ZEIT ausgewertet und gezählt, wie oft der Begriff Wachstum verwendet wurde.  Es zeigt sich, dass das Wort „Wirtschaftswachstum“ seit den 50iger Jahren immer häufiger in den untersuchten Medien vorkommt. So hat es zwischen 2000 und 2009 genau 1523 Artikel in der ZEIT gegeben, die den Begriff des Wirtschaftswachstums enthielten. Nun ja, ich finde das nicht wirklich überraschend.

Es mag ja sein, dass Wirtschaftsjournalisten den Ökonomen folgen, deswegen ist das Wachstumsparadigma aber noch lange nicht falsch.           

Denn ja, am Wachstum hängt alles, und die vielen Versuche, Anti-Wachstums- und Konsumverzichtskonzepte zu finden, sind alle gescheitert. Wachstum wird von seinen Kritikern oft auf Produktionswachstum verengt. Motto: Immer mehr Pappbecher und immer mehr überflüssige Produkte. Dabei werden die positiven Auswirkungen des zunehmenden Dienstleistungsanteils und des technische Fortschritts (etwa auf die Umwelt) vernachlässigt. Und Wachstum ist auch Einkommenswachstum, aus dem sich letztlich der Wohlstand einer Nation speist. Entwicklungsländer brauchen hohes Wachstum, um in ihrer Lebensqualität aufzuholen. Reiche Länder kommen mit niedrigen Wachstumsraten aus: Von einem hohen Niveau aus wächst es sich halt langsamer, aber im Volumen ausreichend, um innovativ zu bleiben. Technischer Fortschritt trägt zwischen 40 und 60% zum Wirtschaftswachstum bei. Er sorgt für höhere Produktivität, mehr Effizienz, bessere Wettbewerbsfähigkeit und – mit Schumpeter – für die Zerstörung veralteter Technologien, auch im Umweltschutz.

Schon 1985 haben Lutz Wicke und ich in unserem Buch „Der Ökoplan – durch Umweltschutz zum Wirtschaftswunder“ gezeigt, dass Umweltschutz und Wirtschaftswachstum keine Gegensätze sein müssen. In den siebziger Jahren galten Umweltschutz und Wirtschaftswachstum vielen als unvereinbar. Nachdem 17 Wissenschaftler des Club of Rome 1972 „Die Grenzen des Wachstums“ publiziert hatten, wurde Wachstum in Medien wie Spiegel und ZEIT zum Umweltkiller. Wachstum wurde intensiv hinterfragt, wie Knauß selbst schreibt. Man diskutierte „Konsumverzicht“ und lauschte den Vorträgen von Kurt Biedenkopf, der sich mit seinem Institutsleiter Meinhard Miegel als Wachstumsskeptiker positionierte. Sicherlich hat der Club of Rome den zentralen Anstoß für globale Umweltschutzanstrengungen gegeben - bis hin zu den letzten Klimakonferenzen. Trotzdem ist die globale Wirtschaft weiter gewachsen. Zum Glück! Wer könnte ohne Wachstum Milliarden Menschen ernähren? Man erinnert sich noch an die Hungersnöte in Indien.

Das Hinterfragen des Wachstumsbegriffs haben wir doch längst hinter uns.
Es geht ja nicht um den Ausbau rauchender Schornsteine zur Steigerung der Industrieproduktion. Das Bruttoinlandsprodukt ist eben auch Nationaleinkommen und Gegenstand von Verteilungsfragen. Warum wollen die Gewerkschaften jedes Jahr Lohnzuschläge? Und wie sollen die Unternehmen diese ohne Wachstum (inklusive technischem Fortschritt) finanzieren?
Wer gegen Wachstum ist, muss zeigen, wie Lohnansprüche, steigende Gesundheitskosten, zunehmende Überalterung oder der Ausbau von Bildung finanziert werden sollen. Wer soll dann den inzwischen 100 Milliarden Euro überschreitenden Zuschuss des Steuerzahlers an die Rentenkasse bezahlen? Und wie sollen die gewaltigen Schuldenberge der Staaten ohne Wachstum abgebaut werden? Ohne Wachstum drohen gesellschaftliche Verteilungskämpfe, die nicht mehr zu steuern sind. Und global betrachtet: Wie sollen Entwicklungsländer ohne Wachstum die Schwelle der strukturellen Armut jemals verlassen können?
Solche Effekte lassen sich auch belegen. So resümierte der bekannte Ökonom Prof. Ulrich van Suntum: „Empirisch zeigt sich denn auch, dass das BIP hoch mit immateriellen Wohlstandskomponenten wie Bildung, Gesundheit, sozialer Sicherheit und intakter Umwelt korreliert ist.“

Ohne Wachstum gäbe es auch keinen Strukturwandel, denn Wachstum finanziert letztlich den technischen Fortschritt: Vergleichen wir die Computer von damals mit den heutigen Rechnern! Vergleichen wir den spezifischen Energieverbrauch damals und heute. Vergleichen wir China in  den 70iger Jahren mit heute! Vergleichen wir schnell gewachsene Riesen wie Apple, Google, Facebook mit schrumpfenden altindustriellen Konzernen wie Eon oder RWE!

Am Ende des Buches wünscht sich Knauß, dass Wirtschaftsjournalismus „feuilletonistischer“ werden müsse,weil Wachstum ein Kulturthema sei. Dagegen habe ich nun gar nichts einzuwenden: mit dem leider viel zu früh verstorbenen Frank Schirrmacher hatten wir ja in der FAZ einen großen Publizisten, der die Wirtschaft als Ressortleiter des Feuilletons regelmäßig thematisierte. In der Wirtschaftswoche habe ich diesen feuilletonistischen Ansatz allerdings noch nicht entdeckt.

Gespannt habe ich schließlich die Interviews mit meinen früheren Kollegen Michael Jungblut, Roland Tichy und Max Höfer gelesen. Die drei bestätigen denn auch brav, dass der Wachstumsbegriff zu wenig hinterfragt werde. Aber irgendwie wirken die Interviews wie ein Fremdkörper und Seitenfüller für einen müde gewordenen Autor, dem noch 20 Seiten Text fehlten. Im „Wirtschaftsjournalist“ wären sie besser untergebracht gewesen.
Immerhin gibt es auch unterhaltsame Teile. Bei Tichy, mittlerweile Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung, endet das Interview gewohnt provokativ:
Frage: „Warum stellen Hauptstadtjournalisten solche Fragen nicht?“
Antwort: „Sie können das nicht, weil sie Staatsjournalisten sind. Sie sind nicht Apologeten der Marktwirtschaft, sondern des Staatskapitalismus“.

Mein Fazit: Wer sich als Medienwissenschaftler oder Wirtschaftshistoriker für die großen Meinungsströme von Ludwig Erhard bis in die heutigen Jahre interessiert, findet in diesem Buch einen interessanten Streifzug durch die bundesdeutsche Wirtschaftsentwicklung mit vielen Zitaten bedeutender Wirtschaftsjournalisten.  Die irreführende These des Buches – Wirtschaftsjournalisten seien „Sprachrohr der Ökonomen“- hätte es dazu nicht gebraucht.