Freitag, 3. Februar 2017

Trump: It´s NOT the economy, stupid

Gestern abend ging es in Maybrit Illners Talkshow um Trump, insbesondere um Wirtschaftspolitik. Illner war krank, Matthias Fornoff sprang ein.

Es war eine ziemlich langweilige Diskussion, weil alles, was dort diskutiert wurde, schon öffentlich ist und weil es vorwiegend um Wirtschaftsfragen ging. Der Präsident der deutsch-amerikanischen Handelskammer und frühere Ford-Deutschland- Chef Werner Mattes konnte nur Inhaltsleeres beitragen, was ich schon daran erkenne, dass ich mir nichts von dem merken konnte, was er gesagt hat. Peter Altmaier blieb diplomatisch und Jürgen Trittin haute ein bisschen drauf. Die Jungjournalistin Mareike Nieberding hatte den Kern des Problems besser erfasst als die ganze Runde: Es geht nicht um ökonomische Ratschläge. sondern darum, die Demokratie zu retten. Erfrischend war Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts: Sein Hinweis, dass wir endlich mal glauben sollten, dass Trump es ernst meint, und dass die Wirtschaft und unser Land sich darauf einstellen müssen, war richtig. Aber da mache ich mir die wenigsten Sorgen. Die Wirtschaft wird sich schon zu wehren wissen, Globalisierung bedeutet flexible Anpassung, auch wenn Trump die Zölle erhöht.

Ich halte die Diskussion über Trumps neuen Protektionismus zwar für notwendig, aber nicht für den Kern des Problems. Die gesellschaftlichen Schockwellen, die derzeit durch Amerika gehen, mögen eine Folge der Wirtschaftsentwicklung sein, aber sie haben längst eine Eigendynamik entwickelt, die das Land zutiefst spaltet.

Bill Clinton hatte seinen Wahlkampf gegen George Bush mit dem Slogan gewonnen: "It´s the economy, stupid". In ihrem Buch "It's the middle class, stupid" beschrieben die früheren Wahlkampfhelfer Clintons, James Carville und Stan Greenberg, 2012 den Mittelstand als die entscheidende Zielgruppe. "Der Wahlkampf sollte sich nicht um das Haushaltsdefizit oder Außenpolitik drehen, sondern rein um die Mittelschicht", sagte Greenberg damals laut "Spiegel Online". Das war ziemlich prophetisch. Trump hat das erkannt, seine Zielgruppe ist die amerikanische Mittelschicht. Laut Guardian verdient die Mehrheit seiner Wähler mehr als 50.000 Dollar im Jahr. Wer weniger verdient, wählte mehrheitlich Hillary Clinton. Zur Mittelschicht werden laut einer Studie alle Haushalte gerechnet, deren Jahreseinkommen zwischen 42.000 bis 125.000 Dollar liegt. 2014 lag der Anteil der so definierten Mittelschicht in den USA laut FAZ bei 49,9%.

Dass die Mittelschicht Trump gewählt hat, liegt meines Erachtens nicht an den wirtschaftlichen Wahlversprechungen Trumps. So schlecht geht es der Mittelschicht in den USA nicht, auch wenn sie seit Jahren schrumpft.
Es geht vielmehr um die Anfälligkeit eines Teils der Mittelschicht für rechten Populismus. In Deutschland würden wir es Hauswartsmentalität nennen: Solche Leute gibt es in jedem Land. Sie sind misstrauisch gegen alle Minderheiten, pflegen einen versteckten Rassismus, achten darauf, dass sich alle an Normen halten, haben ihr Gewehr im Schrank und beobachten den Nachbarn. So etwas gibt es auch in Deutschland.
Trumps Wahlerfolg hat viel weniger mit Wirtschaft oder "Abgehängten" zu tun, als es den Anschein hat. Es handelt sich um ein Revival des Spießertums, das sich wieder breitmacht, auch hierzulande, so eine Art Umkehr der 68er-Spätfolgen. Als Spießer darf man endlich mal wieder sagen. was man denkt.
In den sechziger Jahren protestierten Demonstranten mit den Schlagworten: "Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren". Heute zeigt sich, dass der Muff immer noch im Bürgertum steckt, und wie! Darüber müsste intensiver diskutiert werden.
It´s not the economy, stupid. It´s the bill of rights.

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