Montag, 28. August 2017

Bildung und die Inkompetenz der Bundesländer

In diesem Wahlkampf haben die Parteien die Bildungspolitik als Thema entdeckt. Dazu gibt es viele nette Detailvorschläge von allen Parteien,  beispielsweise die Renovierung verwahrloster Schulen. Alles gut und richtig, aber worum geht es eigentlich im Wesentlichen?
Im Kern geht es um die Frage, wie man die Bildungschancen von Kindern aus einkommensschwachen Elternhäusern verbessert. Und hier zeigt sich, dass die Länderkompetenzen das größte Problem sind, und damit auch alle Parteien mit Regierungsbeteiligung, die nun plötzlich die Bildung entdecken.

Laut Pisa Studie aus dem Jahr 2000 hängt der Bildungserfolg in keinem OECD-Land so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Man könnte ergänzen: Der Bildungserfolg hängt auch davon ab, in welchem Bundesland die Kinder zur Schule gehen. Die Bertelsmann-Stiftung hat in einer aktuellen Studie (hier der Bericht des Tagesspiegel) gezeigt, dass es unglaubliche Unterschiede zwischen den Bundesländern gibt.
  • In Hamburg besuchen 88 Prozent der Schüler eine Schule mit Ganztagsangebot, in Bayern nur 15 Prozent.
  • In Brandenburg bleiben nur vier Prozent der ausländischen Schüler ohne Abschluss, in Sachsen aber 27 Prozent.
  • Hamburg hat mit 62,5 Prozent den größten Anteil von Abiturienten. In Sachsen Anhalt lag der Anteil nur bei 38,1 Prozent (Zahl aus 2014).
Laut Studie verbessern Ganztagsschulen die Chancengerechtigkeit. Die Ganztagsbetreuung von Schülern entlastet Eltern und Alleinerziehende, die bei den Hausaufgaben nicht helfen können, aus welchen Gründen auch immer. Sie gibt auch Schülerinnen und Schülern Halt, die in schlimmsten Verhältnissen aufwachsen, mit denen sich die Öffentlichkeit nur ungern beschäftigt: Alkoholismus, häusliche Gewalt, Aggression, Vollstopfen mit Süßigkeiten, Rauchen, Fast Food. 

Leider  breitet sich der Ganztagsunterricht viel zu langsam aus. Erst vier von zehn Kindern haben die Möglichkeit, eine Ganztagsschule zu besuchen. Bis alle Kinder in Ganztagsschulen untergebracht werden können, würde es beim bisherigen Tempo noch 3 Jahrzehnte dauern, so die Autoren der Bertelsmann-Studie, die sich ein schnelleres Reformtempo wünschen. 

Im Grunde geht es beim Thema "Chancengerechtigkeit" um Sozialpolitik und nicht um Bildungspolitik. Es wäre gut, wenn man das klarer ausspricht, und damit auch den Ländern Sozialverantwortung zuweist. Die Länder müssen nicht nur die Ganztagsschulen vorantreiben, sondern auch die Abbrecher-Zahl von Schülern mit Migrationshintergrund senken. Sie ist mit über 12 Prozent immer noch viel zu hoch, wenn man junge Leute ohne Perspektive von der Straße holen will (insgesamt ist die Zahl aller Schüler ohne Abschluss seit einigen Jahren rückläufig).
Übrigens ist die Zahl der Meisterprüfungen im Handwerk von 45 000 (1991) auf 22.000 (2015) zurück gegangen. Kein Wunder, denn jeder will ja heutzutage studieren. Die Zahl der Studierenden ist seit dem Wintersemester 2002/2003 von 1,94 auf 2,8 Millionen (WS 2016/17)gestiegen.  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen