Donnerstag, 20. April 2017

Sieger und Verlierer. Was macht den Unterschied aus?

In den Medien ist viel über "Siegertypen" zu lesen. Von"Verlierertypen" habe ich noch nichts gelesen.

Nach den beiden denkwürdigen Spielen unserer besten Vereine in der Champions League: Sind die Bayern noch Siegertypen? Oder die Dortmunder? Beide haben prima gekämpft, und sind doch am Schluss ausgeschieden. Verlierertypen wird man sie deshalb nicht nennen wollen.

Also was macht eigentlich den Unterschied aus zwischen verlieren und gewinnen?

Wenn die zwei weltbesten Tennisspieler gegeneinander antreten: Warum gewinnt der eine und verliert der andere? (Auf Platz eins steht Andy Murray aus England, auf Platz zwei Novak Djokovic aus Serbien). Die Antwort ist einfach: Wenn Murray und Djokovic gegeneinander spielen, kann man von identischer technischer Kompetenz sprechen. Der Unterschied ist: Wer die stärkeren Nerven hat, gewinnt. Und natürlich gehören starke Nerven auch zur Kompetenz, die dann eben doch nicht ganz identisch ist.  Der Weltklasse-Golfer, der aus einem Meter Entfernung das magische Loch verfehlt, das er hundertmal getroffen hat, wird zum Verlierer, wenn die Nerven versagen. So ist es auch im Fußball. Man sieht den Unterschied zwischen zwei gleichwertigen Mannschaften schon nach dem ersten Tor: Wer 1:0 in Rückstand gerät, spielt plötzlich nervöser, spielt Fehlpässe, trifft den Ball nicht mehr richtig und droht zu verlieren. Aber viele Mannschaften schaffen es dann doch, das Spiel zu drehen. Sie raffen sich auf, sie kämpfen. Und so werden potentielle Verlierer dann doch zu Gewinnern.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der die meisten irgendwie kämpfen müssen: Eine lebensbedrohliche Krankheit, Arbeitslosigkeit, Insolvenz. Oder Probleme in der Familie: Scheidung, Drogenprobleme, Alkoholismus, Depressionen, Demenz. 
Es gibt wohl niemanden, der nicht nach einigen Jahren Lebensweg Krisen erlebt hat. Manchmal stehen wir vor ausweglos erscheinenden Situationen, und manchmal sind sie auch ausweglos. 

Der Unterschied ist, den Kampf anzunehmen, selbst wenn die Gefahr besteht, ihn zu verlieren. 

Aber wer es nicht wenigstens versucht, der wird nie erfahren, ob er es doch hätte schaffen können. Das wird besonders bei Grenzfällen deutlich. Der amerikanische Autor Ben Sherwood hat in seinem Buch "Wer überlebt?" zahlreiche Überlebende, Ärzte, Rettungskräfte, Katastrophen- und Sicherheitsexperten befragt. Danach könnten viele Opfer von Flugzeugabstürzen noch leben, wenn sie sich richtig verhalten hätten. Das liegt daran, dass die meisten Unglücke bei Start oder Landung passieren. Die Überlebensquote insgesamt liegt bei 95%.
Wenn Panik ausbricht, etwa bei Feuer, gibt es Menschen, die das Richtige tun und andere, die wie gelähmt sind. 45% der Flugbegleiter sollen laut einer Untersuchung bei Flugzeugunglücken handlungsunfähig gewesen sein.
Beim Untergang der Estonia-Fähre ging ein Großteil der Passagiere mit dem Schiff unter, ohne versucht zu haben, das Schiff zu verlassen (was aber auch nicht einfach war, denn es war nachts und stürmische See). Immerhin haben 137 Menschen überlebt, weil sie es gewagt haben.

Der Unterschied zwischen Schiffbrüchigen die überleben und solchen, die es nicht schaffen liegt laut Untersuchungen vor allem im Überlebenswillen der Betroffenen. Beim Untergang der Viermastbark "Pamir" in einem Hurrikan vor knapp 60 Jahren überlebten nur sechs von 86 Männern. Einer der Überlebenden wurde nach drei Tagen noch gefunden.  Er hatte nicht aufgegeben, wie viele seiner Kameraden. 

Der berühmte Frosch, der ins Milchfass gefallen ist und solange schwimmt, bis die Milch zur Butter geworden ist und er aus dem Fass springen konnte, wusste nicht, dass Milch durch langes Rühren zu Butter wird. Trotzdem hat er sich richtig verhalten und - scheinbar sinnlos - gekämpft. 

Es gibt "Siegertypen" wie Thomas Middelhoff oder Uli Hoeneß, die mit dem Gang ins Gefängnis die tiefste Demütigung erfahren haben, die man sich für einen Konzernlenker vorstellen kann. Hoeneß hat es geschafft, sich wieder zu seinem Verein FC Bayern München zurück zu kämpfen. Eine unglaubliche Leistung. Wie es mit Middelhoff weiter geht, werden wir irgendwann erfahren. Wie ich ihn kenne, wird er nicht aufgeben. Hoffentlich.

Manche Menschen kämpfen nicht oder nicht mehr, weil sie die Schuld für ihren Burnout-Zustand bei anderen suchen. Oder beim "System", das sie benachteiligt. So hängen viele am Tropf des Systems, abhängig von staatlichen Leistungen, unfähig, diese Abhängigkeit zu verlassen. Unzufrieden mit sich selbst, antriebslos, nervig für die Umgebung, unglücklich bis zur Erkrankung an einer Depression. Und Schuld sind immer die anderen.

Wenn wir Glück haben, gibt es Menschen in unserer Nähe, die uns dabei helfen, aus der Krise zu kommen. Aber am Ende sind wir für uns selbst verantwortlich, solange uns die geistigen oder physischen Kräfte nicht verlassen haben. Und solange gilt, es die Nerven zu behalten, nicht aufzugeben.





Dienstag, 4. April 2017

Nordrheinwestfälisches Jägerlatein

Am 14.Mai wählt Nordrhein-Westfalen einen neuen Landtag. Nach der letzten Forsa-Umfrage liegt die SPD bei 40%, die CDU bei 26%, die Grünen bei 6 Prozent, die FDP bei 11 Prozent. Die Linke bei 5 und die AfD bei 7 Prozent. Das reicht nicht für rot-grün, stattdessen könnte es das Revival einer sozialliberalen Koalition geben. Das wäre so schlecht nicht.
Es ist unwahrscheinlich, dass der CDU unter dem wackeren Armin Laschet bei dieser Ausgangsposition noch die Aufholjagd gelingt.

Einen Wahlsieg hätte Hannelore Kraft indes nicht verdient. Das Land wird seit ihrem Amtsantritt ziemlich schlecht regiert. Insbesondere ihrem Innenminister Ralf Jäger klebt die Inkompetenz an den Füßen. Man erinnert sich an die Krawalle Tausender rechtsextremer Hooligans 2014. Die Kölner Silvesternacht gilt als beispielloses Versagen der Polizeiführung.  Der Berliner Attentäter Amri wurde in NRW monatelang beschattet, aber nicht abgeschoben.
Dazu Oppositionsführer Laschet im Deutschlandfunk: "Es ist doch logisch, dass wenn jemand 14 Identitäten hat, damit seine eigene Identität verschleiert und er selbst ein Abschiebehindernis schafft, alleine aus diesem einen Tatbestand in Abschiebehaft genommen werden kann...Das Nichthandeln der Behörden in Nordrhein-Westfalen hat die Gefahr dieses Terroranschlags erhöht und die Kausalität ist: Hätte er in Haft gesessen, hätte er den Anschlag nicht verübt" .

Das Thema Sicherheit wird in Nordrhein-Westfalen seit Jahren sträflich vernachlässigt.
Das Bundesland hat mehr Einbrüche als Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt zusammen. In München gibt es im Schnitt 1.000 Einbrüche im Jahr, in Köln 5.000. Kein Wunder, dass der Bundes-Chef der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt, übrigens ein CDU-Mitglied, aus diesem nordrhein-westfälischen Umfeld stammt. 
In Wikipedia lese ich: "Nach am 3. März 2017 veröffentlichten Recherchen von Report München bekam Wendt jahrelang eine Besoldung als Hauptkommissar ohne diese Tätigkeit tatsächlich auszuüben. In einem ersten Interview hatte er dies zunächst explizit verneint, gab dann aber in einem zweiten Interview zu, „nicht die ganze Wahrheit“ gesagt zu haben; er behauptete, er habe den nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger (SPD) schützen wollen."

CDU und FDP nennen Jäger nur noch „den Pleitenminister“. Der Kölner Stadtanzeiger schrieb: "Bei der Aufklärung der Silvesternachts-Übergriffe in Köln hatte Jäger durch einen schrägen Vergleich für Aufregung gesorgt. Die Gesundheitsministerin führe schließlich selbst auch keine Operationen durch, sagte der Minister, um seine Verantwortung für den Pannen-Einsatz zu relativieren. Später entschuldigte er sich dafür. Jäger fällt sein Hang zur Flapsigkeit aber immer wieder vor die Füße. Im Innenausschuss sagte er kürzlich zu dem Vorwurf, man hätte dem Berlin-Attentäter Anis Amri die Handy-Nutzung verbieten müssen: „Ich habe das bei meinem zwölfjährigen Sohn auch mal versucht.“ Eine unangebrachte Witzelei. Mit der Manuskript-Panne demontiert sich Jäger nun einmal mehr selbst. Die Opposition kann sich die Hände reiben."

Nordrheinwestfalen ist in vielen Bereichen Schlusslicht. Es fängt mit Kleinigkeiten an. So hat die Deutsche Umwelthilfe laut WDR kürzlich ermittelt, welche Politiker die umweltschädlichsten Autos fahren. Das Ergebnis: Den unrühmlichen ersten Platz unter den Ministerpräsidentin hält ausgerechnet die NRW-Landeschefin Hannelore Kraft: Ihr gepanzerter Mercedes S 600 verbraucht 11,5 Liter auf 100 Kilometer. 2015 war NRW das einzige Bundesland mit Nullwachstum. In NRW sind mehr Leute arbeitslos als in Thüringen und Sachsen. Nach einer Studie der  gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat 2014 fast jedes vierte Kind in NRW in einem einkommensarmen Haushalt gelebt. 2005 war es noch jedes fünfte. Der WDR weiter: "An den Ganztags-Gymnasien verbringen hessische Schüler in der Woche mehr als 16 Stunden zusätzlich mit gemeinsamem Lernen und AGs – in Nordrhein-Westfalen sind nur knapp vier Stunden dafür vorgesehen. Das reicht nur für das Mittagessen und einen Teil der Hausaufgaben. Den Rest der Förderung müssen dann wohl die Eltern übernehmen – so sie dazu in der Lage sind." 
Und NRW ist auch Schlusslicht bei den Infrastruktur-Ausgaben. Also zum Beispiel den Investitionen für Neubau oder Erhalt von Straßen oder Schulgebäuden. 2014 haben Land und Kommunen in NRW dafür ziemlich genau halb so viel pro Kopf der Bevölkerung ausgegeben wie die Bayern.
Und vergessen wir nicht den Oberspitzel aller Finanzämter, den nordrhein-westfälischen Finanzminister und Steuer-CD-Hehler Walter Borjans. Er kauft seit Jahren gestohlene Unternehmensdaten aus der Schweiz - was dort als klarer Rechtsbruch gesehen wird.
Ist das alles nur Jägerlatein? 

Freitag, 31. März 2017

Der Brexit wird eine Erfolgsgeschichte

So langsam haben sich alle ausgeheult über die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen. Da wird gewarnt, spekuliert über Kosten, gerechnet. Firmen überdenken ihre Strategien, Londoner Banken machen sich auf den Weg nach Frankfurt - und in Frankfurt steigen die Mietpreise.

Ich finde solche epochalen Ereignisse erst einmal höchst spannend. Die Welt wird durch diesen Schritt nicht untergehen, das Abendland auch nicht und Europa bleibt Europa. 60 Milliarden Kosten für die Engländer? Ein lächerlich niedriger Betrag. Geschenkt angesichts der viel höheren Beträge, die europäischen Krisenländern gezahlt wurden. 60 Milliarden - so hoch ist die Obergrenze der EZB-Anleihenkäufe - monatlich wohl gemerkt.

Im Gegenteil, vielleicht hat der Brexit enorm viel positives Potential. Er bringt neue Dynamik in die britische und resteuropäische Wirtschaft, er bringt zusätzliches Wachstum für alle Beteiligten. Denn es muss ja jetzt alles alles vorbereitet werden. Goldene Zeiten für Anwälte und Berater. Innovative Anstöße für Problemlösungen. Und so weiter.

Das britische Pfund ist ja nie abgeschafft worden, also da ändert sich für Unternehmen schon mal nichts außer der Abwertung des Pfundes, das 2016 etwa 16% gegenüber dem Dollar verloren hat. Mit Auf- und Abwertungen können Exportunternehmen umgehen. Man kann sich absichern. Unternehmen haben die Fähigkeit, sich an veränderte Marktbedingungen anzupassen. Seit der Brexit beantragt ist, wissen die Manager Bescheid. Jetzt noch darauf zu setzen, dass der Brexit rückgängig gemacht wird, wäre für alle betroffenen Unternehmen fahrlässig. Also werden alle Aktivitäten, die mit dem Vereinigten Königreich zu tun haben, auf den Prüfstand gestellt. Das wird allen Unternehmen gut tun, es lassen sich Effizienzen verbessern, Strukturen überarbeiten, Geschäftsmodelle entwickeln und mehr.
Am wichtigsten wird die Frage der freien Arbeitsplatzwahl innerhalb Europas sein. Hier machen sich insbesondere die polnischen Freunde Sorgen, dass sie das Land verlassen müssen. Es wird nicht so kommen, sie sind begehrte Arbeitskräfte, vielleicht müssen sie neue Formulare ausfüllen, aber das ist es dann auch. Die Einreise für Immigranten aus nichteuropäischen Ländern werden die Briten indes massiv erschweren, das war schließlich für viele Briten das wichtigste Motiv für den Brexit.

Es wird interessant sein, wie alle in Europa geltenden Regeln, die durch den Austritt für Großbritannien nicht mehr gelten, ersetzt oder gestrichen werden.  Man wird dann erst einmal den Irrsinn bilanzieren, den die europäische Gesetzesflut über die Jahre heran geschwemmt hat - zum Verdruss vieler Bürger und Unternehmen.

Und da sind wir bei den Folgen für Europa. Wenn Europa nicht auseinander brechen soll und die Populisten ferngehalten werden sollen, dann muss es gründlich reformiert werden. Weniger Gesetze, weniger Bürokratie, angemessene Gehälter, demokratische Gesetzgebungsprozesse - um nur einige Beispiele zu nennen. Es muss nicht alles vereinheitlicht und gleich geschaltet werden, lasst Europa seine Vielfalt. Europa ist nach wie vor ein Friedensprojekt. Die Regulierung der Wirtschaft ist zweitrangig. Frieden und Sicherheit, das sind die eigentlichen Pfeiler, die Europa bieten kann, wenn alle an einem Strang ziehen. Und genau hier wird sich Großbritannien nicht davon machen, denn die europäischen Sicherheitsinteressen sind immer auch die Sicherheitsinteressen des Vereinigten Königreichs.
Der Brexit wird eine Erfolgsgeschichte, für alle Europäer. Versprochen!






Freitag, 24. März 2017

Ohne Reichtum wäre eine Gesellschaft arm

Irgendwie verstehe ich nicht, warum soviel auf den Reichen herumgehackt wird. Was wäre die Welt ohne die Reichen? Langweilig!
Die reichen Fußballer, die Jackpot-Gewinner, die Stifter, die Forbes-Milliardäre. Was wären die Medien ohne sie?
Große Schlagzeile letzte Woche: Susanne Klatten und Stefan Quandt erhalten 1 Milliarde Euro an Dividenden aus ihrer BMW-Beteiligung. Ist ja der Wahnsinn. Aber wer fragt eigentlich, was sie mit dem Geld machen? Sie machen daraus sicher keine Goldbarren, die in irgendeinem Keller lagern. Sie investieren. Reiche investieren immer. Stefan Quandt hat zum Beispiel den Dresdner Solarpionier Solarwatt und damit viele Arbeitsplätze gerettet.  Susanne Klatten hat mit ihrer Beteiligung an SGL-Carbon eine deutsche Industrieperle gerettet, die ohne sie entweder ins Ausland verkauft oder in den Abgrund gefahren wäre.
Wenn Reiche ihr Vermögen erhalten wollen, müssen sie investieren. Sonst verlieren sie Geld.
Investitionen schaffen Arbeitsplätze. Viele Reiche gründen Stiftungen, die gemeinnützige Zwecke verfolgen. Steuervorteile spielen dabei keine Rolle. Es geht entweder darum, die Kontrolle des Unternehmens über eine Stiftung zu sichern (siehe Bertelsmann) oder der Gesellschaft etwas zurück zu geben.
Mark Zuckerberg und Bill Gates spenden fast ihr gesamtes Vermögen dafür. Was sollen sie auch sonst damit machen. Aber lasst doch mal das Herummäkeln daran! Ist doch Klasse, was die machen.
Der Fußballer Ronaldo hat seine Werbeeinnahmen in British Virgin Islands deponiert, wie Fußball-Leaks heraus gefunden hat. Es hat niemanden aufgeregt, und das ist gut so. Irgendwann muss Ronaldo das ganze Geld investieren. Soviel Geld kann man gar nicht verprassen. Vielleicht kauft er damit einen Fußballverein. Vielleicht baut er sich von dem Geld eine Luxus-Yacht wie der Schrauben-Unternehmer Würth. Der hat sich eine in Holland bauen lassen und dort viele Arbeitsplätze gesichert. Dafür wurde er hier wüst beschimpft. Eine Luxus-Yacht, na so was.

Rund 8.4 Millionen Bundesbürger spielen Lotto.  Warum wohl? Sie wollen reich werden. Ein Traum, der selten wahr wird, aber manchmal eben doch.
Der alte Flick wurde mal gefragt, ob er eine Dividende von 60 Millionen D-Mark nicht mal ans Volk verteilen wolle. Er sagte sinngemäß, er sei dazu gerne bereit, jedem Deutschen einen Anteil zu vermachen. Eine Mark pro Bundesbürger. Davon hätte sich jeder ein Eis kaufen können. Stattdessen konnte Flick das Geld investieren - viel sinnvoller!

Ach ja, es geht doch um die "wachsende Schere zwischen arm und reich".  Die Statistiken sind unter Fachleuten höchst umstritten. Es macht aber wenig Sinn über die Zahlen zu diskutieren, die Armutsberichte veröffentlichen, denn das hilft den Menschen, die arm sind, nicht. Ja, es gibt Armut, und ja, darum muss sich die Gesellschaft kümmern. 50 Prozent unserer Bevölkerung leben von staatlichen Transfers. Die andere Hälfte finanziert das letztlich mit ihren Steuern, einschließlich der Sozialleistungen an arme Menschen.

Wir werden die Armut aber nicht dadurch abschaffen, dass wir die Reichen außer Landes verweisen.
Das Problem ist die permanente Gegenüberstellung von arm und reich. Was bringt es, wenn das Gehalt eines Vorstandsvorsitzenden als Vielfaches eines Arbeitnehmergehalts dargestellt wird? Es erzeugt Neid, sonst nichts. Und was ist damit gewonnen? Gleichheit ist nicht gerechter als Ungleichheit! Gleichheit ist das Schlimmste, was einer Gesellschaft passieren kann. Sie wirkt demotivierend. Sie bremst die Innovation, sie bremst Kreativität, sie macht abhängig. Und sie macht das Leben langweilig.

Ich bin dafür, dass jeder so viel verdient, wie er kann. Und so reich wird, wie er sein möchte.





Dienstag, 21. März 2017

Trump und das FBI

Der FBI Chef James Comey wird wohl nicht mehr lange das FBI leiten, so wie er Donald Trump gestern blamiert hat. Mutig von ihm, aber wird Trump über dieses Thema stolpern? Es könnte sein.

Es geht ja um zwei Vorgänge:

  1. Wurde Trumps Wahlkampfteam im Auftrag Obamas abgehört? Das FBI sagt, anders als Trump, nein.
  2. Hatte Trumps Wahlkampfteam Kontakte zu russischen Geheimdiensten? Das FBI hat Anhaltspunkte und ermittelt.
Ich frage mich, ob beides zusammenhängt und warum keiner das schreibt. 
Aus der Sicht des US-Präsidenten könnte das Abhören von Leuten wie dem zurück getretenen Sicherheitsberater Michael Flynn nämlich als Abhören seines Wahlkampfteams interpretiert werden. 

Zitat Tagesschau.de: "Wochen vor dem Amtsantritt Donald Trumps, telefonierte Michael Flynn, der designierte nationale Sicherheitsberater des künftigen Präsidenten mit dem russischen Botschafter Sergej Kisljak in Washington. Ein brisanter Inhalt des Gesprächs: die gerade von Präsident Obama verhängten Sanktionen gegen Russland. Offiziell hatte Flynn behauptet, die Sanktionen seien kein Thema gewesen. Aber Geheimdienste hatten mitgehört."

Das Vertrackte für Trump ist jedoch, dass seine Abhörbehauptung nur dann funktioniert, wenn sein Wahlkampfteam tatsächlich mit Putins Leuten gemeinsame Sache gemacht hat. Dann wäre die Abhöraktion des FBI als Spionageabwehr gerechtfertigt, und der Vorwurf des illegalen Abhörens vom Tisch. Entscheidend ist also, was das FBI an Kontakten und deren Sinn beweisen kann. Das könnte Trump tatsächlich den Kopf kosten. Warten wir mal ab.

Waltraud Dust hat was gefragt...

... während einer Pressekonferenz mit Angela Merkel und Donald Trump.

Viel wurde schon dazu geschrieben. Die dpa-Journalistin stellte drei Fragen - ich zitiere hier den Berliner Tagesspiegel
"Von Merkel wollte sie wissen, für wie gefährlich die Kanzlerin die Abschottungspolitik des US-Präsidenten halte und an Trump stellte sie zunächst die Frage, ob die Schwächung von Europa durch "America first" nicht auch eine Gefahr für die USA sei, bevor sie das ganz schwere Geschütz auffuhr: "Warum machte Ihnen eigentlich Pressevielfalt so große Angst, dass sie so oft von ,Fake News' sprechen und dann selbst Dinge behaupten, die dann nicht belegt werden können wie die Äußerung, Obama habe sie abhören lassen?"

So weit so gut. 
Aber dass daraus ein solcher Hype wird, finde ich ein bisschen lächerlich. Ich nehme an, das war selbst Waltraud Dunz unangenehm. Aber vielleicht hat es am Ende doch was Gutes?

Der Chefredakteur von dpa, mein früherer Berliner-Morgenpost-Kollege Sven Gösmann, ich verstehe ihn ja, feierte seine Kollegin voller Stolz den ganzen Tag auf Facebook (obwohl sie zur Rheinischen Post wechselt). Der Online-Stern interviewt die "gefeierte Journalistin". Die "Heute Show" präsentierte die Frage als "Highlight des Tages". Amerikanische Medien loben die Fragestellerin. Der Spiegel twittert: "DPA-Kollegin @WaltrautDunz hat bei den US-Journalisten im Weißen Haus bleibenden Eindruck hinterlassen."

Meine Güte, wieso gehört Mut dazu, solche Fragen an Angela Merkel und Donald Trump zu stellen? Dass Trump die Fragen nicht wirklich beantwortet hat - naja, außer dass er kein Isolationist sei - wird ganz unwichtig, Hauptsache, eine tolle, mutige Frage gestellt.

Frau Dunz hat ihren Job gemacht. Sie hat nicht gefragt, um die Kollegen zu beeindrucken, sondern weil sie etwas wissen wollte. Sie selbst sagt dazu: "Wir stellen eigentlich keine Fragen, nur um zu provozieren. Wir wollen natürlich etwas erfahren."

Erfahren hat sie allerdings nichts, außer dem, was wir wussten. Dass Trump eben so ist wie er ist. Ein unhöflicher, ignoranter Lügenbold, der selbst Fake News produziert und den Medien Fake News vorwirft. Mal sehen, was das FBI und die bösen Medien noch so alles rausfinden.

Frau Dunz wird wahrscheinlich keine Fragen mehr an Trump stellen dürfen. Aber vielleicht tun sich für Sie durch den Auftritt viele neue Quellen auf, die Informationen zu dem liefern, was Frau Dunz erfahren will.  Dann hätte sich das Ganze gelohnt.
Allerdings hat sie ja nur Merkels Kanzleramtsmaschine für einen Ausflug nach Washington genutzt, und ihr neuer Arbeitgeber, die Rheinische Post wird sich wahrscheinlich einen Korrespondentenposten für sie in Washington nicht leisten können. Schade eigentlich. Sie sollte ab jetzt jeden Tag eine Frage an Trump twittern.






Donnerstag, 2. März 2017

Die ZEIT klärt auf: Faktencheck Martin Schulz

Heute erst las ich in der ZEIT vom 23.Februar  einen erhellenden Beitrag von Kolja Rudzo. Must read!
Der ZEIT-Autor ging der Frage nach, ob die Behauptung des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz stimmt, wonach es seit den Hartz IV Reformen immer mehr "prekäre" Arbeitsverhältnisse in Deutschland gebe. Darunter verstehe man befristete Arbeitsverträge, Minijobs, Leiharbeit und Solo-Selbstständige ohne Angestellte.
Die Fakten: Seit 2006 entstanden rund 1,5 Millionen unbefristete, sozialversicherungspflichtige, also "normale" Arbeitsplätze. Rechnet man Teilzeit über 20 Wochenstunden dazu, sind es sogar 2,7 Millionen. Schöner Nebeneffekt: Die Kassen der Sozialversicherungen sind randvoll.

Befristete Arbeitsverhältnisse gingen dagegen um 200.000 auf 2,5 Millionen zurück, Minijobs um 80.000 auf 4,8 Millionen und Solo-Selbtständige um 120.000 auf zwei Millionen. Lediglich die Zahl der Leiharbeiter stieg um 370.000 auf eine Million. Immerhin sind Leiharbeiter auch Vollzeitbeschäftigte.

Macht es da wirklich Sinn, die Agenda 2010 zurückzudrehen?

Die ZEIT zählt noch weitere Punkte auf, wie gesagt: Hier lesen und informieren, Herr Schulz!

Montag, 27. Februar 2017

Wahljahr 2017: Schicksalsjahr für Europa?

2017 wird ein schicksalhaftes Jahr für Deutschland und Europa. Mit Trump hatte es angefangen. Großbritannien startet den Brexit im März. In Frankreich klopft Marine LePen an die Tore des Elysee-Palastes. Im April und vor allem in der Stichwahl im Mai entscheidet sich, ob die europafeindliche Rechtspopulistin LePen unser Nachbarland künftig regieren wird. Schon im März will Geert Wilders in den Niederlanden mitmischen, noch einer von derselben ausländerfeindlichen Sorte. In Italien wird wohl im Frühjahr neu gewählt. In Deutschland gibt es mehrere Landtagswahlen: Saarland (26.März), Schleswig-Holstein (7.Mai) und NRW (14.Mai). Am 24. September folgt schließlich die Bundestagswahl. Schulz gegen Merkel. Und das ganze Jahr über Trump, Trump, Trump.
Was kann bei all dem herauskommen? Ich wage einmal Prognosen.

Die größte Unsicherheit geht von Frankreich aus, dem zentralen Pfeiler Europas. Wahrscheinlich wird Marine LePen als stärkste Kraft aus der ersten Wahl hervorgehen. Aber sie wird die Stichwahl verlieren, zumindest diesmal. In den Niederlanden wird keine Partei mit Wilders koalieren, also auch dort kein "Machtwechsel". Die Briten bleiben auch nach dem Brexit Europäer und wichtigster NATO-Partner. Es wird harte Verhandlungen über die Austrittskosten geben, aber am Ende wird ein Kompromiss alles in geordnete Bahnen lenken.
Die Wirtschaft kann sich auch mit bilateralen Regelungen anfreunden. und im Grund genommen besteht die Chance, dass Europa in der Krise wieder näher zusammenrückt. Es besteht allerdings hoher Reformbedarf, der jetzt angegangen werden muss.

Bei den Landtagswahlen wird die SPD vom Schulz-Hype profitieren, davon muss man ausgehen. Ob diese Ergebnisse den Kanzlerkandidaten dann auch zur Kanzlerschaft führen, ist für mich aber völlig offen. Das Komische ist ja, dass Schulz gegen eine Bundesregierung antritt, in der seine eigene Partei mitregiert und für alles mitverantwortlich ist, was Schulz ändern will. Es wäre fatal, wenn ein rot-rot-grünes Bündnis die Agenda 2010 weiter zurückdreht, Steuern erhöht und den Staatsanteil noch weiter ausbaut.
Selbst wenn Schulz das Bundestagsergebnis für die SPD erheblich verbessern sollte, wird es hoffentlich nicht für ein rot-rot-grünes Bündnis reichen. Vielleicht ginge es dann mit der FDP als vierten im Bunde, aber das dürfte Christian Lindner nicht mitmachen. Wahrscheinlich kommt es also erneut zu einer großen Koalition, wenn es nicht zu irgendeinem fatalen Großereignis wie einem Finanzcrash kommt, so dass sich alle hinter der Kanzlerin versammeln.
Und Trump? Die Wirtschaft wird erst einmal ihr Fähnchen nach seinem Wind ausrichten, und vielleicht sogar von seinen angekündigten Maßnahmen profitieren.
Aber Trump ist und bleibt der durch seine Präsidentenmacht gefährlichste und unberechenbarste Politiker der westlichen Welt. Er wird sich keinen Deut ändern, zu lange sind seine Sprüche und sein Verhalten konsistent.
Ich hoffe, dass sich in den USA eine Gegenbewegung mobilisieren lässt, die ihn aus dem Amt jagt. Vielleicht noch nicht in diesem Jahr, aber im Laufe seiner Amtszeit. Seine Anti-Medienkampagne wird genug fähige Journalisten motivieren, jeden seiner Schritte, seine Geschäfte, seine Steuererklärung, seine Vergangenheit auseinanderzunehmen, bis sein wahres Fake-News-Gesicht offen liegt.  Und das wären dann die besten Nachrichten des Jahres 2017.
Das Schicksalsjahr 2017 könnte dann sogar ein gutes Jahr werden.




Dienstag, 21. Februar 2017

Gesundheit - das kranke System

Heute war ich bei meinem Orthopäden mit Kniebeschwerden, die er super mit einigen Spritzen behandelt hat. Ich erzählte ihm von einem Freund, der seit einer Arthroskopie am Knie sehr starke Schmerzen hat - stärker als vorher.  Mein Orthopäde arbeitet konservativ und kommentierte meine Geschichte so: Für eine Arthroskopie erhält ein Arzt rund 1000 Euro. Behandelt er das Knie drei Monate konservativ erhält er 28 Euro pro Behandlung. Kein Wunder also, dass Orthopäden sehr schnell zur Arthroskopie greifen.
Das hört man überall. Wer in eine Klinik muss, erhält immer das volle Programm, denn die Maschinen müssen ja ausgelastet werden. Wer längere Arthrose im Knie oder in der Hüfte hat, dem wird recht schnell zu einem künstlichen Gelenk geraten. Zigtausenden Patienten wird ein künstliches Kniegelenk ohne wirkliche Notwendigkeit aufgeschwatzt, weil davon inzwischen eine ganze Industrie lebt. Die Orthopäden - mit Ausnahmen - sind die Schlimmsten. Mir haben sie eine - wie sich später herausstellte - völlig überflüssige Meniskusoperation gegen meine Knieprobleme verordnet. Ich werde mir vor meinem 80igsten Lebensjahr jedenfalls kein künstliches Gelenk einbauen. Mit Bewegung und gelegentlichen Spritzen geht es auch ohne.
Aber Scherz beiseite, das muss ja alles bezahlt werden. Das Aushandeln der Preise zwischen Kassen und Arztverbänden scheint nicht zu funktionieren. Es benachteiligt die engagierten, patientenorientierten Ärzte gegenüber den gewinnmaximierenden, apparateorientierten Doktores. Unser Gesundheitssystem ist krank. Wer kann es heilen?
Ich jedenfalls bin froh, dass ich nach neun Jahren endlich den richtigen Arzt gefunden habe.


Montag, 20. Februar 2017

Mehr Rüstung oder mehr Nachdenken?

Ich gehöre nicht zu denen, die Verteidigungsanstrengungen für überflüssig halten. Aber als ich heute im Handelsblatt eine Tabelle sah, die die Rüstungsausgaben aller Natostaaten den Rüstungsausgaben Chinas und Russlands gegenüberstellte, habe ich mich doch gefragt, was hier eigentlich abgeht.
(Ich gehe mal davon aus, dass die im Handelsblatt angegebenen Quellen Nato und Sipri einigermaßen stimmige Schätzungen geliefert haben, nachprüfen kann ich das natürlich nicht).
Nach diesen Schätzungen gaben die USA allein im vergangenen Jahr 664,1 Milliarden US Dollar aus. China 214,8 und Russland 66,4. Großbritannien zahlt jährlich 60,4, Frankreich 43,6 und Deutschland 40,7 Milliarden. Alle Nato Staaten zusammen - die Zahl nannte übrigens gestern Sarah Wagenknecht bei Anne Will - kommen auf schätzungsweise 900 Mrd. US-Dollar. In einem Jahr!

Kriege sind ohne Rüstung nicht möglich, aber könnte es sein, dass es mit weniger Rüstung auch weniger Kriege gäbe? Warum müssen wir jetzt die Rüstungsausgaben erhöhen? Was wird damit erreicht, außer eine 2-Prozent-Regel einzuhalten? Wo Kriege stattfinden, hat die Abschreckung versagt. Deutschland kann sich mit Europa über eine lange Friedensperiode freuen, weil das Nato-Bündnis seit seiner Gründung eine glaubwürdige Abschreckung geliefert hat, die immer noch wirkt. Aber wie lange noch? Russland testet permanent aus, wie stark das Nato-Bündnis ist. Die Taliban in Afghanistan hat der massive Militäreinsatz nicht vertreiben können, im Gegenteil, sie weiten ihren Einfluss ständig aus. Allein der Afghanistan Einsatz hat bis 2014 mindestens 8,9 Mrd. Euro gekostet.

"Wir produzieren Sicherheit" hieß einst ein Werbeslogan der Bundeswehr. Gilt das noch, wenn wir in Mali Sicherheit produzieren? In Afghanistan hat die Sicherheitsproduktion versagt. In Syrien ebenfalls. In der Ukraine hält sie noch einigermaßen. Aber was kommt langfristig? In den letzten Jahren konnte man immer wieder lesen, wie allein im deutschen Rüstungsbereich Geld verschwendet wird. Letztes Beispiel: Der Transporter A 400, der immer noch nicht fliegt. Skurilles eingeschlossen: Ich lese, dass der Bundesrechnungshof den Kauf einer Strickleiter für die Fregatte "Emden" rügt. Sie wurde in der eigenen Tischlerei für 7000 Euro hergestellt, auf dem Markt hätte sie 300 Euro gekostet. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre.

Wer liefert und finanziert eigentlich den Kriegsparteien die Waffen, die Bomben, die Raketen? Woher bezieht der IS seine Waffen? Wer liefert den Taliban Waffen und Sprengstoff? Wer verdient daran? Wer rüstet die Polizei von Leuten wie Rodrigo Duterte aus, dem philippinischen Präsidenten, der Drogendealer mit Killern verfolgt? Wir müssen mehr Fragen stellen. Mehr Nachdenken statt mehr Rüstung.

Ich erinnere mich an Donovans Lied from "Universal Soldier" (Donovan live):

He's five feet two and he's six feet four
He fights with missiles and with spears
He's all of 31 and he's only 17
He's been a soldier for a thousand years
He's a Catholic, a Hindu, an athiest, a Jain,
a Buddhist and a Baptist and a Jew
and he knows he shouldn't kill
and he knows he always will
kill you for me my friend and me for you
And he's fighting for Canada,
he's fighting for France,
he's fighting for the USA,
and he's fighting for the Russians
and he's fighting for Japan,
and he thinks we'll put an end to war this way
And he's fighting for Democracy
and fighting for the Reds
He says it's for the peace of all
He's the one who must decide
who's to live and who's to die
and he never sees the writing on the walls
But without him how would Hitler have
condemned him at Dachau
Without him Caesar would have stood alone
He's the one who gives his body
as a weapon to a war
and without him all this killing can't go on
He's the universal soldier and he
really is to blame
His orders come from far away no more
They come from him, and you, and me
and brothers can't you see
this is not the way we put an end to war.


Montag, 13. Februar 2017

Brauchen wir Populismus?


Diese Kolumne habe ich auf Bilanz.de veröffentlicht:

In letzter Zeit wird in manchen Medien der Populismus schön geredet. Man muss sich mit dem Begriff näher beschäftigen, denn eigentlich kommt er freundlich daher. Jakob Augstein schreibt in seiner Lobeshymne für Martin Schulz: „So wie Donald Trump mit einer ungewöhnlichen Strategie Wähler gewann, wird es Martin Schulz tun: mit einer handlungsorientierten, bildhaften Sprache.” Als ob es nur um die bildhafte Sprache (und das Bekenntnis zur Klasse der Abgehängten) ginge!

Zum Begriff: Populus ist das Volk. Ein Wort wie „populär” hat ja denn auch einen guten Klang. Aber alles, was „istisch” ist, kommt negativ rüber: Rassistisch, islamistisch, populistisch.

In Wikipedia lesen wir unter anderem dazu: „Der Politikwissenschaftler Cas Mudde definiert Populismus als eine Ideologie, die davon ausgeht, dass die Gesellschaft in zwei homogene, antagonistische Gruppen getrennt ist, das ‚reine Volk‘ und die ‚korrupte Elite‘, und die geltend macht, dass Politik ein Ausdruck der volonté générale oder des allgemeinen Volkswillens sein soll”.

Darum geht es tatsächlich: „Ihr da oben – wir da unten”. Populisten tun so, also ob sie „die da unten” anführen und mit ihnen gegen „die da oben zu Felde ziehen”. Aber wie will man eine Partei anführen, ohne zur Elite zur gehören? Gerade bei Donald Trump wirkt der Populismus völlig absurd. Sein Club der Milliardäre, ist eine Versammlung erfolgreicher Eliten.

Eliten werden von Populisten unter Generalverdacht gestellt. Es wird ihnen nicht abgenommen, dass sie im Interesse des Volkes handeln. Anlass dazu hat es natürlich in den letzten Jahren reichlich gegeben.

Die angeblich(!) wachsende Schere zwischen arm und reich, das Fehlverhalten von Investmentbankern, die hohen Gehälter von Vorständen, Millionenabfindungen nach kurzer Arbeitszeit, die Vertuschung des Abgasskandals von VW, der Berliner Flughafen, und nun ein plötzlicher Flüchtlingsstrom – das alles ist Munition für Populismus.

Politiker, die eine bildhafte Sprache pflegen, kommen bei unzufriedenen Wählern gut an. Wir erinnern uns an Franz-Josef Strauss, der ein Meister darin war. Wer Angela Merkel reden hört, hat immer das Gefühl, dass sie in ihren weichen Formulierungen wie ein Pudding ist, den man an die Wand nagelt. Dafür war früher auch Hans-Dietrich Genscher berüchtigt. Schäuble ist auch so ein „Weichspüler”, der erst in letzter Zeit öfter Klartext redet.

Wenn nun ein Kanzlerkandidat Martin Schulz mit populärer und bildhafter Sprache antritt, was hat Angela Merkel dagegen zu setzen?

Angela Merkel ist das krasse Gegenteil eines Populisten. Sie ist bedächtig, denkt in Kompromissen, scheut sich aber nicht, Autokraten wie Putin, Erdogan und Trump kritisch zu reflektieren, sie redet den Leuten nicht nach dem Mund. Aber sie ist auch kein Haudrauf, und die Bilanz ihrer Amtszeit kann sich zumindest wirtschaftlich sehen lassen. Sie hat in der Finanzkrise die Sparer beruhigt und sie hat eine bislang funktionierende Lösung für die Flüchtlingskrise gefunden.

Deshalb hat sie weltweit hohes Ansehen und nach wie vor recht hohe Beliebtheitswerte in der Bevölkerung, die Ergebnis ihrer Amtszeit sind. Martin Schulz reitet derzeit auf einer Beliebtheitsweille aufgrund von Erwartungen in seiner Partei, die vor allem aus der Erleichterung über den Verzicht von Sigmar Gabriel herrühren.

Eigentlich weiß kein Bürger wirklich, was er in Brüssel gemacht hat. Seine Amtszeit in Brüssel dürfte eher gegen ihn sprechen, beispielsweise die Unterstützung Jean-Claude-Junckers bei der Unterdrückung eines Luxemburger Steuerskandals – da sind einige Fragen offen.

Absolvierte Amtszeit und populistische Erwartungen, das sind zwei verschiedene „Assetklassen”, die im Wahlkampf gegeneinander antreten.

Martin Schulz kann nur mit Populismus gewinnen, indem er die Erwartungen immer weiter hochschraubt, mehr Gerechtigkeit verspricht und den „Abgehängten” eine Heimat in der SPD verspricht. Wenn es ihm gelänge, auf diese Weise AfD-Wähler in die SPD zu locken, hätte das ja auch was Gutes.

Es wird ihm aber nicht gelingen, denn in der zentralen Frage der Flüchtlingspolitik ist die SPD unpopulistisch, und das ist gut so. Deutschland braucht keinen Populismus, und ohne Eliten funktioniert weder die Wirtschaft noch die Politik.

Sonntag, 5. Februar 2017

Brunowsky´s Business Monitor: Warum Martin Schulz als Tiger startet und als Tepp...

Brunowsky´s Business Monitor: Warum Martin Schulz als Tiger startet und als Tepp...: Sigmar Gabriel muss das schon ziemlich getroffen haben, diese Euphorie mit der Martin Schulz in der SPD gefeiert wird. Wenn der hessische SP...

Warum Martin Schulz als Tiger startet und als Teppichvorleger landen wird

Sigmar Gabriel muss das schon ziemlich getroffen haben, diese Euphorie mit der Martin Schulz in der SPD gefeiert wird. Wenn der hessische SPD Vorsitzende Schäfer-Gümbel sogar von "Erlösung" spricht... Nun reist Schulz durchs Land und lässt sich in jedem Landesverband und Ortsverein feiern. Der Umfrageschub für die SPD auf nun 30 Prozent ist die Welle, auf der er jetzt - unterstützt von vielen Medien - surfen kann. Er will Emotionen wecken und dafür sorgen, dass es in diesem Land gerechter zu geht. Im September möchte er dann das Land als Kanzler regieren. Wird ihm das gelingen?
Die Umfragen sind Vorschusslorbeeren, mehr nicht. Sie motivieren vor allem die SPD-Basis für den bevorstehenden Wahlkampf. Die Botschaft ist: "Wir können es schaffen" - und das ist durchaus neu, nach jahrelangen Tiefstständen.
Inhaltlich ist Martin Schulz noch längst nicht ausreichend durchgecheckt. Schulz setzt auf das Thema "Gerechtigkeit", doch das kann zum Boomerang werden. Der jetzige Zustand des Landes, wenn man ihn denn kritisieren will, ist im Wesentlichen das Ergebnis einer Politik, an der die SPD seit der Kanzlerschaft Schröders maßgeblich oder allein mitgewirkt hat. Was soll sich ändern, wird die Frage sein: Wird es das persönliche Gerechtigkeitsgefühl wirklich ändern, wenn Superreiche stärker besteuert werden? Macht die Erhöhung des Mindestlohns um ein oder zwei Euro die Arbeitswelt gerechter?

Schulz will das Bauchgefühl der Arbeiter ansprechen. Und wie war seine Arbeit in Europa? Schulz hat unter anderem für die Haftungsunion gekämpft, in der Deutschland für die Schulden anderer einstehen muss. Er ist seit über 20 Jahre lang Teil der europäischen Bürokratie mit unglaublichen Privilegien. 
Zitat aus der "Welt": "Die Mandatsträger in Straßburg und Brüssel fliegen Business Class, bekommen Anwesenheitsgeld und nach fünf Jahren mehr Rente als ein Durchschnittsarbeitnehmer." Oder lesen Sie hier einmal, was EU-Parlamentarier verdienen: "Laut EU-Selbstauskunft verdienen allein 37 sogenannte Top-Beamte ca. 24.000 Euro monatlich (also mehr als die deutsche Bundeskanzlerin) und am 22 November 2012 berichtete der Spiegel von 214 „hochrangigen“ EU-Vertretern, die mit 178.000 Pfund (220.000 Euro) mehr als der britische Premier David Cameron erhalten. 
2014 schrieb Focus: Martin Schulz ist der Spitzenverdiener. Zusätzlich zum Grundgehalt sammelt der Präsident jeden Monat rund 18.000 Euro an steuerfreien Zuschlägen an, rechnet ein Verwaltungswissenschaftler vor. Plus zwei Dienstwagen und zwei Fahrer.

So privilegiert kann man sicherlich für mehr Gerechtigkeit sorgen, oder? So wie Trump als Milliardär vermeintlich die Arbeiterklasse angesprochen hat, kämpft Schulz jetzt für alle, die weniger verdienen als er über die Jahre verdient hat und noch verdienen wird, denn das Geld hat er eicher gut angelegt und die künftigen Pensionen sind extrem üppig.
Gute Sache, bin echt mal gespannt. Der Kater wird kommen, schließlich gibt es auch noch Wettebewerber in den anderen Parteien, die ihn abklopfen werden. Kann sein, dass der Kanzlerkandidat seinen mutigen Sprung als Tiger ganz profan beenden wird, als Teppichvorleger Angela Merkels.

Freitag, 3. Februar 2017

Trump: It´s NOT the economy, stupid

Gestern abend ging es in Maybrit Illners Talkshow um Trump, insbesondere um Wirtschaftspolitik. Illner war krank, Matthias Fornoff sprang ein.

Es war eine ziemlich langweilige Diskussion, weil alles, was dort diskutiert wurde, schon öffentlich ist und weil es vorwiegend um Wirtschaftsfragen ging. Der Präsident der deutsch-amerikanischen Handelskammer und frühere Ford-Deutschland- Chef Werner Mattes konnte nur Inhaltsleeres beitragen, was ich schon daran erkenne, dass ich mir nichts von dem merken konnte, was er gesagt hat. Peter Altmaier blieb diplomatisch und Jürgen Trittin haute ein bisschen drauf. Die Jungjournalistin Mareike Nieberding hatte den Kern des Problems besser erfasst als die ganze Runde: Es geht nicht um ökonomische Ratschläge. sondern darum, die Demokratie zu retten. Erfrischend war Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts: Sein Hinweis, dass wir endlich mal glauben sollten, dass Trump es ernst meint, und dass die Wirtschaft und unser Land sich darauf einstellen müssen, war richtig. Aber da mache ich mir die wenigsten Sorgen. Die Wirtschaft wird sich schon zu wehren wissen, Globalisierung bedeutet flexible Anpassung, auch wenn Trump die Zölle erhöht.

Ich halte die Diskussion über Trumps neuen Protektionismus zwar für notwendig, aber nicht für den Kern des Problems. Die gesellschaftlichen Schockwellen, die derzeit durch Amerika gehen, mögen eine Folge der Wirtschaftsentwicklung sein, aber sie haben längst eine Eigendynamik entwickelt, die das Land zutiefst spaltet.

Bill Clinton hatte seinen Wahlkampf gegen George Bush mit dem Slogan gewonnen: "It´s the economy, stupid". In ihrem Buch "It's the middle class, stupid" beschrieben die früheren Wahlkampfhelfer Clintons, James Carville und Stan Greenberg, 2012 den Mittelstand als die entscheidende Zielgruppe. "Der Wahlkampf sollte sich nicht um das Haushaltsdefizit oder Außenpolitik drehen, sondern rein um die Mittelschicht", sagte Greenberg damals laut "Spiegel Online". Das war ziemlich prophetisch. Trump hat das erkannt, seine Zielgruppe ist die amerikanische Mittelschicht. Laut Guardian verdient die Mehrheit seiner Wähler mehr als 50.000 Dollar im Jahr. Wer weniger verdient, wählte mehrheitlich Hillary Clinton. Zur Mittelschicht werden laut einer Studie alle Haushalte gerechnet, deren Jahreseinkommen zwischen 42.000 bis 125.000 Dollar liegt. 2014 lag der Anteil der so definierten Mittelschicht in den USA laut FAZ bei 49,9%.

Dass die Mittelschicht Trump gewählt hat, liegt meines Erachtens nicht an den wirtschaftlichen Wahlversprechungen Trumps. So schlecht geht es der Mittelschicht in den USA nicht, auch wenn sie seit Jahren schrumpft.
Es geht vielmehr um die Anfälligkeit eines Teils der Mittelschicht für rechten Populismus. In Deutschland würden wir es Hauswartsmentalität nennen: Solche Leute gibt es in jedem Land. Sie sind misstrauisch gegen alle Minderheiten, pflegen einen versteckten Rassismus, achten darauf, dass sich alle an Normen halten, haben ihr Gewehr im Schrank und beobachten den Nachbarn. So etwas gibt es auch in Deutschland.
Trumps Wahlerfolg hat viel weniger mit Wirtschaft oder "Abgehängten" zu tun, als es den Anschein hat. Es handelt sich um ein Revival des Spießertums, das sich wieder breitmacht, auch hierzulande, so eine Art Umkehr der 68er-Spätfolgen. Als Spießer darf man endlich mal wieder sagen. was man denkt.
In den sechziger Jahren protestierten Demonstranten mit den Schlagworten: "Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren". Heute zeigt sich, dass der Muff immer noch im Bürgertum steckt, und wie! Darüber müsste intensiver diskutiert werden.
It´s not the economy, stupid. It´s the bill of rights.

Mittwoch, 1. Februar 2017

BrunoMedia GmbH wird 15 Jahre alt, ein Rückblick

Zufällig hat mich heute Facebook daran erinnert, dass meine Firma schon 15 Jahre alt wird. Wow, bin selbst erstaunt.
Im Februar 2002 wurde die BrunoMedia GmbH ins Kölner Handelsregister eingetragen. Zum Jahresende 2001 hatte ich die Chefredaktion von CAPITAL mit einer stattlichen Abfindung verlassen. Matthias Prinz war damals mein nicht ganz billiger Anwalt, der mich aber prima unterstützt hat.
Mit Rolf Wickmann, der damals als G+J-Zeitschriftenvorstand die unangenehme Aufgabe hatte, mich nach zehn Jahren tatsächlich erfolgreicher Arbeit bei CAPITAL zu feuern, duze ich mich heute, wir sind gute Freunde. Mit vielen ehemaligen Capital-Kollegen stehe ich noch in Kontakt. Ich war ehrlich gesagt froh, dass ich die mit dem Börsencrash verbundenen drastischen Kosteneinsparungen und damit verbundenen menschlichen Schweinereien nicht mehr umsetzen musste. Bekanntlich ging es mit Capital danach rapide abwärts, bis hin zur Schließung der ganzen Redaktion in Köln.

Bei Gründung der Firma hatte ich noch die Absicht, gemeinsam mit Holger Wiemann, dem ebenfalls geschassten früheren Gruner+Jahr Geschäftsführer in UK, ein reines Corporate Publishing Unternehmen aufzusetzen. Holger ging dann seine eigenen Wege und ich begann zu akquirieren. Die Abfindung ermöglichte mir die Selbstständigkeit, denn es dauerte lange, bis die ersten Aufträge reinkamen.
Jürgen Kindervater, damaliger Kommunikationschef der Deutschen Telekom verhalf mir zu einem ersten Beratungsauftrag in der Telekom-Werbeagentur (damals Spieß. Ermisch, später Citigate). Nach einem halben Jahr konnte ich die ersten Kundenmagazine akquirieren. Dann kam ein Großauftrag herein: Der Bauer-Verlag bot mir an, sein Magazin "Geldidee" im Outsourcing zu übernehmen. Mit großartiger Unterstützung diverser Kollegen, insbesondere Stephan Scoppetta und Stefan Terliesner- zwei ehemaligen Capital-Kollegen und Berndt Schramka, dem früheren stv. Leiter der Henri-Nannen-Journalistenschule und nicht zuletzt dem Art Director Stefan Glückert schafften wir teilweise in Nachtschichten, dieses vierzehntägliche Magazin über eineinhalb Jahre mit 15 Leuten zu stemmen. Sanieren konnten wir es, retten aber nicht, da trotz über 60prozentiger Kostensenkung das Anzeigengeschäft nicht ausreichte. Die Geldidee wurde dann mit "Wertpapier" fusioniert, doch auch das endete mit einer Redaktionsschließung.
Ich lernte dann beim Skifahren David Holyoak kennen, einen überaus sportlichen Engländer, der für ein Tauchbuchprojekt einen deutschen Partner suchte. Ich sagte sofort zu, gründete einen Buchverlag und realisierte das bestverkaufte Tauchbuch "Tauchen weltweit". Mit Lidl konnte ich dann eine Sonderausgabe verabreden, die sich in einer Woche 25.000 mal verkaufte. So kamen mit Lidl weiter Bücher zustande: Angelbücher, Tauch- und Angel DVDs (erfolgreich in Frankreich) und mehr. Wenn ein Tauchbuch funktioniert, so dachte ich, sollte ein Fußballbuch zur WM 2006 erst recht funktionieren. Ich kaufte die Lizenz von David und Lidl bestellte 90.000 wunderbar ausgestattete Bücher - die ganze Fußballgeschichte, 2000 Bilder etc. für 9.80 € Ladenpreis! - fürs Inland und weitere 50.000 für Irland und England. Übersetzt, in der Slowakei gedruckt und termingerecht produziert.
Vier Wochen vor der WM hatte die deutsche Mannschaft und Klinsi allerdings eine unglaublich schlechte Presse und die Lidl Sonderaktion Fußball wurde ein großer Flop. Lidl verkaufte in Deutschland gerade mal 15.000 Stück, der Rest kam in Orangenkisten zurück.  Ein Desaster. Statt 100.000 € Gewinn machte ich 400.000 € Verlust und ging fast pleite. Zum Glück stieg meine Schwester Kira Kubenz als Gesellschafterin ein und rettete die Firma. Aus der Patsche half mir dann ein weiteres Buchprojekt: Ein Computerbuch für Senioren. Autoren: Mein Vater (damals 84) und sein Enkel(damals 17), mein Neffe Maximilian Kubenz. Das Buch hieß "Opa das kannst du auch, mein Enkel erklärt mir den Computer". Es wurde ein Bestseller. Zusammen mit Folgeausgaben verkauften wir über 200.000 Stück im Buchhandel. Mein Vater war zu Gast bei Maischberger, im SWR-Nachtcafe und in anderen Sendungen. Doch es zeigte sich, dass einzelne Bucherfolge zwar möglich sind, aber die Risiken denn doch zu groß sind, wenn man sich nicht wesentlich breiter aufstellt. Ich schaltete dann um auf Buchproduktionen für Kunden und konzentrierte mich immer stärker auf Kommunikation. Mit Christoph Caesar gründete ich die BrunoMedia Communication GmbH, die dann mit weiteren Partnern wie Melanie Contoli recht erfolgreich startete. Bis 2012 hatten wir zwei Etagen in einem Haus gemietet, in dem Caesars Großvater noch Kaffee, Zigaretten und Schokolade produziert hatte. Die Großraumbüros hatten viel Charme.
Doch dann zog es mich aus privaten Gründen immer stärker nach Mainz. Ich spezialisierte mich immer stärker auf Finanz-PR, und da machte es Sinn, sich im Rhein-Main-Gebiet niederzulassen. So trennten wir uns in Köln freundschaftlich, die ehemaligen Partner firmierten um in Siccma-Media und ich baute den neuen Standort Mainz auf. Die große Zahl renommierter Kunden, die ich heute mit einem kleinen Team betreue, spricht auch in beruflicher Hinsicht für die Richtigkeit dieser Entscheidung. In Mainz fühle ich mich wohl und die vielen Kontakte zu kompetenten Wirtschaftsjournalisten bringen mir ständig Inspirationen.
Ich müsste hier viele weitere Namen nennen, aber ich will meine Leser nicht überfordern. Dank an alle!







Sonntag, 29. Januar 2017

Trump und die Neurechten

Heute habe ich mir mal in der WELT Leserkommentare zum Thema Trump angesehen. Es ist unglaublich, wie viele deutsche Trump Fans sich hier anonym und tumb tummeln und dafür auch noch viele Likes bekommen. Es gibt tatsächlich Leute, die sich einen deutschen Trump wünschen. ich kann es kaum glauben, siehe hier (vorher anmelden).
Wie prophetisch war das verfilmte Buch "Er ist wieder da"! Als ich diesen Film gesehen habe, musste ich kurz vor Schluss abschalten. Ich konnte es nicht ertragen. Was witzig anfing, ein auferstandener Führer in Wehrmachtsuniform, steigerte sich zu realer Unzumutbarkeit: Der Führer, entdeckt von einem Fernsehreporter, tritt auf Veranstaltungen auf und redet wie damals. Die Zuschauer reagieren etwa so: "Er ist zwar ein Spinner, aber was er sagt, ist nicht falsch". Genauso reagieren viele Leute auf Trump. Sie kennen seine Lügen, aber was er sagt, finden sie "nicht falsch". So entsteht eine braune Soße, die langsam aus den Löchern fließt.
Interessant, dazu noch einmal Botho Strauss zu lesen. Der "anschwellende Bocksgesang", ein SPIEGEL-Essay von 1993, scheint mir einer der intellektuellen "Vorfühler" dessen, was man heute in "Tichy´s Einblick" liest: Der neurechte Kampf gegen die Kulturdominanz der Linken und Liberalen. Man sagt wieder, was man denkt, was die linksintellektuelle Mehrheit einen angeblich nicht sagen ließ. Es wäre schön, wenn daraus ein demokratischer Diskurs werden könnte, doch das wird nicht passieren. Denn die neurechten Strömungen halten Vernunft nicht aus. Wer sich öffentlich dagegen stellt, erntet eine Flut von Beschimpfungen. Fremdenfeindlichkeit, Aggressivität in der Sprache und Intoleranz sind Markenzeichen der Neurechten. Das macht die Sache so gefährlich.

Wer´s noch nicht gemerkt hat: Donald Trump ist ein notorischer Lügner, dem man nicht trauen kann. Mit ihm endet das Zeitalter der Aufklärung. Vernunft wird abgeschaltet. Schlimm, dass er mit Dekreten soviel Unheil anrichten kann. Hoffentlich bieten ihm weitere Gerichte Einhalt. Der Mann ist ein Psychopath. Er cancelt mit wenigen Federstrichen den Klimaschutz,  Er droht befreundeten Ländern mit Importzöllen, Er greift Honeckers Maueridee auf, er schafft Obamas Krankenversicherung wieder ab. Das Einreiseverbot ist die dümmste Maßnahme gegen den Terrorismus, die man sich ausdenken kann. Längst überprüfte friedliche Muslime und eine ganze Religion werden unter Generalverdacht gestellt. Tausende Mitarbeiter amerikanischer Unternehmen wie Google werden vor den Kopf gestoßen. Das wird Folgen haben. Die Demonstrationen werden zunehmen, hoffentlich. Und zwar weltweit. Es ist gut, dass sich Angela Merkel heute klar gegen den Einreisestopp geäußert hat.

Freitag, 20. Januar 2017

Die Zukunft der Wirtschaftspresse

Ich mache mir Sorgen um die Wirtschaftspresse. Die Auflagen sinken insgesamt weiter, das Anzeigengeschäft reicht weder zum Leben noch zum Sterben.
Warum ist gerade die Wirtschaftspresse dermaßen eingebrochen?
Am meisten interessieren mich natürlich die Magazine, bei denen ich gearbeitet habe.
Capital verkaufte zu seinen besten Zeiten 330.000 Hefte, davon 130.000 im Einzelverkauf. Heute verkauft das Magazin im Einzelverkauf weniger als 5.000 Hefte, die Abos sollen nur noch bei 40.000 liegen. Auch die Wirtschaftswoche hat nach meinen Informationen nur noch 60.000 Abos, früher waren es mal über 110.000.
In ihrer Not melden alle Magazine Mond-Auflagen, die weit entfernt sind von den echten Verkäufen, also ohne Lesezirkel, Fliegerhefte und sonstige Sonderverkäufe.
Die gemeldeten Brutto-Umsätze der Anzeigenabteilungen verschleiern die hohen Rabatte, die gegeben werden müssen. Am Ende erzielt kaum ein Verlag ausreichende Renditen in seinem Kerngeschäft. So versucht man dann die Marken auf andere Weise zu monetarisieren. Das Handelsblatt verdient inzwischen mit Veranstaltungen mehr als mit Anzeigen. Rund 20 Millionen Euro soll der Umsatz mit Events inzwischen betragen. Andere verleihen Preise und suchen ihr Heil im Verkauf von Best-Logos. Nebengeschäfte dominieren das eigentlich Produkt: journalistische Inhalte.
Digitalisierung als Ausweg? Die digitalen Ausgaben arbeiten mit unterschiedlichem Erfolg. Sie können kaum die Printeinbrüche kompensieren. Selbst das reichweitenstärkste Portal, handelsblatt.com (6 Mio. Visits im Dezember 2016) erreicht nicht die Zahlen von Onvista (11.2 Mio.) oder Finanzen.net (28 Mio. ), wenn man laut Statista den wirtschaftsrelevanten Teil ("Anzahl der Visits ausgewählter Webseiten der Themenkategorien Wirtschaft, Finanzen, Job, Karriere") nimmt (die Gesamtzahl der Visits von Handelsblatt.com lag bei 17 Millionen).
Die Zahlen der einstigen Institutionen Capital und Wirtschaftswoche kann man erst recht vernachlässigen.
Die Stroer-Gruppe ist inzwischen mit über 29% Markanteil größter mobiler Werbevermarkter in Deutschland. Ihre Plattformen, darunter T-Online, bieten Reichweite in einem Sammelsurium von Portalen ohne echten Journalismus. Die ehemaligen Plakatkleber dominieren damit ein Werbesystem, das zwar Content braucht, aber keine "guten Geschichten".

Tatsächlich ist es die Relevanz, an der sich die Wirtschaftspresse die Zähne ausbeißt. Ein Magazin namens "Landlust"  muss sich nicht die Frage zu stellen, ob man es braucht. Ein Wirtschaftsmedium muss man brauchen.
Nur: News im Wirtschaftsbereich bekommt man meist umsonst. Nutzwert wird von Portalen wie "Check24" abgedeckt. Börsentipps gibt es in unendlichen Mengen im Internet.

Ist also Qualitätsjournalismus in der Wirtschaft nicht mehr gefragt?
Nach meinen Erfahrungen lesen Manager und Unternehmer nach wie vor jeden Tag, was in der Welt passiert. Doch die neue Generation liest anders, sie scrollt sich morgens auf dem Smartphone durch die Nachrichten, liest am Vorabend die Epaper-Ausgaben und auf dem Flughafen die kostenlosen Zeitungen aller Couleur. Die Kostenlos-Kultur ist gerade in der Wirtschaft weit verbreitet, sie wird verstärkt durch nachrückende junge Generationen. Die Wirtschaft liebt die Kostenlos-Kultur. Selbst reiche Unternehmer freuen sich, wenn sie eine Flasche Bordeaux zum Schnäppchenpreis ergattern. Top-Manager lassen sich den Parkschein abstempeln, wenn sie ein paar Euro sparen können. Und wenn sie bei BILD die kostenpflichtige Bild-Plus Version abonnieren sollen, um das Trump-Interview lesen zu können, schalten sie eben um auf die kostenlose Times-Version.
Ein Dilemma für alle Verlage.
Doch Informationen sind für jedes Unternehmen nach wie vor lebenswichtig. Manager, die sich nicht informieren, sind ungebildet und machen Fehler.
Schon vor zwanzig Jahren, als Capital und Manager Magazin in Spitzenzeiten 500 Seiten Umfang hatten, hieß es: Wer soll das alles lesen? Trotzdem meldeten die Magazine hohe Auflagen und irrsinnige Werbeumsätze. "Wer soll das alles lesen" gilt heute mehr denn je. Das Internet überschwemmt die Menschheit mit Informationen und Desinformationen, die totale Fragmentierung der Informationswelt ist Realität geworden. Sie ist der Feind klassischer Medien.

Reichweite ist für die Werbung heute wichtiger als Qualität. Junge Marketing-Manager reden nur noch von Content, nicht mehr von Inhalten. Content-Fabriken verderben die Preise des klassischen Journalismus. Inhalte werden fürs Google-Ranking präpariert, nicht für die Leser.
Die Medienbranche ist dem härtesten Wettbewerb ausgesetzt, den man sich überhaupt nur vorstellen kann. Einen Ausweg gibt es nicht. Selbst die starken Marken leiden unter langsamer Auszehrung.

Was also tun?
Nachrichten sind inzwischen ein homogenes Gut. Sie sind überall kostenlos erhältlich, warum soll irgendjemand dafür bezahlen? Zahlende Leser gewinnt man nicht durch Nachrichtenjournalismus, sondern durch den Blickwinkel der eigenen Marke.
Zu den nach wie vor erfolgreichen Medien gehört die ZEIT. Sie hatte früher mit Gräfin Dönhoff, später mit Helmut Schmidt renommierte Herausgeber und mit Giovanni di Lorenzo den besten Chefredakteur in Deutschland. Die ZEIT ist ein Autorenmedium, ohne Hektik, ohne Schaum vor dem Mund, gründlich und umfassend. Meinungsstark, aber nicht bevormundend. Von ihr kann man viel lernen.

Mein Rat an Wirtschaftsmedien, die auch in Zukunft erfolgreich sein wollen:

  1. Autorität und Relevanz schaffen: Voraussetzung dafür sind namhafte Herausgeber, brillante Kolumnisten, überzeugende Analysen. 
  2. Meinung und Kommentierung durch erfahrene Journalisten stärken. Kindergesichter sind dafür (noch) nicht geeignet.
  3. Leuchtturmgeschichten in jeder Ausgabe schaffen. Journalisten auch mal mehrere Wochen Zeit für Recherchen geben. 
Wenn diese drei Bedingungen erfüllt sind, können und müssen alle Register der Digitalisierung gezogen werden. Nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich. Facebook kann zum Instrument der Kundenbindung werden, denn es führt gleiche Interessen zusammen. Facebook könnte die gemeinsamen Interessen aller FAZ-Leser herausfinden. Das kann man als Filterblase kritisieren, für Verlage kann es aber ein höchst nützliches Instrument werden, zumal die Entwicklung ja nicht stehen bleibt. Leser zu binden, ist schließlich die wichtigste Herausforderung jedes Mediums.

Das alles kostet allerdings Geld. Wer als Verleger erfolgreich sein will, muss investieren, und zwar in journalistische Qualität, nicht in Content.


Montag, 16. Januar 2017

Trump in BILD und Times - was ist die Botschaft an uns?

Mit dem Trump-Interview ist Kai Diekmann kurz vor seinem Ausscheiden bei Springer ein echter Scoop gelungen, das muss man ihm lassen. Gleiches gilt auch für Michael Gove von der ehrwürdigen britischen Times. Dort liest man übrigens - anders als bei BILD - das Original-Interview kostenlos, wenn man sich registriert.
Nun feiert sich BILD erwartungsgemäß über die Maßen: "BILD-Interview bewegt die Welt."
CNN durfte Trump nicht fragen, BILD und Times durften. Eine selektive Auswahl, die sicherlich andere Medien vor Neid erblassen lässt.
Aber was sagen uns die Inhalte?

Nun, ich habe mir die ausführliche englische Komplettfassung in der Times durchgelesen.
Interessant zunächst das dazu veröffentlichte Bild mit einem überladenen Schreibtisch, wie man ihn eher bei Redakteuren vermutet. Trump mag Ordnung, sagt er. Aber sein Schreibtisch sieht nicht danach aus.
Vielleicht war das Absicht. Es soll vielleicht den Berg von Arbeit vermitteln, der auf den künftigen Präsidenten Amerikas wartet. Vielleicht sieht seine Politik so aus. Das wäre die üblere Variante.

Dann das Interview. Immer die gleiche Masche: Alles was Trump kritisiert, ist eigentlich "great". Merkel ist great, sie hat nur den einen "katastrophalen Fehler" gemacht, illegale Flüchtlinge ungeprüft ins Land zu lassen. die Nato ist great, nur sollte sie von allen 22 Mitgliedsländern und nicht von fünf finanziert werden. Germany is great, aber sein Handel mit Amerika ist unfair. Mexiko ist great, aber wenn BMW dort Autos für den Export nach USA baut, soll es 35 Prozent Einfuhrzoll bezahlen. Alle sind great, nur Amerika noch nicht, das soll ja erst kommen.
Das hat irgendwie System. Die besten Deals macht man, wenn der Dealpartner - ob Freund ob Feind - verunsichert ist. Trump sieht sich als Kartenspieler, der seine Karten nicht aufdeckt, auch um zu bluffen.
Nato obsolet, Importzölle für deutsche Autos, Iran-Abkommen als "worst deal ever", "katastrophale Flüchtlingspolitik" - alles Schlagworte, die es in die Headlines der Medien schafften. Und dann ist Merkel a "great, great leader". Die Nato keineswegs obsolet, nur falsch finanziert. Der Brexit ist great und er ist stolz darauf, ihn vorausgesagt zu haben, aber den Namen der neuen Premierministerin hat er nicht parat. Den von Juncker schon gar nicht.

Mit diesem Interview hat Trump sich nicht offenbart, sondern nach seinem Wahlkampf eine erste Einschüchterungsrunde aufgemacht. Das allgemeine Erschrecken ist groß. So wird dann alles, was nicht durchgesetzt werden kann, Erleichterung auslösen. Gut für die Börse.

Je konkreter seine Ankündigungen sind, desto mehr Widerstand wird sich regen. In den USA, aber auch weltweit, vor allem in China und in Europa. Trump wird den Gegenwind bald zu spüren bekommen. Auch aus den eigenen Reihen.

Was bleibt als beste Botschaft dieses Interviews? Eindeutig die Bekämpfung des IS. Die bisherige Nahost-Politik der USA war ein einziges Desaster, da hat Trump völlig Recht. Hier wird es ohne Kooperation mit Russland und den Europäern nicht gehen.
Wie er es besser machen will, wird man sehen. Die Zeit der Ankündigung von Aktionen ist für ihn beendet. Ein Kartenspieler legt eben seine Karten nicht offen.