Sonntag, 17. September 2017

Middelhoff zum Zweiten: Das Buch von Massimo Bognanni

Knapp zwei Wochen nach Middelhoffs Autobiografie ist die Biographie des Handelsblatt-Redakteurs Massimo Bognanni erschienen. Er gehört zum Investigativ-Team der Wirtschaftszeitung, das ihn bei den Recherchen unterstützt hat.
Ich habe dieses Buch direkt nach der Lektüre von Middelhoffs "A115-der Sturz" gelesen. Sozusagen im "Zweierpack". Dazu hat man ja selten Gelegenheit.
Bognanni listet Middelhoffs berufliche Karriere mit all ihren Sprüngen und Rissen minutiös auf, immer aus der Sicht eines außenstehenden Beobachters, der mit dem Delinquenten nicht gesprochen hat. Ihm war angeboten worden, das Buch gemeinsam mir Middelhoff zu verfassen, aber Bognanni hat sich darauf zu Recht nicht eingelassen. Dazu ist seine Sichtweise viel zu weit von Middelhoffs Selbstdarstellung entfernt. Middelhoff konnte er daraufhin nicht mehr sprechen.

Der zu drei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilte einstige Topmanager hat sich in seinem Buch nur am Rande mit den Ereignissen auseinander gesetzt, die zu seiner Verurteilung führten. Er sieht bis heute keine Verfehlungen, seine Kritik gilt den schlimmen Zuständen einer Untersuchungshaft, seine Selbstkritik gilt immerhin dem Narzismus, den er rückblickend für sich konstatiert - heute als "anderer Mensch". Das habe ich in meinem letzten Blog ausführlich kommentiert: Man muss wirklich einmal diskutieren, wie eine Untersuchungshaft die Menschenwürde beachtet, egal wer einsitzt. Schließlich ist der Häftling noch nicht verurteilt. Middelhoff wurde gleichwohl wie ein gefährlicher, überdies flucht- und suizidgefährdeter Schwerverbrecher behandelt.

In einem ist sich Middelhoff mit Bognanni einig: Der Handelsblatt-Reporter zeigt an vielen Beispielen auf, wie dieser in allen Phasen seiner letzten Managerjahre unter dem Druck litt, bedeutungslos zu werden, und immer wieder die Nähe zu Journalisten suchte, sie zu sich nach Hause einlud, immer im Glauben, die Medien überzeugen zu können, um am Ende doch ihr Opfer zu sein. Insbesondere die Recherchen und Veröffentlichungen des Spiegel haben ihn im Verlauf geradezu waidwund geschossen und sicher auch ihren Einfluss auf seine Richter gehabt.  Der Vorsitzende Martin Schmitt behauptete, er hätte noch nie jemanden erlebt, der vor Gericht so viel gelogen hätte. Allerdings ist von den zahlreichen Vorwürfen am Ende recht wenig übrig geblieben. Umso heftiger war die Kritik an dem extrem harten Urteil. Doch der Bundesgerichtshof hatte in der Revision nichts daran auszusetzen.
Während Middelhoff sehr emotional die Demütigungen und den krankmachenden Schlafentzug im Untersuchungsgefängnis zum Gegenstand des Buches macht - im Grunde ist die Bezeichnung "Autobiographie" falsch - nimmt Bognanni die nüchterne Perspektive des unabhängigen Wirtschaftsjournalisten ein.
Er beschreibt akribisch die permanenten - und oft nicht eingehaltenen - Versprechungen und Ankündigungen Middelhoffs im Verlauf der Karstadtkrise gegenüber Journalisten. Das zu lesen, macht schon nachdenklich. Karstadt war offensichtlich ein Loch ohne Boden und Middelhoff versuchte während der Krise das Unternehmen als Holding namens "Arcandor" neu auszurichten und riesige Finanzlöcher zu stopfen. Die Quelle-Erbin Schickedanz, die ihr Vermögen von der damaligen Privatbank Sal. Oppenheim verwalten ließ, hatte er wohl zum Aktieneinstieg überredet. Als es bergab ging, verlangte sie von ihm, das Ruder in die Hand zu nehmen. Doch die Banken zweifelten immer mehr. Es war dann am Ende das Bankhaus Sal. Oppenheim, das  den letzten Kredit vor der Insolvenz gab und dadurch beinahe selbst in die Insolvenz ging, hätte die Deutsche Bank das alteingesessene Unternehmen nicht übernommen. Im Ergebnis verlor Madeleine Schickedanz ihr ganzes Vermögen. Später ging es dann weiter mit der Gründung eines Private Equity Unternehmens gemeinsam mit Florian Lahnstein und Roland Berger. Middelhoff stieg dann aus, bezahlte aber seine Ausstiegskosten nicht. So machte er sich Roland Berger zum Feind. Bognanni beschreibt diese Dinge recht präzise, ob sie alle stimmen, kann ich nicht beurteilen.
Man erfährt an diversen Beispielen, wie ungern Middelhoff seine Rechnungen bezahlte. Etwa bei der Festschrift für Mark Wössner. Der Dienstleister, der diese Festschrift produziert hatte, hatte die Rechnung an den Privatmann Middelhoff mit der sinngemäßen Bezeichnung "Honorar Festschrift" geschickt. Der leitete die Rechnung an die Arcandor-Buchhaltung weiter, die sich jedoch weigerte, die Rechnung zu bezahlen, weil die Rechnungsanschrift nicht auf Arcandor lautet. Daraufhin wurde die Rechnung neu an Arcandor ausgestellt mit der sinngemäßen Begründung "diverse redaktionelle Arbeiten". Und bezahlt, wobei Middelhoff privat rund 30.000 Euro beisteuerte. Kein Wunder, dass der Richter hier einen Fall von Untreue gesehen hat, obwohl sich Middelhoff darauf berief, dass Wössner als Quelle-Aufsichtsrat dem Unternehmen verbunden war.
Bognanni beschreibt schließlich ausführlich das viel kritisierte Luxusleben Middelhoffs und dessen kaum zu glaubenden Ausgaben dafür.  Middelhoff fühlte sich reich, er war es aber nicht wirklich. Zwar hat er bei Bertelsmann und später viel Geld verdient, es aber auch mit vollen Händen ausgegeben. Bognanni erklärt das verblüffend: Durch seine Abfindung bei Bertelsmann sei er plötzlich zu so viel Geld gekommen, dass er nicht wusste, was er damit machen sollte. So kam er auf den mit Sal.Oppenheim verbandelten Projekt-Initiator und gelernten Maurer Joseph Esch, dem er sein ganzes Vermögen anvertraute. Der investierte das Geld in diverse Immobilienfonds, unter anderem in solche, die durch Vermietung an Karstadt verdienten. Esch kaufte ihm die Villa in St.Tropez und seine 33-Meter.Motoryacht "Medici". Villa und Yacht durften sich dann Vorstände, Geschäftspartner und Journalisten ansehen. Reiche Familien kommunizieren nicht, wie sie ihr Geld ausgeben - da war Middelhoff ganz anders.

Es gibt eine Regel im Finanzgewerbe: Mache nie Geschäfte mit deinem eigenen Geld. Middelhoff scheint sich das vollständig zu eigen gemacht zu haben: Was er kaufte, wurde laut Bognanni meist mit Schulden finanziert, seine Reputation machte es möglich.
Spannend ist zu lesen, wie sein Vertrauter  und langjähriger Anwalt Fromm mit diversen Offshore-Firmen in Verbindung gebracht wird, die nach Middelhoffs Privatinsolvenz möglicherweise einen Teil des Middelhoff-Vermögens vor dem Zugriff Gläubigern schützen - was allerdings in dem Buch nicht nachgewiesen wird.

Bei Bertelsmann hatte Middelhoff Großes geleistet: Ihm ist die Übernahme von RTL zu verdanken, das heute regelmäßig die Hälfte des Bertelsmann-Gewinnes reinspült.  Er hat den Verleger des berühmten Random-Buchverlages überzeugt, die Mehrheit abzugeben, beim Verkauf von AOL-Anteilen spülte er Milliarden in die Kassen des Gütersloher Medienkonzerns.
Bognannis Buch hat Middelhoffs Welt mit größtmöglicher Objektivität aufgezeichnet. Das ist verdienstvoll und letztlich ein wichtiger Beitrag zur deutschen Wirtschaftsgeschichte. Im Vergleich der beiden Bücher finde ich allerdings Middelhoffs "Sturz" aufregender, einfach deshalb, weil es außerordentlich authentisch erscheint.
Es wäre interessant zu wissen, wie "Big T" das Konkurrenzbuch kommentieren würde. Aber vielleicht sollte er einfach einen Schlussstrich ziehen und der Sache nicht mehr nachgehen. Managern großer Konzerne sollte der Fall Middelhoff zu denken geben: Hochmut kommt vor dem Fall und Prominenz verschärft die Strafen für Verfehlungen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen