Mittwoch, 13. September 2017

Zu Middelhoffs Buch "A115 - der Sturz"

Ich habe mir dieses Buch sofort gekauft und es in zwei Tagen verschlungen.
Wenige Monate vor dem Urteil am 14.November 2014 hatte mich Dr. Thomas Middelhoff noch angerufen und sich optimistisch gezeigt: "Alle Vorwürfe sind in sich zusammengefallen, es geht jetzt nur noch um Reisekosten". Er und seine Anwälte waren fest davon überzeugt, dass ihn ein Freispruch erwartete, auch am Tag des Urteils. Stattdessen wurde er zu drei Jahren ohne Bewährung verurteilt und noch im Gerichtssaal wegen angeblicher Fluchtgefahr verhaftet. Was für ein Drama. Vom Gerichtssaal direkt ins Untersuchungsgefängnis, ohne die Chance, sich von der Familie zu verabschieden, erst nach Tagen gelang der erste Kontakt zu seinen Anwälten.

Was er im Untersuchungsgefängnis erlebt hat, ist der mitreißend erschreckende erste Teil des Buches. Hier wurde ein Mensch ohne Todesurteil gnadenlos hingerichtet. Am schlimmsten war die wochenlange Folter, der er nachts ausgesetzt war. Wegen angeblicher Suizidgefahr (die ärztliche Gutachten ausgeschlossen hatten) schaltete ein Beamter jede Viertelstunde das Neonlicht in der Einzelzelle an, um zu sehen, ob Middelhoff noch lebte. Wenn er sich nicht bewegte, musste er den Arm als Lebenszeichen hochheben. Dieser folternde Schlafentzug hat offenbar zu einer unheilbaren, lebensgefährlichen Autoimmunkrankheit geführt, die der Anstaltsarzt wochenlang stur als Fußpilz diagnostizierte, obwohl die körperlichen Schäden immer sichtbarer wurden, und Middelhoff wochenlang falsch behandelte. Erst als es der Familie gelang, die Untersuchung durch einen renommierten Professor durchführen zu lassen, der die sofortige Einlieferung in eine Fachklinik veranlasste, wurde Middelhoff umfassend untersucht und seine Krankheit fachmännisch bekämpft. Im Krankenzimmer wurde er dann zusammen mit einem frisch Operierten  rundum die Uhr bewacht, und seine Bewacher im Krankenzimmer sahen sich nachts Filme auf dem Laptop an, die ein ständiges Flimmern im Zimmer verursachten. Blutende Finger, geschwollene Gelenke - bis hin zu einer Herzoperation, das waren die fatalen Folgen dieser Autoimmunkrankheit. Bis heute ist dieser Vorfall ohne Konsequenzen für die Verantwortlichen geblieben. Dieser ganze Vorgang wird von unglaublicher Anstaltsbürokratie und Ignoranz des Anstaltsarztes und der Gefängnisleitung behindert.
Wir lesen jeden Tag in der Zeitung, wie Kriminelle oder Autofahrer, die Menschen überfahren haben, mit Bewährungsstrafen davon kommen. Middelhoff, nicht vorbestraft, wurde wie ein Schwerverbrecher behandelt und ohne Bewährung verurteilt. Und nun machen sich manche Medien darüber lustig, dass er seinen Kapiteln Zitate aus Kafkas "Prozess" oder Bonhoeffer-Briefen voranstellt. Wie kleinkariert! Darf ein Mensch, der so behandelt wurde, keine Gefühle offenbaren, bloß weil er mal Topmanager war?
Middelhoff zeigt weder Reue noch Einsicht. Man muss tief einsteigen um beurteilen zu könne, ob es sich bei den Vorwürfen wirklich um Untreue handelte oder nicht. Da sind zum einen die Privatflüge zu Lasten des Arcandor-Konzerns (früher z.T. Karstadt): von über 600 Flügen mit einem Privatjet soll er 27 privat genutzt und dem Konzern belastet haben.  Hierzu schreibt Middelhoff, für private Nutzungen habe er über 2 Millionen € selbst gezahlt und selbst wenn es in einigen Fällen versehentlich falsch abgerechnet worden sei, so habe es auch Flüge gegeben, die er privat bezahlte, obwohl er sie dem Unternehmen hätte in Rechnung stellen können. Nun ja, man erinnert sich an Einladungsreisen von Landespolitikern (Späth, Streibl, Stoiber), die teilweise mit Rücktritten aber nie mit Gerichtsurteilen bestraft wurden.
Der andere Vorgang, die Kostenübernahme einer Festschrift zum 70.Geburtstag von Mark Wössner (seinem Vorgänger im Amt bei Bertelsmann) durch Arcandor, begründet er mit der Funktion von Wössner im Aufsichtsrat von Quelle(deren Eigentümerin Schickedanz bekanntlich bei Arcandor vor der Insolvenz eingestiegen war) und diversen geschäftlichen Beziehungen, wobei er selber 32.000 von den 200.000 € Kosten gerade deshalb privat bezahlt habe, um den Anschein privater Interessen zu vermeiden. Im übrigen sei alles mit den zuständigen Gremien besprochen worden.
Nun ja, aus einer Broschüre wurde ein dicker Band, und irgendjemand (nicht Middelhoff) muss daran gut verdient haben. "Big T" so sein früherer Spitzname, stellt dann lediglich die berechtigte Frage, ob er die Ausweitung der Kosten von ursprünglich geplanten 30.000 € auf 200.000 € nicht hätte bremsen müssen. Das alles kann man durchaus als Ausflüchte in Frage stellen und dem Richter in seiner über 400-seitigen Urteilsbegründung folgen. Dafür dann aber 3 Jahre ohne Bewährung zu geben, fand ich von Anfang an krass und skandalös - siehe meine Kolumne von 2014.

Vor diesen Ereignissen hatte ich Middelhoff einmal gefragt, warum er diesem Joseph Esch vertraut, dem gelernten Maurer, der mit seinen geschlossenen Fonds wie eine Spinne im Netz agierte. "Es gibt in Deutschland niemanden, der soviel Rendite erwirtschaftet", war seine Antwort. Irgendwo war also auch Geldgier im Spiel. Später bezeichnete es Middelhoff es als seinen größten Fehler, diesem Esch vertraut zu haben.

Der BGH hat die Revision zurückgewiesen, weshalb es relativ sinnlos ist, weiterhin das Urteil in Frage zu stellen. Wichtiger ist, dass unser abgeschotteter Justizvollzug einmal näher untersucht wird - das wünscht sich der Autor. Schließlich geht es dort vielen Gefangenen so wie dem einstigen Top-Manager. Die Insassen schreiben keine Bücher über ihre täglichen Demütigungen, die Bedrohungen durch andere Häftlinge, die Hygienezustände und die unvorstelle Anstaltsbürokratie, und niemand hat eine Ahnung, wie die Zustände in den Gefängnissen wirklich sind.
Ganz besonders muss es um unsere Untersuchungsgefängnisse gehen, in denen viele länger sitzen als erlaubt, gerade bei Wirtschaftsdelikten. Vielleicht sollte sich ein Wallraff einmal in die Gefängnisse einschleichen und seine Erfahrungen veröffentlichen. Middelhoff hat seine Strafe bald abgesessen. Als Manager, so schreibt er, sei er "verbrannt". Ich hoffe, er bleibt gesund und findet nach seiner Freilassung wieder einen Weg in die Normalität und zu seiner Familie zurück.



1 Kommentar:

  1. Herr Brunowsky, chronischer Schlafentzug ist ganz normal. Wenn man kleine Kinder hat. Meine Mutter hat das mit meinen kleinen Schwestern, die Zwillinge sind, mit mir und meinem Bruder irgendwie gut überstanden. Keine Behandlung notwendig. Wenn Babys aufwachen muss man mehr als nur die Hand hochheben, um zu zeigen, dass man noch lebt. Füttern. Windeln wechseln und ab und zu wird man noch angepinkelt (nur von den Jungs (Jungen für nicht Kieler)) Wie man so sagt. Suck it up buttercup.

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